Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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WNDWW^W^AWWA 456 worden, von dieser Trümmerwelt inmitten einer herrlichen und ewig jungen Natur Abschied zu nehmen. Aber ich hatte noch den berühmten Gottesacker der Karäer zü sehen, welcher auf halbem Wege vom Berge etwa eine Stunde weit sich ausbreitet und von dessen schwindelndem Abhange man gleichfalls eine prachtvolle Aussicht genießt. Wiederum war es der bereits oft genannte Firkowitsch, der diesem Friedhof den poetischen Namen „T h a l I o s a p h a t" beilegte. Hier hat der unglückselige Mann- Jahrzehnte lang gesessen und mit Meißel und Stein die ohnedies alten Grabsteine — so lange korrigirt, bis sie in das erste oder zweite Jahrhundert unserer Zeitrechnung hineinreichten. Aber gleichviel, ob der Friedhof von Tschusut-Kaleh ursprünglich karäisch war oder nicht, er ist einer der merkwürdigsten und schönsten, die man sich denken kann. Ein geschlängelter Pfad verliert sich in die düsteren Tiefen dieser mit majestätischen Eichen und Buchen dicht bewachsenen Gräberstütte. Wir wandern durch ein Labyrinth von Grabsteinen, welche fast sämmtlich aus weißem Marnior und in den Nischen mit hebräischen Inschriften versehen sind. Es ist jedenfalls eine geschichtliche Thatsache, daß hier zahllose Söhne jener unglücklichen Sekte unter dem kühlen Schatten tausendjähriger Eichen den ewigen Tod schlafen. Und es giebt nur wenige jüdische Friedhöfe, die diesem gleichen. Die Majestät des Todes kommt einen: hier so recht zur Erkenntniß, und unwillkürlich muß man an die erhabene Vision des Propheten Ezechiel von der Wiedererweckung der Todten in jenem weiten Thale denken. Mit heiligem Schauer betritt der Fremdling diesen Hain; still und versöhnt zieht er von dannen. Tausend Gedanken wogen in seinem Hirn, unzählige Erinnerungen begleiten ihn den Abhang herab. Eine einzige dieser Eichen blickt auf eben so viele Jahrhunderte zurück als die ältesten unserer Städte. Tausend Herzen, die das Geschick im Leben täuschte, ruhen nun hier friedlich neben einander, und die ältesten wie die jüngsten Bäume stehen in Eintracht beisammen, wie verschieden auch ihre Natur, ihr Wachsthum, ihre Früchte sind. Warum konnte unter den Söhnen des weithin über den Erdball zerstreuten Volkes nicht diese Eintracht und dieser Gottessriede herrschen, warum mußten diese sich abtrennen und in dem einsamen Thal verkommen? Und werden diese verdorrten Gebeine wieder aufleben, und wird Geist von dem Geiste, der noch immer das alte Israel erfüllt, auch diesen Zweig des alten Stammes wieder beseelen, daß er neu verjüngt auferstehe? So etwa fragt der alte Prophet. Ter moderne Dichter denkt anders: „Nur ein Narr wartet auf Antwort." Ich aber fuhr noch zur selben Stunde zurück nach Bachtschi - Sarai. Fittcrarische JStittlji'ilumjen. -- Joseph Jacobs: Jewish Year Book. London 1896. Greenberg & Co. Ein jüdisches Jahrbuch, eine Revue über jüdische Angelegenheiten, ist von Joseph Jacobs, dem geistreichen Verfasser vieler trefflicher historischer und statistischer Werke, unseren Glaubensgenossen jenseits des Kanals aus den diesjährigen Neujahrstisch gelegt worden, und deshalb ist es eine willkommene Gabe. Wie alles, was England bringt, in erster Linie praktisch ist, so erscheint uns auch das Jahrbuch sehr praktisch, und daher entspricht es vollständig seinem Zwecke. Es ist ein Buch, das Jeder haben muß, der sich für die englisch-jüdischen Angelegenheiten interessirt, und das gewiß jede jüdische Familie in England anschaffen wird, denn dort betrachtet man es als eine Ehrenpflicht, die jüdischen Zeitungen zu halten und die jüdischen Bücher zu kaufen. Aber auch den deutschen Juden sei dieses Jahrbuch auf das Angelegentlichste empfohlen, denn es bietet eine große Fülle des Interessanten, Belehrenden und Unterhaltenden. Es ist zu wünschen, daß sich auch in Deutschland geeignete Männer finden mögen, die uns im nächsten Jahre, ein solches Jahrbuch bringen.. Dasselbe würde eine vorhandene Lücke ausfüllen, denn es fehlt bei uns allen Denjenigen, welche sich mit jüdischen Angelegenheiten befassen, an einem Nachschlagebuch, das über alle einschlägigen Verhältnisse Aufschluß giebt. In fast vollendeter Art und Weise erfüllt das englische Jahrbuch dieses Ziel, das es sich gesteckt hat. Ein sehr übersichtlicher Kalender füllt die ersten .Seiten, wir finden darin nicht nur die Sabbathe und Feste, die bez. Vorlesungen aus dem Pentateuch und die Haphtoras, sondern auch die Minhagim sowie viele historische Daten verzeichnet. Nach einer ausführlichen Abhandlung über den jüdischen Kalender folgt eine Zusammenstellung sämmtlicher Feiertage von 1896 bis 1905, sowie zur Berechnung der Barmizwas und der Jahrzeiten Tafeln, welche uns den Beginn der einzelnen Monate von 1864 bis 1905 klar zeigen. Hieran schließt sich eine Statistik über die Zahl der Juden in allen fünf Erdtheilen, und wird diese Zahl jetzt auf elf Millionen geschätzt, während die Anzahl der Juden 1891 nur 9 084 905 betragen haben soll. Auf Europa entfallen hiervon 7 701 266 (in Deutschland 567 884, in Rußland 4 5OO 00, in England 101189), auf Asien 260 000, auf Afrika 336 5O0, auf Amerika 772 OOO, auf Australien 15 139, insgesammt 9 684 905. Hieran schließt sich eine genaue Statistik über die Heirathen und Todesfälle der Juden in London, ferner eine Zusammenstellung der 24 Londoner, sowie sämmtlicher Provinzialgemeinden Englands. Dabei befinden fich vermerkt.die Rabbiner, die Vorstandsmitglieder, die Zahl der Gemeindemitglieder und die Beträge der Einnahmen und Ausgaben. Außerdem finden wir ein Verzeichniß sämmtlicher jüdischer Schulen mit Angabe der Schülerzahl, eine Aufführung der jüdischen Vereine und Wohlthätigkeitsanstalten, wobei die Ziele derselben und die Ausgaben erwähnt sind und die leitenden Persönlichkeiten vermerkt werden, und es dürfte interessiren, zu erfahren, daß allein in London von den jüdischen Wohlthätigkeitsanstalten 108 461 Lstr. — 2 169 220 Mark im letzten Jahre ausgegeben worden sindl Von dem weiteren Inhalt des Jahrbuchs heben wir noch hervor die alphabetisch geordnete Zusammenstelluug sämmtlicher in England angestellter Rabbiner mit kurzer Biographie, ein Verzeichniß der englischen Juden, welchen der Adel verliehen worden ist, ferner die jüdischen Parlamentsmitglieder und auch Diejenigen, welche in der Armee eine Stellung erreicht haben. Die Liste der jüdischen Berühmtheiten enthält, soweit sie Deutschland betrifft, ziemlich viele Unrichtigkeiten. August Bebel, Paul Heyse und Paul Lindau, die sämmtlich Christen sind, würden sich sehr wundern, wenn sie wüßten, daß sie unter den berühmten Juden aufgeführt werden. Um Uebrigen ist gegen die Auswahl der Berühmtheiten gar manche Einwendung zu machen. Dagegen verdient das sehr ausführliche, alphabetisch geordnete Verzeichniß jüdischer Ausdrücke, welche sich auf das religiöse, litterarische und liturgische Gebiet beziehen, ein besonderes Lob, da die beigefügten Erklärungen erschöpfende Auskunft über vieles Wissenswerthe geben und für den Laien eine sehr willkommene Gelegenheit bieten, sich über Feste, Sitten und Gebräuche und sehr vieles Andere auf die leichteste Art zu unterrichten. Das jüdische Jahrbuch bringt ferner noch einen allgemeinen Rückblick auf das Jahr 5656, eine Uebersicht über die bemerkenswerthesten Ereignisse des abgelaufenen Jahres und schließlich eine treffliche Abhandlung über die Fremden-EinWanderung in England. Hieran schließt sich noch ein Theil, welcher der Unterhaltung gewidmet ist. Israel Zangwill, der jetzt auch in Deutschlaud berühnlte Ghetto-Dichter, hat eine Anzahl von Gedichten beigesteuert, Israel Abrahams, Dozent am Jews College in London ist mit seinem Vortrag über „Jüdische Sitten bei der Tafel" vertreten und der Verfasser des Jahrbuchs, Joseph Jacobs, veröffentlicht einen sehr lesenswerthen Aufsatz über „Jüdische Messiasse". Ein Register erleichtert den Gebrauch des sehr nützlichen Jahrbuches, durch dessen Herausgabe Mr. Joseph Jacobs sich ein großes Verdienst erworben hat. Das fast 300 Seiten füllende Buch ist in nur drei Monaten fertig gestellt worden, denn am 15. April war noch keine Zeile geschrieben und am 15 Juli wurde mit dem Druck begonnen. Um so anerkennenswerther ist die Leistung des Verfassers, und wir hoffen, daß der Erfolg seines Werkes ein so durchschlagender sein wird, daß mit jedem ferneren neuen Jahr auch das Jüdische Jahrbuch neu erscheinen wird: Benas Levy. 5 r Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.