Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228188--53136-3258798- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
60. Zahrgang. «r. 39. frEerlin. 25. Sextemd-r l8S6. /Werrage zur „Arrgemeinen Zeitung öes IuöenLHums". -'I: Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. S£2 Berlin, 21. September. Die Einrichtung unserer Gemeinde, in ders für die hohen Feiertage genüetheten Betsälen die reiferen Hörer der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums als Prediger anzustellen, hat sich auch in diesem Jahre, und zwar diesmal besonders gut, bewährt. Die Kandidaten Dr. Baek, Dr. Neumark, Dr. Hochfeld, Dr. Joseph, Dr. Lueas, Warschauer, Silberstein, Jelski, Walter und Worms haben mit ihren Predigten sich und der Anstalt, die sie herangebildet, Ehre eingebracht. Es ist uns eine angenehme Pflicht, dies ausdrücklich zu konstatiren, und zwar aus zwei gewichtigen Gründen. Einmal, weil ein so reiches Material an tüchtigen Predigern wohl geeignet ist, die besten Hoffnungen für die Zukunft zu erwecken und dem augenblicklich noch herrschenden Mangel gründlich abzuhelfen, sodann aber, weil uns diese Thatsache den sicheren Beweis liefert, daß das Studium der Homiletik, das in den Räbbinerseminaren früher nur so nebenher betrieben wurde — etwa in den'Stunden, die an den modernen Jeschibot für die sogen, „profanen" Wissenschaften übrig bleiben —, an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums, wo allerdings ein Meister der Rede dasselbe lehrt, als ein Hauptgegenstand betrachtet und demgemäß behandelt wird. Am Ende sind doch gute Prediger noch wichtiger als große Gelehrte für die Zukunft des Judenthums in Deutschland. B. Berlin, 20. September. Die jüdische Lesehalle und Bibliothek weist erfreulicherweise einen fortwährend steigenden Besuch auf, der zur Zeit einen Umfang angenommen hat, den bei der Gründung öes Institutes selbst der Vorstand wohl kaum zu hoffen gewagt hat. In dem Quartal vom 1. April bis 30. Juni 1896 wurde die Lesehalle, welche bekanntlich nur jüdische Zeitungen aufweist, von circa 4000 Personen besucht. Es kamen durchschnittlich am Freitag, Sonnabend und Sonntag je 80 bis 70 Besucher, an den übrigen Wochentagen je 30 bis 40. Diese Zahlen sind um so bedeutsamer, als es sich ja um ein Sommer-Vierteljahr handelt, indem der Besuch naturgemäß im Sommer etwas schwächer ist als im Winter. Es zeugt diese lebhafte Theilnahme von einem Interesse für die Vorgänge innerhalb der Judenheit, welches man in unserer Zeit der Indifferenz kaum hätte erwarten sollen. Die Bibliothek, die mit der Lesehalle ver-' bunden ist, ist noch sehr jungen Datums, und infolgedessen weist sie begreiflicherweise noch große Lücken auf. Trotzdem, wird sie ebenfalls recht zahlreich in Anspruch genommen, denn es sind 118 Entleiher eingetragen und am 1. Juli waren 247 Bücher verliehen. Auch hierbei muß man immer wieder berücksichtigen, daß es sich ja um eine Spezialbibliothek handelt, die nur Bücher über jüdische Litteratur enthält. Die starke Benutzung des ganzen Institutes beweist, daß die Begründung desselben einem wirklich vorhandenen Bedürfniß entsprochen hat, und es bleibt nur zu wünschen, daß der Vorstand die genügende Unterstützung findet, um auch die anderen, noch weiter gehenden Tendenzen der jüdischen Lesehalle ihrer Verwirklichung entgegenführen zn können. Berlin, 21. September. Großes Aufsehen erregte im Januar dieses Jahres die Meldung, daß im Ballasttank des deutschen Dampfers „Herrmann" sechs israelitische Auswanderer aus Rußland, die mit 18 anderen Genossen in dem engen Raum verstaut waren, auf der Fahrt von Libau nach Hüll erstickt und ihre Leichen ins Meer geworfen worden seien.. Dem Hauptschuldigen Steuermann Dreesen aus Apenrade wurde das Schiffer- und Steuermannspatent entzogen. Wie jetzt gemeldet wird, hat das Oberseeamt in Berlin dem Führer des Dampfers, Kapitän Lorenzen, das Kapitänspatent entzogen, da er sofort nach Libau hätte zurückkehren müssen, nachdem die Erstickten in dem Tank entdeckt worden waren. 22 Berlin, 20. September. In der Berliner Gewerbe- Ausstellung (Gruppe 19, Schul- und Unterrichtsabtheilung) befinden sich u. a. auch sämmtliche musikpädagogische Werke des als Musikpädagogen und Musikschriftsteller rühmlichst bekannten Herrn Professor Emil Breslaur, der seit einigen Jahren auch den Chor der Reformgemeinde in vortrefflicher Weise dirigirt. Darunter in 13. Auflage seine „Klavierschule", die als beste ihrer Art allgemein anerkannt ist, die „Methodik des Klavierunterrichts". 2. Auflage, in deutscher und holländischer Ausgabe, die „Notenschreibschule", 6. Auflage, deutsch und englisch, „Technische Grundlage des Klavierspiels", 5. Auflage, „Musiklexikon", 19 Jahrgänge seiner musikpädagogischen Zeitschrift: „Der Klavier-Lehrer" u. a. Kp. Aus der Provinz Posen, im September. Einen unersetz- ~ lichen Verlust hat die Synagogen - Gemeinde Neustadt bei Pinne durch den kürzlich daselbst erfolgten Tod des Kaufmanns Philipp Wolfsohn erlitten.. Derselbe war eine lange Zeit daselbst Mitglied und später Vorsteher der Repräsentantenversammlung; außerdem war er zwanzig Jahre hindurch als Schulvorsteher der dortigen jüdischen . Volksschule thätig. In allen Aemtern hat er mit treuer Hingebung seine Kraft eingesetzt. — Der Kaufmann Hepner in Krotoschin hat dieser Tage den Titel als königlicher Kommerzienrath erhalten. Der Dekorirte, ein frommer Glaubensgenosse, hat sich bereits vielfach durch seinen außerordentlichen Wohlthätigkeitssinn ausgezeichnet. — Der weithin bekannte Kaufmann Berthold Schiff in Posen ist im Alter vor 62 Jahren gestorben. Der Dahingeschiedene hat sich viele Verdienste um das Gedeihen der Gemeinde Posen erworben. — In Rakel ist der erste Lehrer Stillmann vor Kurzem in den Ruhestand getreten. Die dadurch erledigte erste Stelle an der dortigen israelitischen Volksschule ist im Regierungs-Amtsblatte mit 1400 Mark jährlichem Einkommen ausgeschrieben und zum 1. Oktober er. zu besetzen. — An der jüdischen Volksschule im Cz e mp in ist Lehrer Ti nt definitiv angestellt worden. — Der Regierungspräsident zu Posen hat der dortigen Synagogengemeinde die Erlaubniß ertheilt, in dem jüdischen Krankenhause der Abraham und Henriette Rohrschen Stiftung eine Hausapotheke anzulegen. Dieselbe ist bereits eingerichtet und am 8. September cr. behufs Betriebseröffnung durch den Regierungs-Medizinalrath Dr. Schmidt und den Apothekenbesitzer Wild aus Posen einer Revision unterzogen worden. — Vor Kurzem starb das langjährige Vorstandsmitglied der Synagogengemeinde Buk, der Rentier Heimann Zirker, im Alter von 82 Jahren; er gehörte auch der Verwaltung des jüdischen Wohlthätigkeitsvereins an. 8. Wolfenbüitel, 14. September. In Gegenwart zahlreicher Festtheilnehmer, unter denen sich Vertreter herzoglicher und städtischer Behörden, die Direktoren der hiesigen Lehranstalten, die Mitglieder der Administration des Samsonschen Legatenfonds, viele ehemalige Schüler der Samsonschule und die am Bau betheiligten Handwerker befanden,- erfolgte heute Vormittag die feierliche Einweihung des neuen Samsonschulgebäudes, nachdem vorher die Schüler unier Leitung ihrer Lehrer von dem alten Schulgebäude Abschied genommen und unter Trommelschlag die Fahnen der Schule nach dem neuen Hause überführt hatten, in dessen Aula die Einweihungvor sich ging. Dieselbe leitete Chorgesang des Schülerchors: „Hoch thut euch auf, ihr Pforten der Welt" ein, worauf Landesrabbiner Dr. Rülf die sehr eindrucksvolle Weiherede über Psalm 127 hielt. Als Mitglied der Administration gab-sodann Justizrath Dr. Magnus - Braunschweig einen Rückblick auf die Geschichte der Samsonschule, deren Stifter-die Brüder Herz und Philipp Samson in dem Jahre 1786 gewesen sind. Anfangs eine Religionsschule, hat sie der Neffe der Vorgenannten der Leitung des Inspektors Ehrenberg übergeben, welcher die Schule in eine deutsche Erziehungsanstalt umgewandelt hat, deren, Ruf bald weithin sich ausdehnte. Das nun verlassene Schulhaus hat seit 1888 seinem Zwecke gedient. Schon seit, mehreren Jahren habe sich das Bedürfniß nach