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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-25 · Heft 39 (25.9.1896) · p. Seite 458

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
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458 die Kranken zu pflegen, die Tobten zu bestatten, und sagte sich: sie sind beide fromm, und auf verschiedenen Wegen dienen sie beiden mit gleicher Innigkeit dem lebendigen Gotte, und ein Wiederhall dieser/ Volkesstimme, dieser Gottesstimme drang spät genug, nach drei; Jahren, in das Lehrhaus und glättete dort die Wogen des? Streites. f Sollten wir von dieser alten Geschichte gar nichts lernen können?. Ein Jahrhundert heftiger religiöser Fehde liegt hinter uns; der- Streit hat oft die häßlichsten Ausschreitungen hervorgerufen; er hat' die Familien zerrüttet, die Kinder von den Eltern, getrennt und zuweilen die erhitzten Gemüther zu offenbaren Verbrechen getrieben^ Worin unterscheiden sich nun die Parteien? Lehren etwa die Einend man solle den Armen verhungern,' den Kranken verkommen lassen? Ach nein, in allem Wesentlichen herrscht Uebereinstimmung, wir alle feiern dieselben Feste, wir alle glauben an Gott, an ein jenseitiges Leben, an Lohn und Strafe, wir alle hoffen auf eine Zeit der Erlösung und Verbrüderung, wenn auch freilich weder die Frommen noch die Aufgeklärten, um die landläufigen Bezeichnungen beizubehalten/ sich eine klare Vorstellung von dem Jenseits und dem messianischen Zeitalter bilden können; dem gegenüber, was uns verbindet, sind die Unterschiede geringfügig, und dennoch, wie viel fehlt dazu, daß wir sprechen: Diese und Jene meinen es ehrlich, haben das Streben, das Judenthum zu erhalten; und darum Diese und Jene reden Worte des lebendigen Gottes!? . Freilich für die Praxis des Lebens kann es nicht genügen, daß wir das Richtige zweier Ansichten anerkennen und beide Ansichten gelten lasten. Das Volk braucht eine feste Norm, und es richtete sich in alter Zeit nach den Hilleliten; man hatte dafür schwerwiegende Gründe, die auch den Jetztlebenden zu denken geben. Zuerst, di? Hilleliten waren sanft und demüthig. Wie oft ist die Festigkeit, die bei einer bestiinmten Meinung verharrt und sich von ihr nicht abbringen läßt, nichts anderes als Trotz und Eigensinn; sie haben sich verrannt und schämen sich, es einzugestehen. Aber solche Beschränktheit konnte Einer den Hilleliten gar nicht zutrauen; sie waren sanft und demüthig und zeigten im alltäglichen Leben es oft genug, daß sie nicht ihr eigenes Urtheil vergötterten, daß sie sich gern eines Besseren belehren ließen. Das Volk konnte sich in den feinen und oft spitzfindigen Erörterungen des Lehrhauses nicht zurecht finden, aber es dachte sich, daß die Sanften keine einseitige Entscheidung treffen und vorurtheilsfrei prüfen werden. Die Hilleliten nun bekundeten biefeit freien Sinn dadurch, daß sie nie nur ihre Ansicht vortrugen, sondern stets auch den Gegner zu Worte kommen ließen, ja, daß sie dem Gegner das erste Wort ließen. Also die Gottesstimme, die für die Hilleliten entschied, läßt sich herbei, die Gründe dafür anzugeben. Sie lasten sich in dem Satze zusammenfasten: Die Duldsamen, die Milden, die Sanften haben in religiösen Dingen in erster Reihe recht. In der Gegenwart haben die Freunde des religiösen Fortschritts einige Aehnlichkeit mit den Schülern Hillels. Warum nun machen die Freunde des religiösen Fortschritts so wenig Fortschritte? Es scheint, weil sie nicht duldsain genug sind, weil sie oft die Spuren Hillels verlassen. Schon das eigene Verlangen zu begründen ist ihnen oft zu viel; nun gar sich in die Ansicht der Alt- und Strenggläubigen zu vertiefen, den Gründen derselben nachzuspüren, das scheint ihnen vollends ein überflüssiges Bemühendes geht im religiösen Kampf fast noch schlimmer wie im politischen, wo die eine Hälfte des Volkes der anderen alle möglichen Fehler des Verstandes und des Charakters vorwirft. So gilt vielfach den Aufgeklärten jedex Altgläubige als beschränkt, den Orthodoxen jeder Freisinnige aK gottlos. Aber Duldsamkeit ist auch unter den, Parteien der Probirstein dafür, welcher Ring der echte ist. Wer um den Beifall der Gottesstimme, der Volkesstimme wirbt, der muß in den Pfaden der Hilleliten wandeln und sanft und demüthig. sein und deutlich erkennen lasten, daß er die Ueberzeugungen Anderer achtet und sorgfältig prüft, bevor er der seinigen folgt. All dieser Hader hindert nur, daß wir durch diese Schleier und Hüllen hindurch den Kern der Religion klar erkennen. Der wahre Gottesdienst wird nicht-in den Tempeln - geübt, sondern ,in der Arbeit unseres Berufes, wo die Verführung lebhaft" uns lockt, wo es gilt, ihr mannhaft zu widerstehen. Ueber das, was das Leben von uns fordert,- haben sich die Schulen Schamais und Hillels nie gestritten. - Wir lesen im Talmud: Ueber drei ruft Gott selbst sein Lob aus: über den Jüngling, der in der Großstadt lebt, und nicht der Sünde unterliegt, über den Armen, der, wenn er einen Werthgegenstand findet, ihn seinem Herrn wiedergiebt, über den Reichen, der seine Früchte im Geheimen verzehntet und vertheilt. Das sind die hohen Ziele wahrer Frömmigkeit; wenn die Stimme des Gewissens und der Pflicht zur Jugend lauter redet als der Ruf des Vergnügens, wenn die Tugend sich mächtiger zeigt als die Armuth, wenn der Reiche die Pflichten fühlt und erfüllt, die sein Besitz ihm auferlegt, und Wohlthat im Stillen übt. Die Zeit der Feste geht ihrem Ende zu; die Zeit der Arbeit beginnt. Die Tugend, die die Schüler Hillels geübt haben, sie hilft meist nicht nur in dem religiösen Streite, nein, Sanftmuth und Milde überbrückt jede Kluft, Achtung vor dem Rechte, vor der Ueberzeugung Anderer, die ja, auch wenn sie unsere Gegner sind, nicht aufhören unsere Genosten zu sein, diese Achtung adelt unsere Ueberzeugungen und verschafft uns den Sieg. Nicht, nur im Gotteshause, auch draußen im Leben sei Friede unser Losungswort, und der Kampf gelte allein der Verführung, daß der Jüngling, daß der Arme, und der Reiche stärker sei als die Sünde und ihre Lockung. Der Streit verliert sein Gift und seine Bitterkeit, wenn die Parteien Achtung vor einander haben. Warum sollen wir nicht glauben: Diese und jene sind Worte des lebendigen Gottes! Die Woche. Berlin, 21. September. enn man in unseren deutschen Gemeinden nach den hohen Festen wieder an die Arbeit gehen wird, so wird ein hauptsächlicher Punkt der Erörterung das Rundschreiben des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, die Bildung von engeren Bezirksgemeindeverbänden, sein wüsten. Diese Organisation ist dringend nothwendig, wenn unsere Religionsgemeinschaftnach innen und außen die für die Bedürfnisse und die scharfen Kämpfe unserer Zeit unentbehrliche Festigkeit und Entwickelungsfähigkeit gewinnen soll. Es stellt sich immer deutlicher heraus, daß zumal die mittleren und kleineren israelitischen Gemeinden in ihrer Vereinzelung den ihnen gestellten Aufgaben nicht mehr genügen können. Ist es nun eine Ehren- und Herzenssache gerade der größeren Gemeinden geworden, hierin ihren schwächeren Schwestern zu Hilfe zu kommen, muß ihnen die Liebe zu ihrem angestammten Glauben schon die Pflicht auferlegen, das religiöse und sittliche Absterben der kleineren Gemeinden zu verhindern, so treten die schlimmen materiellen und moralischen Folgen letzterer Erscheinung auch an sie so unmittelbar schädigend heran, daß allein das Gebot der Selbsterhaltung sie zum Eingreifen veranlassen sollte. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund

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