Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 462 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Oesterreich, wenn schon keinen Sieg des christlich - sozialen Arbeiterprogramms, so doch eine Durchsetzung der Arbeitermassey mit rein antisemitischen Grundsätzen befürchten lassen. Es sind dies hauptsächlich der beklagenswerte Umstand, daß in Oesterreich einzelne sozialdemokratische Führer jüdischen Stammes sind, und die geringe geistige Reife, die der österreichische Arbeiter im Vergleiche zu dem Arbeiter im Deutschen Reiche besitzt. Dem österreichischen Arbeiter läßt sich das alberne Märchen von dech Einverständniß der jüdischen Sozialistenführer mit dem jüdischest Großkapital viel leichter aufbinden, als dies dem deutschen Arbeiter gegenüber möglich wäre. L - So ist denn der Ausgang des Kampfes, der für die Juden von großer Bedeutung ist, ungewiß. Wie sich die Juden zu ihm stellen sollen? Nun, auch das ist eine Frage, die eine verschiedene BeantL Wartung findet. Am dünnsten gesäet sind wohl Diejenigen, die aus Klaffenbewußtsein mit den Antisemiten gehen wollen, nach ihnch kommen Diejenigen, welche vollkommene Neutralität, also Stimmenthaltung im Wahlkampfe, empfehlen. (Hier und da hört man sogar dem Eintritt in die Sozialdemokratie das Wort reden.) Am häufigsten wird die Ansicht angetröffen, es sei Pflicht, dort, wo der Entscheidungskampf zwischen Antisemitismus und Sozialdemokratie tobe, der letzteren, aber ohne sich mit ihr identifiziren zu müssen, die Stimme zu-geben. Wie man es aber diesbezüglich auch halten mag, soviel steht fest,'daß die jüdischen Stimmen an dem Resultate wenig ändern können, ebenso - wenig, als das autisemitisch-Schillern der jüdischen Sozialistenführer die österreichische Sozialdemokratie vor der gefährlichen Konkurrenz des Antisemitismus bewahrt hat. Viennensis. Zu A. Bernsteins Novellen. Von Karl Emil Franzos.. fte „Allgemeine Zeitung des Judenthums" hat in den letzten Wochen zwei Aufsätze gebracht, die hoffentlich alle Leser interessirt haben, aber doch sicherlich keinen mehr als mich : „Süßkind von Trimberg" von Richard M. Meyer und „Eine Begegnung mit A. Bernstein" von Dr. I. Rülf. Dies mein besonderes Interesse ist ein natürliches; der erste Aufsatz beschäftigt sich mit den Ergebniffen einer Untersuchung, die ich angeregt habe; der zweite streift eine Frage, um deren Klarstellung ich vor einiger Zeit an dieser Stelle bemüht gewesen bin. Ueber den alten Minnesänger und den Werth oder Unwerth der „Erbsage" in Trimberg will ich mir später einmal das Wort erbitten. Hingegen möchte ich meine Bemerkungen zu Herrn Dr. Rülfs Aufsatz schon heute Vorbringen. In beiden Fällen handelt es sich übrigens um dieselbe Arbeit: die nüchterne Nachprüfung litterar-historischer Legenden. vDaß eine derartige Arbeit bei einem Dichter des XIII. Jahrhunderts leicht nöthig wird, leuchtet sicherlich Jedermann ein; daß Mr sie aber auch bei Bernstein nöthig haben, gehört mit zu dem Sonderbarsten, dem man begegnen kann. itz Der Sachverhalt, um dessen Klarstellung es sich handelt, ist vielleicht noch einzelnen Lesern aus meinem Essay über Bernstein ijn vorigen Jahrgang dieser Wochenschrift bekannt; es wird aber doch wohl richtig sein, wenn ich ihn in wenigen Sätzen resumire. Als ich zur Feder griff, um über Bernstein zu schreiben, war ich derselben Meinung, wie so ziemlich jeder Andere, der in dvni letzten zwanzig Jahren über ihn gesprochen hat: ich war überzeugt, daß seine Novellen in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre erschienen seien und hielt, ihn daher auch für den Schöpfer der Novellen - Gattung, die das heutige Leben der Juden schildert, oder, wie er immer genannt wurde, für den „Vater der Ghetto- Novelle". Es stellte sich heraus, daß dies nicht richtig war, daß beide Novellen erst zwanzig Jahre später erschienen sind, daß daher, da eine ganze Reihe von Autoren vorangegangen war, vor Allen Kompert und Schiff, diesen herrlichen Geschichten dies eine Verdienst fehlt und ihrem Verfasser zwar viel anderes Lob, aber nicht .auch der Ruhm eines Bahnbrechers zukommt. Natürlich mußte ich mich dann auch mit der Frage beschäftigen, wie sich diese verblüffende Thatsache erklären mag, wie sich ein derartiger Jrrthum über einen Dichter des XIX. Jahrhunderts festsetzen und in ernsthafte litterar - historische Werke, die sich sonst nur auf die verläßlichsten Quellen stützen, Eingang finden konnte. Mit so absoluter Bestimmtheit, wie ein Rechen-Exempel, lasten sich derlei Fragen selten lösen. So viel aber war gewiß, daß nicht blos die Verschollenheit jenes Kalenders, in dem „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" zuerst erschienen waren, sondern auch hauptsächlich der Umstand dazu beitrug, daß jene Lexikon- Redakteure und Biographen, die danach fragten, aus Bernsteins Familienkreise die falsche Angabe erhalten hatten. ,;Eine Absicht des. Täuschens," betonte ich damals und wiederhole ich heute,' „braucht trotzdem nicht vorzuliegen, es kann sich sehr wohl um einen Jrrthum bona fide handeln." Ein Fall, wo Bernstein selbst die falsche Angabe gemacht hatte, war nicht zu erkunden; ein Zeugniß konnte ich nur, und zwar aus meinem eigenen Briefwechsel mit ihm, dafür beibringen, daß er auf eine Anfrage über die Entstehungszeit der Novellen zwar sonst sehr eingehend und freundlich, aber nicht mit der gewünschten Zeitangabe geantwortet hatte. Andererseits aber unterlag es keinem Zweifel, daß bereits zu Bernsteins Lebzeiten die Angabe, die Novellen seien 1857 und 1858 (statt 1837 und 1838) geschrieben, wiederholt gedruckt wurde, und zwar in Werken, deren Redakteure nur Notizen aufnahmen, die vom Verfasser herrühren oder in seinem Aufträge geschrieben wurden. Aber dies konnte sehr wohl auf einem Druckfehler (3 für 5) oder darauf beruhen, daß die betreffende, von Bernstein mit der Abfassung der biographischen Daten betraute Persönlichkeit ihn mißverstanden hatte. Resumiren wir: Es war sowohl Bernstein als - jenen Mitgliedern seiner Familie, die nach seinem Tode biographische Notizen über ihn mittheilten, der Vorwurf der Sorglosigkeit, der Ungenauigkeit nicht zu ersparen. Aber der Vorwurf, bewußt und tendenziös die unrichtige Angabe erfunden und verbreitet zu haben, war ihnen nicht zu machen. Außerdenl sptach noch für die betreffenden Nachkommen ein Umstand, der wahrlich auch Beachtung verdient: sie gaben als Wahrheit weiter, was schon zu Bernsteins Lebzeiten als Wahrheit gegolten, wogegen er nie remonstrirt hatte. Auch dies vermag ich aus meiner Korrespondenz mit ihm zu erweisen. Bernstein hat mir' für einen kurzen, „Der Vater der Ghetto-Novelle" überschriebenen Aufsatz, der aus den uürichtigen Daten seinen Anspruch auf diese Bezeichnung ableitete, freundlich gedankt, oberer hat mir nicht geschrieben, daß ich im Jrrthum sei. Jndeß, es war ein Glückwunsch- Artikel zu seinem 70. Geburtstag, er hatte ihrer damals wahrlich mehr als einen zugesendet erhalten; er konnte den Jrrthum vielleicht übersehen Haben. . . Dies Ergebniß, zu dem ich damals kam, hat im Leserkreise dieser Zeitschrift nicht durchweg Zustimmung gefunden. Man fand meine Auffassung zu mild, suchte sie zu widerlegen. Ich werde weiter unten darauf zurückkommen.