Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228187--53119-3258780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
60. Jahrgang, ilr. 38. lberli.., i8.ätpimb£t 1896. Weitcrge zur „Aktge meinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. E. Berlin, 16. September. Ein eigenartiges und fesselndes Bild bot der Gottesdienst, den unsere Glaubensgenossen aus „Kairo an der Spree" in Cassels Hotel am Neujahrsfeste veranstalteten. Es war ein glücklicher Gedanke von Herrn Dawid Schoub, dem Leiter der „Ausstellung jüdischer Dörfer in Palästina", für seine in dieseur Sommer hier zahlreich vertretenen Landstente einen eigenen Gottesdienst einzurichten, wo dieselben nicht allein nach dem heimathlichen Ritus, sondern auch unbehelligt von den lästigen Blicken der Neugierigen ihre Andacht verrichten könnten. Die Betheiligung an diesem Gottesdienste war eine über alle Erwartungen zahlreiche. Allein aus der Ausstellung „Kairo" waren 47 Männer und 6 Frauen (Tänzerinnen) vertreten. Es waren darunter, außer dem Personal der „Ausstellung jüdischer Dörfer", sämmtliche Vertreter des Bazar „Chanel - Challli", sowie der orientalischen Geschäftshäuser in den Straßen „Sukkariye", „Sük en-NabhLs!n" und „Gamalige"; auch die Verkäufer der „Kairogut" - Cigaretten am „Bab el - Jutüh und dem' Pyramidenplatz waren vollzählig erschienen. Außerdem hatten sich noch gegen 40 andere spagnolische Juden aus dem Orient eingefunden, welche hier geschäftshalber anwesend sind und ganz glücllich darüber waren, so unverhofft einen Gottesdienst nach heimathlichem Ritus zu finden. Sämmtliche Insassen von „Kairo" waren in ihrer bunten, orientalischen Tracht erschienen, über welche sie den prachtvollen seidenen „Tallis" trugen; gesprochen wurde nur hebräisch und arabisch Vor wenigen Wochen war gerade in der „Ausstellung jüdischer Dörfer" eine kleine Thora- Rolle angelangt, welche durch ihre außerordentlich schöne Schrift und die kunstvolle Schnitzerei der Rollen eine hervorragende Sehenswürdigkeit bildet; diese Thora-Rolle leistete nunmehr gute Dienste. Auch an geeigneten Vorbetern fehlte es nicht. Beim „Schachrith" betete ein junger Mann, Namens Meier, einer der Angestellten in der „Ausstellung jüdischer Dörfer", vor. Derselbe ist der Sohn des Jaffaer Rabbiners, war der erste Schüler der dortigen hebräischen Schule und ist von Beruf Schneider. Beim „Mussaf" funktionirte als Vorbeter Herr Schoub selbst, der Leiter der genannten Ausstellung und Administrator zweier jüdischer Kolonien in Palästina. Er ist den meisten Passagieren der Stadtbahn, welche häufig die letzten Abendzüge von der Ausstellung nach Berlin benutzen, als herrlicher Sänger hebräischer Nationalmelodien wohlbekannt. — Die Ausstellung „Kairo" war während der Feiertage wie ausgestorben. Fast sämmtliche Handelshäuser und viele andere Institute waren geschlossen. Der Direktor Herr Möller versuchte daher, die Geschäftsinhaber zu bewegen, wenigstens am Mittwoch, den 16. d. Mts. Abends, also am Jom - Kippur - Abend ihre Geschäfte zu öffnen, da an diesem Abend regelmäßig die Illumination (bei doppeltem Entree) stattfindet. Er hatte aber mit diesen Bemühungen keinen Erfolg und sah sich schließlich genöthigt, den nächsten Jlluminationsabend auf den Sonntag zu verschieben §2 Berlin, 15. September. Die Hauptverhandlung wider den Redakteur des antisemitischen „Deutschen Generalanzeiger" Sedlatzek wegen Gotteslästerung und Beschimpfung der jüdischen Religion, die heute vor der ersten Ferienstrafkammer am Landgericht II stattfinden sollte, ist bereits gestern aufgehoben worden. Landgerichtsdirektor Magnus, welcher seit 14 Tagen vertretungsweise der genannten Strafkammer vorsitzt, sonst aber bei der Civilabtheilung thätig ist, hatte die Akten so spät zur Einsicht erhalten, daß weder er selbst noch der Berichterstatter sich vom Inhalte der umfangreichen Akten informiren konnte. Herr Sedlatzek und sein Bertheidiger wurden noch gestern Abend telephonisch abbestellt. Der nächste Termin ist auf Dienstag, den 20. Oktober, angesetzt. £/2 Berlin, 15. September. Der zehnjährige Todestag von Ludwig Loewe hat am 11. d. Mts. eine Anzahl Freunde des im kräftigsten Mannesalter dahingeschiedenen Volksmannes, welcher Jahre lang als Reichs- und Landtagsabgeordneter, sowie als Stadtverordneter und Repräsentant der jüdischen Gemeinde im öffentlichen Leben der Reichshauptstadt eine große Rolle gespielt, am Grabe, das sich auf dem israelitischen Friedhofe in der Schönhauser Allee befindet, zu einer stillen Feier vereinigt. ££•> Berlin, 14. September. In Baden - Baden starb am 5. d. M. an einem Herzleiden der hiesige Maler Heinrich David Beer, erst 25 Jahre alt. Beer, der aus Bütow in Pommern stammle, war zuerst Kaufmann, wandte sich dann in Berlin, von Thumann ermuthigt, der Kunst zu. Paul Thumann war , sein erster Lehrer an der Berliner Akademie, auf der Beer seine Ausbildung erhielt. Später schloß Beer sich ganz besonders an Max Michael und Paul Meyerheim an. Sein Fach war die Genre- und noch mehr die Porträtmalerei. Er hat eine Reihe gelungener Bildnisse geschaffen. Ein Theil davon und auch Genrebilder Beers waren in Berlin ausgestellt. Beifall errangen vornehmlich zwei seiner Genrebilder, „Idyll" und „Die Diva". Vor Kurzem war Beer noch nach Paris gegangen, wo er ein halbes Jahr lang fich aufhielt- ££jj> Berlin, 15. September. In der nächsten Woche, vom 19. bis 26. d. M., findet bekanntlich hier der internationale Frauen-Kongreß statt. Von den Borträgen, die für diesen Zweck im Programm angemeldet sind, heben wir die folgenden hervor: Frau Lina Morgenstern: Begrüßungsrede. — Frau Dr. Pauline Sch iss-Mailand: lieber den Stand der italienischen Frauenbewegung. - Frau Therese Schlesinger- Eckstein-Wien: Ueber die österreichische Frauenbewegung. — FrauDr. Henriette G o l d sch mi d t - Leipzig: Die internationale Bedeutung Fröbels. — Frl. Dr. med. Rabbino witsch: Ueber das Studium der Medizin. — Frau Rosalie Schönsließ-Berlin: Ueber Mädchengewerbeschulen. — Frau Jeanette Schwerin: Oeffentliche Armen- und Waisenpflege. — Frau Auguste Friede mann, Thätigkeit der Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit. — Frl. Malwine Posner-Garfein- Paris, Betheiligung der polnischen Frauen an Kunst, Wissenschaft und Litteratur. exv Berlin, 15. September. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt ihre letzte Sitzung am 5. September ab. Da dieselbe eine wissenschaftliche war, so wurde sie von Mitgliedern und Gästen zahlreich besucht. Zuerst wurden einige geschäftliche Interna erledigt, dann erfolgte die Aufnahme neuer Mitglieder, und hierauf schritt man zur eigentlichen Tagesordnung. Dieselbe lautete: Referat und Korreferat der Kollegen Remack und Falkeuberg über „die Schöpfungsgeschichte", eine schulgemäße Betrachtung. Zunächst erhielt Herr Lehrer Remack das Wort und führte, kurz zusammengefaßt, etwa Folgendes aus: Da die einfachsten und anschaulichsten Erzählungen dem Kindesalter am besten entsprechen, so ist es nöthig, daß die Auswahl der biblischen Geschichten nicht nach dem chronologischen, sondern konzentrischen Lehrgänge erfolgt, denn dieser bietet Gelegenheit, für die betreffenden Stufen auch entsprechende Erzählungen zur unterrichtlichen Behandlung bereit zu stellen. Die Schöpfungsgeschichte gehört nun keineswegs zu den einfachsten Erzählungen, welche schon den schulpflichtig gewordenen Kindern geboten werden können. Denk- und Sprachfähigkeit dieser Kinder sind zur Erfassung der betreffenden Erzählung noch viel zu unentwickelt, auch ist ihre gemüthliche Bildung noch lange nicht so weit vorgeschritten, um den tief religiösen und sittlichen Inhalt genannter Geschichte zu fassen. Mit dem achten Lebensjahre etwa ist die Reife der Schüler für die Auffassung des wichtigsten Inhalts der Schöpfungsgeschichte vorhanden, und so gehört die Erzählung auf die Mittelstufe. Vorzüglich geeignet aber ist die Erzählung noch zum Unterricht auf der Oberstufe, da sie hier zur Unterstützung des systematischen Religionsunterrichtes trefflich brauchbar ist und hier besonders Begriffe wie Allmacht, Ewigkeit Gottes einerseits — Ebenbildlichkeit des Menschen andererseits besonders