Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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467 Uebrigens war Reb Rephoel ganz vereinsamt. Seine Rachel war gestorbennoch ehe sie, was ihr Herzenswunsch gewesen war, ihre Fanny unter der Chuppe^ gesehen hatte. Fannys Gatte, der ursprünglich Reb Rephoels Kompagnon gewesen war, hatte trotz des Abrathens seines auch in geschäftlicher Beziehung konservativen Schwiegervaters eine Fabrik in der Hauptstadt gekauft, und Max war in einem Gebirgsstädtchen, in welchem sonst kein einziger Jude wohnte, Bezirksarzt geworden, was Reb Rephoel großen Schmerz bereitete, obwohl ihm die Popularität,. welcher sich der junge Arzt in der ganzen Gegend, bei Bauern, Bergleuten und sogar bei der Geistlichkeit erfreute, sehr wohl that. Mordche, der seinem alten Gönner gerne etwas Angenehmes sagte, kam eines Abends spät, um zu erzählen, daß die jüdischen Marktleute, welche vom Grottauer Markt zurückgekehrt waren, Wunderberichte von der Geschicklichkeit Maxls heimgebracht hätten. In Fabiansberg war eine Grube eingestürzt, und eine Anzahl von Bergleuten war unter den Trümmern begraben. Max blieb zwei Tage und eine Nacht an Ort und Stelle, um den Geretteten sofort seine Hilfe angedeihen zu lasten, er ließ auf seine Kosten Wein und andere Labemittel herbeischaffen und wagte sich noch vor Beendigung der Rettungsarbeiten in die noch immer sehr gefährliche Grube, um den Transport der Verwundeten leiten zu können. Die Bauern der ganzen Umgegend sagten, so ein guter Doktor sei noch nie bei ihnen gewesen, und der Pfarrer hatte sich geäußert, daß dieser Judendoktor bester sei als manche Christen. Der Graf Aldringen, dem die Grube gehörte, war sogar persönlich gekommen, um dem Doktor seinen Dank auszudrücken und wollte ihm ein Geschenk von tausend Gulden überreichen, und da dieser es abschlug, verehrte er ihm eine prachtvolle goldene Uhr mit seinem Namenszuge und die Gräfin eine eigenhändig gestickte Cigarrentasche. Reb Rephoel hatte mit leuchtendem Gesichte schweigend zugehört, denn ihm war die Sache nichts Neues, da er den Vorfall in der Zeitung gelesen und überdies Max ausführlich darüber geschrieben hatte, aber er hatte darüber nichts gesprochen, denn die laute Aeußerung von Vaterstolz war plebejisch. Trotzdem that es seinem Vaterherzen unendlich wohl, zu wisten, daß die ganze Khille mit bewunderndem Neide zu ihm ausblickte, denü in der Zeitung gedruckt zu stehen, war in jenen Tagen eine wahrhaft schwindelnde Ruhmeshöhe. Als aber Mordche geendigt hatte, schüttelte Reb Rephoel mehrere Male schweigend den Kopf, drückte ein Ohr in das vor ihm liegende Exemplar des Talmud und schloß es, zum Zeichen, daß er sich auf eine längere Konversation vorbereite. (Forts, folgt.) Simchath Thora - Erinnerungen. du liebliche, du fröhliche Kinderzeit, da uns der Aufbau der Sukkah noch die hellste Freude bereitete und deren Niederreißen für uns ein größeres Vergnügen war als irgend ein anderes auf dieser weiten Erde! Aber nicht die Lust am Demoliren und Zertrümmern allein ist es gewesen, die uns so viel Vergnügen gewährte, sondern wahrlich nicht weniger die fröhliche und selige .Aussicht auf die heiteren Schlußtage des schönen Festes. Wer nicht in der alten Judengaste gelebt und ihre Freuden und ihre Leiden mitempfunden hat, der kann sich kaum eine Vorstellung von der ungetrübten Heiterkeit solcher Feste machen. In dem eng begrenzten Kreis irdischer Vergnügungen, die das altjüdische Leben kannte und duldete, waren eigentlich nur zwei Tage im Jahre wirkliche Feste: Purim und Simchath Thora. Sonst war das Leben mehr als ernst und nur irgend ein Familienfest unterbrach in wohlthuender Weise die Monotonie dieses Lebenslaufes. Das Purim - Fest, der jüdische Karneval, ist oft geschildert worden; aber ein rechtes Bild vom Simchath Thora-Tage habe ich eigentlich noch nie gesehen. Ich will es versuchen, aus der Fülle meiner Jugenderinnerungen ein solches Bild zu zeichnen, obwohl ich sehr genari weiß, daß meine Skizze weit entfernt davon bleiben wird, ein auch nur annähernd getreues Bild von dem Leben und Treiben eines solchen Festtages geben zu können. Gerade dieses Fest wlirde ja auch in den einzelnen Gemeinden und in den verschiedenen Ländern wesentlich anders gefeiert. In meiner kleinen mährischen Heimathgemeinde fing die Lust schon am vorhergehenden Schemini Azereth an, ihre seltsamsten Blüthen zu treiben. Es ist bekannt, daß in jeder jüdischen Gemeinde die Be- . schäftigung mit den Todten. und der letzte Liebesdienst, dm man ihnen erweisen kann, ehedem nicht die Arbeit bezahlter Männer gewesen ist, sondern vielmehr ausschließlich die freie Bethätigllng der Besten und Frönlmsten in der Gemeinde. Die sogenannte Chewra Kadischah war in der That eine heilige Genossenschaft; sie waltete ihres Amtes mit frommem Eifer und nie versagender Treue. Aber einmal im Jahre, und zwar am Schemini Azereth-Feste, da machten die, deren Amt sonst ein so trauriges, sich eineil rechten Freudentag. Es wurde ein Seudah veranstaltet, d. h. ein Festesten, bei dem es immer hoch herging. Man darf dabei allerdiugs nicht an ein modernes Menu denken; die Hauptsache waren ein Paar fette Gänse mW die Krone des Festes ein recht großer und nicht minder fetter Fladen. Die Feder zittert mir in der Hand, wenn ich an diese Genüsse denke. . . Was ist alle Herrlichkeit moderner Diners, was sind alle Eisspeisen und Baisertorten gegen die Lieblichkeit und Süße eines alten Fladens! Die Ambrosia mag eine vortreffliche Mehlspeise gewesen sein, aber im Vergleich zu unserem alten, mit Mohn und Pflaumellmus und anderen guten Sachen fünfmal gefüllten Fladen war sie doch sicher nur ein sogenannter Schmarrn. Und zu all dem gab es natürlich Wein, viel Wein, sehr viel Wein, feurigen, süßen, Tokayer und andere schwere Weine, welche die Köpfe erhitzten und die fromme Brüderschaft schließlich in einen Zustand versetzten, der nichts weniger als heilig genannt werden darf. Ja, selbst an Toasten fehlte es nicht, und zwar in drei Sprachen: Deutsch, Böhmisch und Jüdisch-Deutsch. Besonders geistreiche Redner wußten sogar diese drei Sprachen geschickt in einander zu mischen. Ms einmal eine fromme Frau, deren Vorname Mirl war-, der Gesellschaft ein Füßchen Bier zur Ernüchterung nach dem Festessen sandte, rief einer der Toastredner begeistert aus: Gut ist das Birl, Es lebe die Frau Mirl! Bis in die Dunkelheit hillein dauerte die Festfreude. Dann sammelten, sich „die lauteren Brüder", um im festlichen Zuge mit Fackeln in die Synagoge zum Abendgebet zu gehen. Das war natürlich eine große Freude für uns Jungen : Der ungewohnte Aufzug, das Leben und Treiben in der sonst so stillen Gasse und die vielen kleinen humoristischen Einzelheiteil, die dabei zum Vorschein kamen, "denn die meisten der frommen Brüder wackelten und fackelten zugleich. ... Waren sie dann in der Synagoge ailgelangt, dann gab es neuen Jubel, neue Scherze; ja, der Uebermuth ging soweit,. daß einer von ihnen mit einer gefüllten Weinflasche auf den Almemor trat und laut ausrief: „Le-chajim Gott!" Diesen Toast althellenischer y Trauhimmel.