Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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461 Möglichkeit einer solchen Gestaltung für dieses Jahr sich ergab. Ueber die Art dieser Schwierigkeiten, über die Möglichkeit ihrer Beseitigung in der Zukunft entspann sich nnn eine längere, aber im großen Ganzen recht zwecklose Debatte, aus der bei allem Bedauern, daß der Beschluß der Repräsentanten diesmal nicht zur Ausführung gelangt ist, dennoch die Zustimmung zu der Maßnahme des Gemeindevorstandes herausklang; zugleich aber ward der bestimmten Hoffnung Ausdruck gegeben, daß dies bei rechtzeitiger Vorbereitung nunmehr im nächsten Jahre geschehen werde. Es wurde auch bei dieser Gelegenheit eine Notiz unseres Blattes, daß die Obstruktionspolitik einer Partei dieses Resultat mit verschuldet habe, angegriffen. Nichtsdestoweniger bleibt die Thatsache bestehen, daß durch die Debatten über die Agende des Jugendgottesdienstes mehr als vierzehn Tage verstrichen sind und daß nach Abschluß derselben die Ferien eingetreten sind. Was aber die Schwierigkeiten hinsichtlich der Requisition eines Predigers für diesen Jugendgottesdienst betrifft, so wundert es uns sehr, daß in der ganzen Debatte keiner der Herren Redner auf den doch wahrhaftig sehr nahe liegenden Gedanken gekonunen ist, daß diese Reden an die Jugend Niemand besser und zweckentsprechender halten könnte, als unsere Gemeinde-Religionslehrer, wie dies ja auch in anderen Großgemeinden der Fall ist. Hoffentlich kommt man in den Kreisen der Repräsentantenversammlung auf diesen Gedanken noch zurück. B. Um die fünfte Kurie. Wien, im September, esterreich hat allen anderen europäischen Staaten, was die Erfolge des Antisemitismus betrifft, den Rang abgelailfen. Der Antisemitismus ist hier eine Macht geworden, mit der die Regierung nicht nur schon lange rechnet, sondern sich zu befreunden beginnt. Das beweisen seit der denk- und merkwürdigen Audienz Dr. Luegers beim Kaiser eine ganze Reihe von Symptomen. Wir erwähnen z. B. die in den letzten Tagen aufgedeckte Thatsache, daß auch antisemitische Blätter aus dem Dispositionsfonds genährt werden, sowie die freundliche Begrüßung des ein antisemitisches Gepräge tragenden Katholikentages in Salzburg durch den Regierungsvertreter. Badeni, der gewaltige Antisemitentödter, ist ganz zahm geworden. Wenn man sich nun aber fragt, wodurch der Antisemitismus zu einer Macht selbst der Regierung gegenüber geworden ist, so wird man leicht erkennen, daß cs deshalb geschah, weil er es verstand, den Mittelstand, das Bürgerthum zu gewinnen. Mögen in Oesterreich die feudalen, aristokratischen Reminiscenzen auch noch immer von überragendem Einflüsse sein, so weit hat sich dieses Reich denn doch modernisirt, daß es ohne das Bürgerthum nicht regiert werden kann. Das deutsche und in anderen Formen auch das flavische Bürgerthum in Oesterreich ist aber, wie gesagt, zum großen Theil antisemitisch und wird es von Tag zu Tag mehr. Dies beweist jede neue Wahl in eine der vielen parlamentarischen Körperschaften, dies beweisen die letzten großen Gewerbefachtage in Wien, die vollkommen im Fahrwasser der antisemitischen Partei segelten, dies beweist der seit dem 13. d. Mts. in Wien unter der Patronanz Luegers stattfindende Bauerntag. (Wir nehmen also hier den Begriff des Bürgerthums in seinem modernsten, auch die Bauernschaft umfassenden Sinne.) Es soll hier nicht unsere Sache sein, zu untersuchen, auf welchem Wege und durch welche begünstigenden Umstände die antisemitische Partei so hoch gestiegen ist, daß sie sich nunmehr mit vollem Rechte als die Vertreterin wenigstens der deutscheil Bourgeoisie ausgeben darf. Die Thatsache sei nur konstatirt, um sie durch eine andere zu ergänzen, daß nämlich die antisemitische Partei, kaum mit der einen blutigen Arbeit, der Niederringung der Liberalen, fertig, schon vor einem zweiten Entscheiduugskampfe steht, in welchem sie allem Anscheine nach denn doch weniger leichtes Spiel haben dürfte. Es ist der Kampf mit dein vierten Stande, mit der Arbeiterschaft, resp. mit der politischen Organisationsform derselben, der Sozialdemokratie. So lange der Kampf gegen die Liberalen wüthete, herrschte zwischen Antisemitismus und Sozialdemokratie gewissermaßen ein freundnachbarliches Verhältniß, das durch gelegentliche theoretische Schimpfereien nicht sonderlich gestört wurde. Wenn es nicht bekannt wäre, daß sich in den beiden Parteien zwei gewaltige Weltanschauungsgegensätze verkörpern, man hätte angesichts des gelegentlichen Sozialistelns der antisemitischen und des oft geübten Antisemitelns der sozialdemokratischen Führer an eine enge Verbrüderung glauben können. Jetzt, wo der Liberalismus in Oesterreich so sehr darniederliegt, daß an ein Gesunden desselben kaum mehr zu glauben ist, jetzt, wo also der verbindende gemeinsame Feind fehlt, werden die bisher latent gewesenen Gegensätze frei, es entbrennt der Kampf auf Leben und Tod zwischen den beiden Parteien, der Kampf um die Zukunft. Die erste Schlacht in diesem Kriege werden die in kurzer Zeit stattfindenden Reichsrathswahlen nach dem neuen Wahlgesetze sein. Die fünfte Kurie, den Wahlkörper des allgemeinen Wahlrechts, wollen Antisemiten und Sozialdemokraten erobern. Es ist kein Zweifel, daß diese Schlacht zu Gunsten der Antisemiten ausfallen wird, insofern, als es ihren Gegnern nur in wenigen Wahlkreisen gelingen dürfte, ihre Kandidaten durchzubringen. Die Sozialdemokraten behaupten nun aber, für den Anfang mit den wenigen Mandaten zufrieden zu sein; sie würden mit der Zeit schon vorwärts kommen, wie dies ähnlich bei der deutschen Sozialdemokratie der Fall gewesen sei. Sie schmeicheln sich sogar mit der Hoffnung, allmälig unter dem ländlichen Proletariat und sogar den kleinen Bauern Wurzel zu fassen. Andererseits machen die Antisemiten, die gegenüber dein Einflüsse der Sozialdemokratie auf die Arbeiter recht bangen Herzens sein mögen, die verzweifeltsten Anstrengungen, um die Sozialdemokratie gerade aus ihrem ureigensten Bereiche, der Arbeiterschaft, 31t verdrängen. Der christlich-soziale Arbeiterverein und der christlich-soziale Arbeiter-Reformverein eröffnen fortwährend neue Filialen und Zahlstellen, kein Tag vergeht ohne christlich-soziale Arbeiterversammlungen, deren ständige Programmpunkte „Das Wahlrecht der Arbeiter" und „Christlich-sozial und sozialdemokratisch" sind. Die Referate werden von eigenen christlich-sozialen Arbeiterführern, zuweilen auch von den antisemitischen Parteigöttern, Dr. Lueger, Fürst Liechtenstein u. s. w., erstattet und finden die beifäüigste Aufnahme. Ob diese Liebesmühe der Antisemiten von Erfolg begleitet sein wird oder nicht, wer würde diese Frage leichthin zu beantworten watzen? Es giebt vieles, was für ein Mißlingen der antisemitischen Versuche, die Arbeiterschaft zu gewinnen, spricht, so vor allem die Erwägung, daß eine an wirthschaftlich überholte Zustände anknüpfende Partei nicht auf die Dauer eine Partei besiegen kann, die — man magj über sie denken, wie man will — jedenfalls mit der nichtwieder herzustellenden Vergangenheit abgeschlossen hat. Aber es - giebt wieder andere Erscheiiumgen, welche, wenigstens für