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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-25 · Heft 39 (25.9.1896) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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m 464 Natur, in der Geschichte, im Menschenleben die Offenbarungen Gottes zu erkennen, wie aus dieser Erkenutniß die Pflicht folgt, Gott zu dienen, auf ihn zu vertrauen, all unser Thun seinem Willen unterzuordnen, vor ihm in Demuth zu wandeln, unsere Sünde zu be^ reuen, vor unserem Gewissen stets Abrechnung zu. halten, von eitlen Dingew uns zurückzuziehen und die Liebe Gottes als das höchste Gut zu betrachten.; Bachja neigt zwar stark zur Askese, Fasten und Beten werden von. ihm als die sichere Gewähr gegen Sünde und Berdammniß empfohlen, aber so weit wie die muhammedanischen Asketen, von welchen, die Weltflüchtigen als die vollkommensten Menschen gepriesen werden, geht er nicht, vielmehr betrachtet er das Einsiedlerthum als die niedrigste Stufe der wirklichen Enthaltsamkeit, welche sich viel bester im Getriebe des Lebens offenbart. Dem Dichter und Philosophen Salomon Jbn Gabirol werden zwei ethische Schriften zugeschrieben, von denen die eine, eine Sammlung von Sittensprüchen, welche den Titel „Perlenlese" führt, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von ihm herrührt. Ein Anzahl dieser Sprüche läßt sich in ähnlichen arabischen Spruchsammlungen Nachweisen, so daß wir zur Annahme gezwungen sind, daß die Schrift gar nicht jüdischen Ursprungs ist. An derartigen Sammlungen haben die Araber besonders Gefallen gefunden, und es galt als ein Erforderniß der guten Bildung, in diesen Schriften eine gewisse Belesenheit zu besitzen, um in Briefen und im Gespräche Weisheitssprüche der Inder, Perser, Griechen und Juden anwenden zu können. Die andere Schrift, von der „Verbesserung der sittlichen Eigenschaften", bietet wenig, was uns hier interessiren könntet) Jbn Gabirols Begabung zeigt sich auf anderen Gebieten, als auf dem der Sittenlehre. Daß der Standpunkt des Saadja gegenüber der Askese im Wesen des Judenthums begründet war, beweist das Beispiel anderer Denker, welche denselben Standpunkt eingenommen haben. Es ist nicht die Art des Frommen bei uns, läßt Jehuda Halew i in seinem Werke den Rabbiner sagend) daß er sich von der Welt zurückziehe. Sie darf ihm nicht zur Last sein, und er solle nicht verachten das Leben, denn es ist eine Guadengabe Gottes. Heißt es doch in der Schrift: „Ich will die Zahl deiner Tage voll werden lasten, daß du lange lebest." Vielmehr solle der Fromme diese Welt und ein langes Leben lieben, damit er durch seine Verdienste-im jenseitigen Leben das höchste Gut erlangen könne. Der Weltflüchtige zieht sich nur körperliche und geistige Krankheiten zu, er kann keine Kenntnisse erlangen, welche ihm Gott näher bringen, er verabscheut das Leben, weil er daran keine Freude findet, ja sein Gebet in der Einsamkeit befriedigt ihn auch nicht. Denn diese neuen Gebete, welche er weiß, die vermögen seinen Geist nicht immer zu befriedigen, höchstens so lange sie ihm neu sind. Wenn sie seiner Zunge einmal geläufig werden, offenbart sich in ihnen weder Demuth noch Andacht, und so bleibt er des Tages und des Nachts allein mit seinen hohen und niedrigen Wünschen und Trieben, die in seine Seele gepflanzt sind, er bereut es, daß er sich gebunden, und durch seine Reue entfernt er sich auch noch van dem göttlichen Gute, daß er angestrebt. „Welches ist denn nun das wahre Ideal des Frommen nach eurer Ansicht?" fragt der Chazarenkönig. „Der wahrhaft Fromme achtet wohl auf sein Land, reicht einem Jeden in gerechter Weise dasjenige dar, was ihm zukommt, grebt 1) Eine Darstellung seiner ethischen Ansichten hat Ros in gegeben, Jewish Quarterly Review, Bd. IIL S. 158. 2) Al-Chazari III. 1 ff. Keinem mehr oder weniger, als ihm gebührt, seine Unterthauen aber leiste,: ihm unbedingten Gehorsam, er befiehlt und sie thun, er verbietet und sie gehorchen." „Du sprichst wohl von einem Herrscher, nicht von einem Frommen," meint hierauf der König. „Doch," entgegnet der Rabbiner, „spreche ich nur von einem frommen Mann. Denn was ist denn die Frönnnigkeit anderes, als die gerechte und sichere Herrschaft über die Sinne, über alle Kräfte der Seele, über alle Wünsche und Triebe." Das ist aber der Grundgedanke der Sittenlehre Jehuda Halewis, daß die Frömmigkeit in einer vollkommenen, gerechten und sicheren Herrschaft des Menschen über alle seine Vorstellungen und Triebe besteht, und die Enthaltsamkeit hat nur in der sicheren Zähmung unsittlicher Wünsche zu bestehen. Alle religiösen Einrichtungen sind nur dazu da, diese Herrschaft und Enthaltsamkeit zu sichern. Bei dem Frommen, leisten Körper und Geist dem Willen Gottes unbedingten Gehorsam, die Hand thut, was der erkennende Geist ihr befiehlt, das Wort auf der Zunge steht in Uebereinstimmung mit dem Gedanken, die Zeit des Gebetes, der Erhebung, ist das Herz und die kostbare Frucht des Tages, wie der Sabbath die Frucht der Woche ist. So viel möge genügen zur Kennzeichnung des Standpunktes, den Jehuda Halewi in der Beurtheilung der Lebensgüter eingenommen hat. Seine Ansicht ist weder dem Islam, noch dem Christenthume entlehnt, es ist nur die Lebensfreudigkeit und der Gehorsam gegen die Gotteslehre, welche von der heiligen Schrift gelehrt werden, die in seiner Weltanschauung zur Geltung kommen. Dieser Protest ist nur ein Zeichen dessen, wie energisch das Judenthum sich gegen das Eindringen des asketischen Heiligkeitsideals gewehrt hat. Von größerer Bedeutung ist auch die Ansicht Jehuda Halewis über eine andere Frage der Sittenlehre, über die Willensfreiheit. Im muhammedanischen Spanien herrschte zu jener Zeit die Orthodoxie, welche dem Fatalismus huldigte. Mit großem Unmuthe wendet sich Jehuda gegen, diese Ansicht, die nach ihm so unbegründet ist, daß eigentlich auch Diejenigen, welche sich zu ihr bekennen, nicht an ihre Wahrheit glauben können. Denn wenn die Fatalisten wirklich überzeugt wären, daß alles nothwendig und von Gott vorherbestimmt sei, so dürften sie nie irgendwelche Vorbereitungen treffen. Sie dürften sich nicht bewaffnen, sich mit keinen Nahrungsmitteln ver- > sehen, da sie doch an dem, was über sie verhängt ist, nichts ändern können. Von seiner ausführlichen Begründung der Willensfreiheit möchte ich nur folgende zwei Gründe Jehuda Halewis hervorheben. Es ist eine Thatsache, daß die Ermahnung einen Einfluß auf den Ermahnten hat, auch erfährt der Mensch unmittelbar an sich selber, daß er etwas thun oder unterlassen könne, beides würde nicht stattfinden, wenn der Mensch keine Freiheit des Willens besitzen würde. Wir haben gesehen, wie die jüdischen Denker über die sittlichen Güter und über die Lehre der Willensfreiheit gedacht, wie sie gegenüber der Weltflucht und dem Fatalismus Stellung genommen haben. Wie dachten sie aber über andere Fragen der Sittenlehre, über das Wesen der Lugend, welche Tugenden haben, sie als die Quellen aller übrigen betrachtet, welche Ansichten hatten sie über den Zweck des sittlichen Lebens? Die Reihenfolge dieser Fragen entspricht, keinem einzigen der gegenwärtig herrschenden Systeme der Sittenlehre; ich habe sie aber deshalb hervorgehoben, weil dieselben vorzugsweise, von dem Zeitgenossen Jehuda Halewis, von Josef Jbn Zaddik, dem Rabbiner von Cordova, behandelt werden. Das Wesen der Tugend ist der Gehorsam gegen den Willen Gottes und die Sünde die Auflehnung gegen denselben. Diese Auflehnung kann aber nicht nur in der Übertretung der Gebote

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