Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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--II’—41--—---41-II-—2 L || FEUILLETON 1 if -H-—-----II-II-. Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit/ von Gotthard Deutsch. Zweites Buch. Die Aera des Uebergangs. Zehntes Kapitel. Väter und Söhne. fas große Revolutionsjahr warf seine Schatten voraus. Die vierziger Jahre zeigten dem aufmerksamen Beobachter eine gewaltige Veränderung in dem alten KhillcO-Leben. Die Jeschibahs2) vereinsamten, die Realschulen uub Gymnasien wurden von einer mit jedem Jahre zunehmenden jüdischen Schülerschaar be^ sucht. Die politischen Behörden wurden in der Handhabung der Ausnahmegesetze gegen Juden immer weitherziger, obwohl jene geradeso in Kraft standen, als es im achtzehnten Jahrhundert der Fall gewesen war. Die Märzstürme des Jahres 1848 fegten deü Moder der Jahrhunderte aus den alten'Menstuben. Das Ghetto war verschwunden, an eine Beschränkung der Freizügigkeit, an eine Wiedereinführung von Judensteuern war nicht mehr zu denken. Das innere religiöse Leben der Gemeinde hatte sich auch gewaltig geändert! An Stelle des alten Reb Aron, dem man das Amt eines Vorbeters verliehen hatte, weil er verarmt war, obwohl er dazu gerade so viel Eignung besaß, als zum chinesischen Sprachlehrer, wurde ein Kantor gewählt; der trug einen Talar und eine Sammtkappe und den Tallis zusammengerollt, „wie einen Strick um den Hals", sagten die Frommen. Reb Rephoel ging nicht mehr zum Duchan, um den Priester^ fegen zu sprechen, und, um nicht die drei Gebote zu übertreten, gegen die ein Kohen sündigt, wenn er bei dem Rufe „Kohanim" sich nicht auf die Estrade begiebt, verließ er die Synagoge an den Festtagen immer zeitiger. „Ich lasse mir von dem Schegetz^) mit der Galechmütze4 5) nichts vorsagen," erwiederte er, als er nach dem Grunde gefragt wurde, und dabei spuckte er mit einem ingrimmigen „Püh" aus, als kante er die verhaßte Reform zwischen den Zähnen. Im Uebrigen kümmerte sich Reb Rephoel nicht um die Gemeinde, sie war ihm. zu plebejisch geworden. Die reicheren und gebildeteren Elemente hatten den Ort verlassen. Jossel Parech war in Kohot.^) Natürlich war das in den Augen Neb Rephoels eine Schändung des Amtes, welches sein Vater und Großvater bekleidet hatten. Deshalb blieb' er den Gemeiudeangelegenheiten gegenüber Passiv, er wählte nicht und ließ sich nichtwählen. Nur einmal rückte er den Stadtvätern auf die Bude. Das geschah, als die Rathsherren den entsetzlichen Plan faßten, den Almemor°) aus der Mitte der Synagoge, wo er seit Jahrhunderten gestanden hatte, nach der Ostwand zur heiligen Lade zu rücken. Reb Rephoel legte ihnen zuerst dar, daß diese beabsichtigte Aenderung ein gottloses Unterfangen sei, weil Moses Sofer, sein Lehrer gesegneten Andenkens, dagegen geschrieben hatte: „Alles Neue ist von der Thora verboten", dann behauptete er, daß er nach der Maria-Theresianischen „Kriminal-Prozeß- und Polizei-Ordnung" Gemeinde. 2) Talmudschulen. 8) Ketzer. 4) PriesterkappeS 5) Gemeindevorstand. 6) Die Tribüne. ■ als höchster Steuerträger eine Virilstimme im Gemeinderath besitze, daß nach dem talmudischen Gemeinderechte in einer derartigen Frage die Majorität der Gemeindeglieder nur dann entscheiden könne, wenn sie mehr als die Hälfte der Steuerleistung repräsentire. Reb Rephoel konnte aber leicht einige Anhänger des Alten um sich versammeln, um jeden Majoritätsbeschluß zu verhindern. Schließlich drohte er noch mit einer Privatklage, weil durch die Ausführung des geplanten Beschlusses sein'der Bundeslade gegenüber befindlicher Sitz wegfallen würde. „Und wenn ich sollte bis zum Kaiser gehen und die Sache sollte tausend Gulden kosten, ich werde nicht Nachlassen," setzte er hinzu, nachdem er sein Argument beendigt hatte. Die Rede hatte einen tiefen Eindruck auf alle Anwesenden gemacht. An Reb Rephoel war man Renommiren nicht gewöhnt. Wenn er der Gemeinde Krieg ankündigte, war es ihm Ernst. Die Rede des wortkargen Mannes, dessen Stimme sonst immer wie der dumpfe Ton einer Strafrede klang, schlug in dem heiligen Eifer wie Donnergrollen an das Ohr der Hörer. Auch hatten diese trotz aller Reformsucht zu großen Respekt vor Reb Rephoels Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, als daß sie ihm zu widersprechen gewagt hätten. Nur Jossel wagte einen Einwand. „Herr Kohn," sagte er mit seiner dünnen Stimme, die sich wie das Kreischen einer Wetterfahne anhörte, „Sie können ein „gelernter" Mann sein, aber für uns ist der.Rabbiner meißgebeud." Jossel wollte nämlich hochdeutsch reden und glaubte daher maßgebend ins. Deutsche zurück übersetzen zu müssen. Reb Rephoel stand da, wie man sich Rabban Gamaliel vorstellen könnte, als er seinen Gegner Rabbi Josuah zum Verhör forderte. Sein nach vorn gebeugter Kops hob sich in die Höhe, die buschigen Augenbrauen senkten sich und die tiefliegenden Augen leuchteten vom heiligen Zorne, sein Mund blieb eine Weile geöffnet, ehe er sich zum Reden entschloß. „Es steht in der Gemoro geschrieben," sagte er langsam und feierlich: „Wehe dem Geschlecht, dessen Führer Du bist; wehe dem Schiff, dessen Steuermann Du bist." Das heißt zu deutsch: Wie traurig ist es um die Gemeinde bestellt, in deren Rathsstube Jossele das große Wort führt!" Jossel sprang unwillkürlich, auf, aber ein Blick auf die Gestalt des alten Mannes, der ohne ein Zucken der Augenwimpern ruhig auf seinem Platze geblieben war, bannte ihn fest. Zum Glück packten die beiden Nachbarn Jossels ihn bei den Armen, drückten ihn auf seinen Sitz und sagten: „Vergeß nicht, daß Du in Kohol bist," wodurch sie den voreiligen Jossel vor der Gefahr der Lächerlichkeit bewahrten und ihm die Möglichkeit ließen, später zu renommiren, er. hätte Reb Rephoel über alle Treppen hinuntergeworfen, weim es ihnr nicht um die Würde der Gemeinde zu thun gewesen wäre. Nachdem dieser Zwischenfall erledigt war, erhob sich Reb Rephoel und sagte: „Siebenundvierzig Jahre zahle ich zu Gutem meine Steuern zur Gemeinde und habe noch nie geklagt, daß mir etwas zu viel ist, obwohl Manches mir nicht recht war, aber jetzt will ich nicht nachgeben. Ich bin heute ein alter Mann, ewig leben werde ich nicht. Wenn ich gestorben bin, dann könnt ihr euch ein Zelem^) in Schul hineinstellen, den Galech*) mit der vierspitzigen Mütze habt ihr schon." - Damit war die Reform besiegt, denn selbst der Rabbiner, dem Neb Rephoel so viel wie möglich aus dem Wege ging, wagte nicht mehr, für das früher von ihm gutgeheißene Projekt einzutreten. *) Kreuz. 2) Priester.