Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1896)
- Date
- 1896-09-25
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
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als solcher vermag hier in unmittelbarer Weise nicht genügend zu helfen, aber er wird selbstverständlich immer die Centralstelle für die einzelnen Verbände sein müssen. ■ - '■ ' Einer der sympathischsten und schönsten religiösen Vereine in Deutschland ist der Gustav-Adolf-Verein. Derselbe hat jüngst in Dessau seine Hauptversammlung abgehalten. Einem Bericht darüber entnehmen wir den folgenden- Passus: „Berichterstatter geht nun die Diaspora durch und spricht über einzelne vornehmlich der Unterstützung bedürftige Gemeinden. Besonders wird hingewiesen auf .die geringe Prozentzahl evangelischer Kinder aus Mischehen in Württemberg und in der Rheinprovinz, ebenso liegt es in Schlesien, von wo aus Bitten um Schulen und um Fürsorge für die Konfirmanden kommen. In Ost- und Westpreußen kämpft der mit dem Katholizismus identische Polonismus gegen Deutschthum und Protestanten, ebenso ist es in Posen, wo elf Gemeinden diesmal kräftig unterstützt werden sollen. In Oesterreich und den dazu gehörigen Ländern ist große Schulnoth, in Siebenbürgen müssen, soll nicht das Niveau des Pfarrerstandes sinken, die Pfarrgehälter aufgebessert werden. Nöthig ist die Hilfe auch in Ungarn, den Balkanstaaten, in Syrien und Palästina, Aufgaben sind endlich noch in Brasilien und Chile zu lösen." Wozu wir diesen Passus hier anführen? Nun, das liegt doch auf der Hand. Genau dieselben Ziele verfolgt auch die Alliance Israelite Universelle — und was dort Recht ist und Vorzug, kann doch hier wahrlich nicht Unrecht und Schaden sein. So sollte man wenigstens meinen. * Die Aera des Antisemitismus zeichnet sich vor Allem durch Demolirung jüdischer Friedhöfe aus. Fast jede Woche kommt eine derartige Meldung. Auch heute berichtet uns ein aus Bonn zugehendes Privattelegramm, daß in einer der letzten Nächte der bei Endenich gelegene jüdische Friedhof in unglaublicher Weise demolirt wurde. Fast sämmtliche Leichensteine wurden umgestürzt und mittelst scharfer Instrumente gewaltsam zertrümmert und die sämmtlichen eisernen Grabgitter anseinandergerissen. Die Polizei hat übrigens bereits mehrere Personen verhaftet, welche an der Demolirung der Grabsteine theilgenommen haben. Von Seiten der Behörde ist die strengste Untersuchung über die skandalösen Vorkommnisse angeordnet. O, das ist ein rechtes Heldenthum, das die Todten in ihren Gräbern angreift! Der letzte Anwaltstag, der hier in der vorigen Woche abgehalten wurde, bereitet unseren Gegnern noch immer Kopfschmerzen. Die Physiognomien und Namen einzelner Anwälte müssen ihnen zu billigen Scherzen herhalten. Demgegenüber hören wir aus authentischer Quelle, daß das jüdische Element in der Versammlung keineswegs irgendwie ausgefallen, geschweige, denn überwogen habe, daß von den mehr als tausend Anwälten, die an den Verhandlungen sich betheiligt, kaum ein Drittel Juden gewesen seien. Die konservativantisemitische Presse gefällt sich aber gleichwohl gerade bei diesem Anlasse darin, die freie Advokatur als liberal-jüdisches Produkt hinzustellen. Nun denn, es ist jedenfalls eine feststehende Thatsache, daß der Anwaltstand sich seither wesentlich gehoben und daß die Prozeßsucht in keiner Weise zugenommen hat. Daß aber die Juden sich diesem Amte eifriger widmen, ist wahrlich weniger ihr Verdienst, noch ihre Schuld, sondern nur die Schuld Derer, die sie von anderen Berufszweigen zurückgedrängt haben und auch jetzt noch zurückdrängen. * ' ' , - ‘ Die strenge Disziplinarstrafe, welche über hohe Offiziere des - 35; russischeu Dragonerregiments verhängtwurde, hat großes Aufsehen erregt, weil es in dem Berichte nur hieß, sie hätten „Juden beschimpft und geprügelt". Die Sache lag aber durchaus nicht so einfach, wie jetzt bekannt wird. Der Lieutenant Bakukin in Medziborsch (Polen) hatte in einem Restaurant die dort anwesenden Juden gröblich insultirt; als sie dagegen protestirten, eilte er wüthend in die Kaserne seines Regiments und rief seine Kameraden zu Hilfe. An der Spitze, von 150 Dragonern zog er nun in die betreffende Kneipe und es begann ein furchtbarer Kampf. Fünf Juden wurden getödtet, 31 schwer verwundet, das Lokal und das ganze Haus wurden demolirü Die meisten jüdischen Häuser und Läden wurden zerstört, bevor die Polizei interveniren konnte. ' r ' ’’ * Auch das Märchen von den blutgierigen spagnolischeu Juden in Konstantinopel kann trotz aller gegentheiligen Versicherungen unparteiischer Berichterstatter noch immer nicht zur Ruhe kommen. So schreibt in der Probenummer des neuen, von Pfarrer Naumann herausgegebenen christlich-sozialen Blattes'„Die Zeit", der frühere Redakteur des „Volk", Herr v. Gerlach, aus der türkischen Hauptstadt Folgendes: 1 „In Haskoi ist das Gemetzel mit am schlimmsten gewesen. Hier hat man auch Frauen und Kinder nicht geschont, während sonst, von Ausnahmen abgesehen, nur erwachsene Männer getödtet wurden. Die Schändung und Tödtung dieser Frauen und Kinder ist, wie mir Deutsche und Griechen gleichmäßig versicherten, auf die Juden zurückzuführen, die überhaupt bei der ganzen Sache eine böse Rolle gespielt haben. Sie waren in Haskoi in großer Ueberzahl und haben sie ausgenutzt. Wo sie sich nicht selbst an dem Gemetzel betheiligt haben, da haben sie den Türken die Wohnungen der Armenier gezeigt. Auch ist der größte Theil des geraubten Gutes zu Spottpreisen in ihre Hände übergegangen. Ich denke nfir, daß der Haß gegen die an Geschäftsschlauheit ihnen überlegenen Armenier sie zu dem Vorgehen gegen sie bewogen hat. Doch versicherte man mir, der Hauptgrund sei gewesen, daß sie sich bei den Türken hätten lieb Kind machen wollen. Thatsache ist, daß der Sultan an seinem Namenstag — 31. August — alle wegen bestimmter Vergehen verurtheilten Juden begnadigt, und daß der Großrabbiner allgemeine Dankgebete für ihn angeordnet hat." 1 So viel Worte, so viel Unrichtigkeiten. Herr v. Gerlach hätte gut gethan, seinen deutschen und griechischen Quellen nicht allzuviel zu trauen, sondern sachkundige Kollegen zu befragen, die ihn sicher einstimmig darüber belehrt hätten, daß die armen jüdischen Lastträger in Haskoi weder an den Massacres, noch an der Schändung von Frauen irgendwie den geringsten An theil Wommen haben lind auch durchaus keine böse Rolle gespielt haben. Die Thatsachen, die Herr v. Gerlach zum Schluß dafür anführt, daß die türkischen Juden patriotische Türken sind, kann dem Kenner der einschlägigen Verhältnisse nur ein Lächeln abgewinnen. * Es war eine willkommene Beute, als die Zeitungen in der Mgangenen Woche die Nachricht verbreiteten, daß der in New-Iork bestehende Unterrichtskursus in der Bereitung von Dynamitbomben, der bei der jüngsten Entdeckung eines nichtswürdigen anarchistischen! Mrnplots eine wichtige Rolle spielte; von einem Juden Namens Räbinowitsch geleitet werde. Nun stellte sich aber heraus, daß die gänz'e Nachricht erfunden ist! Es wird nämlich von zuverlässiger Seite berichtet, daß der angebliche Lehrer Paul Räbinowitsch, ein verkommener russischer Anarchist, der im Jahre 1878' aus Berlin, ' M9 aus Paris ausgewiesen'wurde, sich dann 1882 oder 1883 in ' London niederließ, wo er wegen Fälschung französischer Werthpapiere