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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-25 · Heft 39 (25.9.1896) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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' War nach dieser Hinsicht das Resultat kein absolut sicheres, so vermochte ich bezüglich der anderen Frage: wie und' innnerhalb welcher Zeit Bernstein die beiden Novellen geschrieben habe, ein solches zu bieten. Ein Zusammenwirken günstiger Umstände, das Zeugniß des Herrn Philipp Wertheim, aber auch Briefe von und an Bernstein, die mir aus jener Zeit Vorlagen, lasten keinen Zweifel daran übrig: „Vögele der Maggid" wurde zu Pfingsten 1857 be- . gönnen und binnen kürzester Frist beendet, so daß der Kalender programmmäßig' im Sommer erscheinen konnte. „Mendel Gibbor" wurde zu Ostern 1858 begonnen und im Juni beendet. Dies ist durch meine Aufsätze im vorigen Jahrgang dieser Zeitschrift unwiderleglich nachgewiesen; namentlich kann es keinem Zweifel unterliegen, daß von beiden Novellen vor Pfingsten 1857 auch nicht eine Zeile geschrieben war, noch mehr: daß Bernstein vor diesem Zeitpunkt nicht daran dachte, Ghetto-Novellen zu schreiben. Nun versichert aber Herr Dr. I. Rülf in Memel in Nr. 37 dieser Wochenschrift, daß ihm A. Bernstein selbst 1872 das Folgende über die Entstehungsgeschichte der beiden Novellen miigetheilt habe: „Wer weiß, wie lange, gewiß länger als ein Jahrzehnt haben die Manuskripte bei mir gelegen. Ein guter Freund wünschte einen passenden Beitrag für ein litterarisches Unternehmen, und nochmals sorgfältig überarbeitet übergab ich sie ihm zum Abdruck. Wer weiß, wenn nicht auf diese Weise, ob diese Erzählungen jemals ans Licht gekommen wären." Ich zweifle nicht daran, daß Herr Dr. I. Rülf diese Mittheilung nach bestem Misten und Gewisten, genau so, wie sie sich heute in seinem Gedächtniß darstellt, wiedergegeben hat, aber fraglich ist, ob ihn sein Gedächtniß nicht täuscht. Ist dem nicht so, ist jene Aeußerung von Bernstein thatsächlich so gethan worden, wie Herr Dr. Rülf sie wiedergiebt, dann stünde auch fest, daß Bernstein etwas bewußt Unwahres über die Entstehung seiner Novellen ausgesprochen hat. Daß dein so wäre, daß wir nicht daran zweifeln können, die Arbeiten seien thatsächlich erst zu den oben angegebenen Zeiten und nicht früher entstanden, hierfür verweise ich auf die im vorigen Jahre hier gegebenen Beweise, denen ich noch andere, gleich zwingende Beweise anreihen könnte. Bernsteins mündlicher Aeußerung von 1872 stünden schriftliche Beweise von 1857 und 1858 schroff entgegen. Bei diesem Sachverhalt ist es fast überflüssig, zu bemerken, daß seine Aeußerung von 1872 auch aus inneren Gründen gar nicht richtig sein kann. Daß die Novellen in ihrer ersten Gestalt hastig hingeschriebene geniale Improvisationen sind, hat auch schon, ehe ich die Dokumente hierfür veröffentlichte, jeder Kundige vermuthet und ausgesprochen; sie tragen keinerlei Spur der Ueberarbeitung, geschweige denn gar einer „sorgfältigen Ueberarbeitung". Auch war der Art des Schriftstellers, wie wir sie aus seinen Arbeiten, aber nicht minder aus den übereinstimmenden Darstellungen seiner Freunde erkennen, nichts fremder, als Arbeiten auf Vorrath in den Kasten zu legen. Endlich aber — wann sollte Bernstein die Novellen nach obiger Darstellung geschrieben haben? „Gewiß länger als ein Jahrzehnt" sollen die Manuskripte gelegen haben, die 1857 und 1858 gedruckt wurden, sie waren daher frühestens 1845 oder 1846 geschrieben. Das wird Jeder für unmöglich halten, der Arbeiten Bernsteins aus diesen Jahren kennt; der Stil stimmt absolut nicht. Auch dies vermag ich heute, nachdem ich mich mit Bernsteins Schriften eingehend beschäftigt habe, mit Sicherheit auszusprechen. Angenommen also, daß Bernstein jene Aeußerung sinngetreu gethan hätte, dann hätten wir auch einen Beweis, daß ihm thatsächlich zuzumuthen ist: bewußt, in tendenziöser Weise die Entstehung feiner Novellen vordatirt zu haben. Dann bleibt auch kaum ein Zweifel daran offen, daß jene falschen Angaben, die bei seinen Lebzeiten auftauchten, auf ihn selbst zurückzuführen seien. Dann hätte er, in dem Wunsche, als Bahnbrecher auf diesem Gebiete zu erscheinen und die Priorität Anderer zu bestreiten, für Jene, die über jene Kalender keinen Bescheid wußten, eben das Erscheinungsjahr vordatirt und Anderen gegenüber, die das richtige Erscheinungsjahr kannten, die gleich unwahre Behauptung ausgesprochen, die Novellen seien eben mehr als ein Jahrzehnt Manuskript gewesen. Wie gesagt, dies alles folgert aus der Mittheilung des Herrn Dr. I. Rülf, wenn ihn sein Gedächtniß nicht täuscht. Für diesen Fall hätte ich also nur offen einzugestehen, daß ich mich getäuscht, daß meine milde Auffassung eine unrichtige gewesen und daß jene Leser dieser Zeitschrift, die mir schon damals ihre schärfere Auffaffung mitgetheilt, im Rechte waren. Ich denke dabei namentlich an einen Herrn in Berlin, von besten Zuschrift an mich ich Seite 142 des vorigen Jahrgangs dieser Zeitschrift Mittheilung gemacht habe. Dieser Herr versicherte mich, Bernstein habe 1866 ihm gegenüber erklärt, „die Ghetto-Novelle beginne erst mit diesen seinen Arbeiten". Ich habe damals, bei aller guten Meinung von der persönlichen Glaubwürdigkeit dieses Herrn, meine Ansicht dahin ausgesprochen, „daß selbst ein gutes Gedächtniß eine mündliche Aeußerung nach drei Jahrzehnten nicht so zu reproduziren vermag, daß sie als Beweisstück gelten könnte". Nun wäre durch Herrn Dr. Rülfs Mittheilung eine andere, noch viel präzisere Aeußerung Bernsteins in gleichem Sinne ans Licht gebracht. Und auch gegen sie hätte ich keine andere Einwendung, als die oben ausgesprochene Meinung und ferner meine Ansicht, daß eine derartige Handlungsweise einem Manne von jenem Ueberzeugungsmuth, jener Wahrheitsliebe, wie sie Bernstein in allen öffentlichen Angelegenheiten erwiesen, nicht zuzumuthen ist. Aber ich bin der Meinung, daß diese Gründe auch im vorliegenden Falle genügen. Ich halte demnach, bis der Gegenbeweis erbracht ist, daran fest, daß es nicht Bernstein selbst war, der das Märchen von seiner „Vaterschaft der Ghetto- Novelle" in die Litteratur - Geschichte eingeschmuggelt hat. Gleichwohl hielt ich mich der Verpflichtung nicht für überhoben, darauf hinzuweisen, welche Bedeutung der Mutyeilung des Herrn Dr. Rülf, wenn sie objektiv ebenso' richtig wäre, wie sie unzweifelhaft subjektiv richtig ist, beigemessen werden müßte. Me Ethik der jüdischen Philosophen vor Maimonides. Ein Vortrag von Dr. Martin Schreiner. 11. m besten zeigt es sich beiBachja ben Josef Jbn Pakuda, daß das -neue Element in der Sittenlehre der jüdischen Philosophen eben in der Formulirung der sittlichen Ideen, in ihrer systematischen Bearbeitung besteht. Unter dem Einfluffe der asketischen Litteratur der Muhammedaner kam der Verfaffer des Buches von den „Herzenspflichten" dazu, diese von den Pflichten des Thuns zu unterscheiden,/ und wie fruchtbar der Gesichtspunkt für die Betrachtung der bezüglichen Aeußerungen der Bibel und des Talmuds war, ersehen wir aus seinem Werke, welches wir als eine Beschreibung der religiösen Erfahrung auf dem Boden des Judenthums bezeichnen möchten. Bachja beschreibt, wie wir durch den Glauben an Gott dazu kommen, in der

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