Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-25 · Heft 39 (25.9.1896) · p. Seite 468

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 468 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228188--53135-3258797
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Heiterkeit oder Voltcürescher Spottlust hot erst mein sel. Vater, nachdem er ein. Jahr als Rabbiner im Amte warabgeschafft. - - Mit dem Eintritt in die Synagoge und nach den üblichen* Umzügen (BaLafot) war aber doch eigentlich das Fest dev.- Alten vorüber, und es begann die Freude der Jungen, ein echtes^ und. rechtes Kinderfest; denn an diesem Abend wurden wir Knirpses im Alter von sechs bis elf Jahren zum ersten Mal im Leben zur Thora aufgerufen. War das eine Freude, eine Aufregung, eiiv Stolz und eine Genugthuung, die wirklich nicht zu vergleichen ist mit den Emfindungen des modernen Knaben, der zum ersten Malin die Tanzstunde geht. Bis in die späte Nacht hinein dauerte dieses Aufrufen, denn kein Kind in der Gemeinde wollte übergangen sein, und Alles harrte während dieser Prozedur auf seinem Platze aus, die Männer unten, die Frauen oben, und wahrer Stolz leuchtete' aus ihren Zügen, wenn ihr kleiner Knirps die beiden Segenssprüche glücklich und ohne jeden. Unfall gesprochen hatte. Das Beste aber kam zuletzt. Nachdem die Thorarollen wieder in die heilige Lade" gestellt worden waren, begann auf der Frauengalerie ein Summen und Surren, ein merkwürdiges Geräusch, das sich nur der Fremdes und Unkundige nicht hätte deuten können, das uns aber wie die' lieblichste Schalmei in die kleinen Ohren klang. Mehrere Frauen hatten nämlich zwei große Säcke voll mit Nüssen und Aepfeln, mit. Mandeln und. Rosinen, gebracht, und diese wurden von der „Frauen-r schul" aus in den Synagogenraum auf die Köpfe der Jungen und s Alten einfach ausgeschüttet. Das gab nun ein fröhliches Balgeiv und Raufen, bis Jeder zu seinem Rechte kam und bis Frantischek^ Dollak ungeduldig die Lichter in der Synagoge auszulöschen anfing. Ernster und würdiger gestaltete sich die Feier, des Simchath Thora-Tages^ am nächsten Morgen. Der Vormittag war tu der? That ein religiöses Freudenfest. Schon vorher waren in der Gemeinde wichtige Unterhandlungen gepflogen worden über die zwei größten Auszeichnungen, welche die Synagoge an diesem Tage an' ihre Getreuen zu verleihen hatte. Es galt nämlich die Proklamation, zweier Verlobungen — mit einer Braut, der Thora; ein Choßen-- Thora, und ein Choßen-Bereschit mußten gewählt werden. Wenn , die Gemeinde an diesem Tage mit ihrem Rabbiner in Frieden lebte — was allerdings .nicht oft vorkam, da dieser mit dem ungebundenen Treiben in der Synagoge am vorhergehenden Tage selten einverstanden gewesen —, so war er natürlich eo ipso der Bräutigam der Thora. Schwieriger war die Wahl des zweiten Bräutigams, und nicht gering war die Neugierde, wenn unser alter Ehasan mit der bekannten fröhlich-feierlichen Melodie seinen „Merschuß^ laut, intonirte und im Namen der alten Gaonim und Exilsvorsteher von Babylon,, sowie auch im Namen der ganzen Loschitzer Gemeinde' den frommen, redlichen und gelehrten ZL. &. aufforderte, als Vräutiganr des ersten Bibelverses (Bereschit) vor die heilige Lade zu treten.. War auch diese Feierlichkeit vorüber, dann hatte die Festfreude sich eigentlich erschöpft. - Es versteht sich von selbst, daß ein solch gefeierter Bräutigam eine Gratulationscour abhalten mußte, bei der es ebenfalls recht fröhlich, aber immerhin würdig und gemessen herging. Hier vereinigten sich wirklich nur die Besten der Gemeinde und hiev galt die Freude in Wahrheit nur der Thora. Manches gute Wort, wurde gesprochen und manche fromme Anregung gegeben. 7 Das junge Volk aber unten iit der Gasse kehrte sich an diesem- Tag nicht viel an gute Worte und fromme Anregungen. Bei ihnen, war die lang verhaltene Weltlust durchgebrochen, und all ihr Sinnes und Trachtem war auf den Abschluß des Festtages gerichtet, der' ihnen ein veritables—Kränzchen bringen sollte. > Das war nun allerdings eine. Neuerung in..der Judengasse. Jr^- alten Tagen wurde ja auch hier und da getanzt — aber nur Jungem mit Jungen, vMdchen^mitvMädHen.! Erst der Geist der neuen Zeit, hatte diese Form der'Vergnügungen in die Judengaffe hineingetragen und. das lustige Völkchen wußte dieselbe seinen Bedürfnissen und Verhältnissen sehr gut anznpassen. Mancher Griesgram schüttelte freilich dabei unwillig sein Haupt, und ein alter Lamdan rief, als. sein Sohn ihn zum ersten Male bat, den Simchath Thora-Ball besuchen zu dürfen, erzürnt aus: Baai jeroeh ubaal jiraozeh! Ein Wort, das ich den Kennern auch in . seinem Doppelsinn nicht zu verdeutschen brauche. Ueber das Kränzchen oder den Ball selbst kann ich leider nur wenig sagen — und zwar aus einem sehr einfachen Grunde: Ich habe nämlich nie hingeheu dürfen —, und so schloß der Freudentag für mich immer mit einem traurigen Finale; denn ich war sehr unglücklich darüber, daß alle anderen Jungen von ihren Müttern dahin mitgenommen wurden, während ich ruhig zu Hause bleiben mußte. Bis in den frühen Morgen hinein dauerte gewöhnlich die Tanzlust und Festheiterkeit des Kränzchens. Dann ging es wieder an die alte Arbeit und an neue Sorgen, Kümmernisse und Entbehrungen. Aber die Erinnerung an den Simchath Thora-Tag und an die einzelnen Vorgänge desselben lebte noch lange in den Gemüthern fort. O ja. es ist sehr schön in unseren modernen Salons und sehr feierlich in unseren neuen Synagogen, aber die alte Frömmigkeit und die alte Heiterkeit können sie uns doch nicht wiedergeben. G. K. Sprerhfaal. ie letzten Feiertage haben wieder eine Unart — man könnte es beinahe Unfug nennen — recht deutlich hervortreten lassen, die schon häufig genug, aber leider ohne Erfolg, gerügt worden ist. Wenn durch diese-Zeilen nur Wenige, die diesen Unfug gedankenlos mitmachen, gebessert - werden, so wäre das schon ein erfreuliches Ergebniß. Es handelt sich nämlich , um das Einwickeln der Gebetbücher. Welchem Mitglieds irgend einer anderen Glaubensgemeinschaft würde es einfallen, sein Gebetbuch fein säuberlich einzupacken, damit man es nur nicht erkenne und in ihm selbst, einen Protestanten oder Katholiken sähe, der zu Gott beten will! Denkt Ihr denn, die Ihr Eure Gebetbücher in Papier hüllt, man sieht Euch nicht den Juden an, Ihr könntet mit dem Buche Eure Physiognomie verstecken? Gerade an dem' Packet in Papier erkennt man Euch und spottet Eurer Schamhaftigkeit. Wir vertheidigen uns mit Recht energisch gegen jede Beleidigung, aber die Beleidigung, die wir uns selbst zufügen, wenn wir unser Gebetbuch als ein Geheimniß verhüllen und unseren Gang in das Gotteshaus leugnen, nehmen wir als selbstverständlich hin. Wer sich aber schämt, Jude zu sein, der soll es auch nicht sein, und nicht an unseren Festen feiern und mit scheinbarer Frömmigkeit seine Nachbarn betrügen. Wir brauchen ehrliche, offene Kämpfer und Juden, die den Muth haben, laut vor aller Welt zu bekennen: Idri anochi! „Ich bin ein Jude!" Berlin, 24. September. Arthur.Mayer. * . Geehrter Herr Redakteur! temv auch das kleine und große Sündenbekenntniß am Versöhnungstage nicht als so etwas. Zartbesaitetes mit Glacehandschuhen angesaßt zu werden braucht, wie dies Manche thun, so trifft wiederum andererseits die Behauptung in Ihrer geschätzten Zeitung auch nicht zu, daß das beregte Sündenbekenntniß keinerlei Versündigung gegen das Ceremonialgesetz in dem alphabetisch geordneten langen Sündenregister angeführt hat. Hier ist thatsächlich an nniTMl tl" tT nicht gedacht worden. Jede Deutung, daß der Verfasser das Speisegesetz nicht gemeint habe, ist ausgeschlossen. Breslau, 16. September. H. Malachowski. Druck und Verlag von Rudolf M-osse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch W itz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.