Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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jgf «** f\- -pf; 455 Gärten, Ntnmrets und Kuppeln, die kahlen Höhenzüge im Hintergrund und die. Waldungen mit hohen, schattigen Nußbäumen und Pyramidenpappeln, über deren Wipfeln, wie Vogelnester, die Treppen, Thürme und-Krypten des uralten Klosters auf uns herniederschauen, zu besten Füßen frische Quellen aus der Felswand hervorsprudeln. Dem Kloster gegenüber erhebt sich der abgeplattete Felsen von Tschufut Kaleh, der etwa V* Werst breit, aber wohl IV2 Werst lang ist. Die Felsentrümmer gehen bis dicht an den Rand des senkrecht abfallenden Abgrundes, und unter ihnen klaffen die schwarzen Löcher kleiner Höhlen. Aber wir werden für das mühsame Hinaufklettern reich entschädigt durch den Ausblick, den wir nun von dem Plateau über das weithin schimmernde Blau des schwarzen Meeres genießen. Freilich, die Stadt selbst macht einen entsetzlichen, wahrhaft öden Eindruck. Sie ist nämlich seit Jahrzehnten von allen Bewohnern verlassend Die Thürflügel des Stadtthores sind zerfallen, gespenstisch unheimlich liegen die engen Straßen da, in deren auf hartem, weißem Felsen sichtbaren, tiefen Fahrgeleisen das Zeugniß einer einst sehr bedeutenden Frequenz zu erkennen ist. Die Thore.und Thüren, die Häuser und Brunnen, die Schwellen, Stufen und Treppen, alles zerfallend und zerfallen! Die kleinen Höfe sind zur Hälfte mit den Trümmern der Häuser angefüllt, nur einzelne Mauern stehen noch vollständig. Der Eindruck ist ein unheimlicher; kein Laut, kein Thier, kein Mensch. Man glaubt in einer verzauberten Stadt zu sein, deren Existenz durch einen Fluch zerstört worden. Hier ist alles Vergangenheit, aber auch alles Geschichte. Verlassen und verdorrt, öde undfflill ist es in dem karäischen Jerusalem; wie in Pompeji, so etwa ist der Eindruck: immer nur halbe Häuser oder Fenster- Höhlen, bröckelnde Mauersteine, mit Schutthaufen angefüllte Höfe, dachlose Stuben. Bis vor fünfzig Jahren war Tschufut Kaleh die Hauptstadt der Karäer. Von hier stiegen sie jeden Morgen den steilen Abhang hinab und gingen nach Bachtschi Sarai, um dort ihren Geschäften obzuliegen und Abends wieder heimzulehren. Später siedelten viele von ihnen nach der tatarischen Hauptstadt über, andere zogen nach Eupatoria, Sewastopol,. Odessa und anderen Städten. Heute ist Tschufut Kaleh eine. Ruinenstadt und in den öden Fensterhöhlen wohnt das Grauen. Nur ein einziges-Häuschen habe ich in der bäum- und quellenlosen Steinstadt bewohnt gesehen, und zwar von einem Manne, der sich gern Chacham nennen läßt, der aber kaum die Bildung eines gewöhnlichen Schammes hat und nichts nleniger als ein Chacham ist. Daß er die Reisenden mit den Fabeln und Legenden traktirt, die die Karäer seit fünfzig Jahren zur höheren Ehre ihrer Sekte erfunden haben, ist selbstverständlich. Die kleine, sehr - alte, aber vor etwa dreißig Jahren renovirte Synagoge ist in demselben Stil wie alle karäischen Bethäuser gehalten. Die Vermuthung, daß sie einmal eine rabbanitische gewesen sei, liegt sehr nahe. Früher waren in derselben viele silberne Leuchter und antike Geräthe und noch mehr werthvolle Handschriften, sowie alte Drucke auf Leder und Thierfellen aufbewahrt. Dies alles ist nun verschwunden, oder in Museen geborgen. Vor etwa einem halben Jahrhundert wohnten hier noch 800 Familien mit über 500 Häusern, und vor etwa zwanzig Jahren, als bereits fast alle weggezogen waren, beschlossen die Karäer-Gemeinden der Krim, zehn Familien in Tschufut Kaleh anzusiedeln, .um in ihrer alten Residenz ein ständiges Minjan zu erhalten. Ich darf als bekannt voraussetzen, daß die karäische Sekte gegenwärtig in der Krim ihren Hauptsitz hat. Weniger bekannt ist die Geschichte ihrer Hauptstadt Tschufut Kaleh, welche der frühere Chacham, der berühmte und berüchtigte Abraham Firkowitsch, der so viele Epigraphe und Epitaphien zu Gunsten des höheren Alters und der ruhmvollen Geschichte seiner Sekte — korrigirt hat, ganz eigenmächtig Sela ha-Jehudim (Judenfelsen) nannte, indem er es aus dem Tatarischen, wo das Wort dieselbe Bedeutung hatte, ins Hebräische übersetzte. Nach seinen Fälschungen wurde die Stadt den 'Juden vom Perserkönig Kambyses überlasten, und sie-haben in dieser natürlichen Festung sich' Jahrtausende lang gegen, alle vorüberziehenden Völker der Erde gewehrt. Die Wissenschaft hat aber diese -Entdeckungen in grausamer Weise vernichtet.' Sie hat nachgewiesen, daß die Stadt früher Quirqiri, d. h. vierzig Männer hieß, erst im Anfang des 14. Jahrhunderts überhaupt erwähnt wurde und daß sie bis zu Ende des 17. Jahrhunderts nie anders als Kirker geheißen habe. Alle Autoren, die sie erwähnen, sprechen aber von ihr als von einer Residenz der tatarischen Chane, und Ende des 17. Jahrhunderts erst erzählt ein Reisender, daß die Stadt ausschließlich von Juden bewohnt sei. Im Laufe des Jahrhunderts verließen allmälig die Tataren-Chane, die sehr unbequeme Bergstadt und stiegen nach Bachtschi-Sarai hinunter; die Stadii aber überließen sie ganz den Karäern und Juden. ' . Der seltsame. Judenfelsen hat den neueren Historikern viele Schwierigkeiten bereitet. Dabei' ist manches heitere Qniproquo bei Karäern sowohl wie bei christlichen Gelehrten aufgedeckt worden; so die ganze Geschichte des Selah ha-Jehudim bei Firkowitsch, die vor allem Harkavy als Lüge entlarvt hat, so eine andere Legende, die A.. Brückner auf ihren Urgrund zurückführte. Der Gesandte Ludwig IX., Rnbruquis, erzählt, es gäbe zwischen Cherson und Sudak quadraginta castella, woraufhin denn die Gelehrten sich bemüht haben, an der Südküste der Krim die vierzig Burgen aufzufinden. Jetzt hat sich nun herausgestellt, daß jener Reisende des 13. Jahrhunderts nicht 40 Burgen, sondern Tschufut Kaleh gemeint hat, das auch Kirkjer --vierzig Männer, hieß, welches ein italienischer Reisender in quaranta luoghi verwandelte und Rnbruquis in eben so viele Burgen. Allerdings liegt Tschufut Kaleh zwischen Cherson und Sudak, und dadurch klärt sich das Mißverständniß auf. Daß es eine alte tatarische Hauptstadt war, ist ebenso^ wahrscheinlich, als daß hier seit undenklichen Zeiten Inden gewohnt haben. Für die erstere Behauptung giebt es sogar noch einen sprechenden Beweis. Nicht weit vom Thore am Ende der Hauptstadt liegt noch das Mausoleum der Tochter eines Chans, Toktamysch, von der die Sage geht, daß der greise Vater ihr die Vertheidigung der belagerten Festung anvertraut hätte. Später habe sie sich jedoch ans unglücklicher Liebe von dem steilen Felsen in den Abgrund gestürzt. Der Bau ist im Ganzen noch ziemlich gut erhalten. Im Innern steht ein Sarkophag aus weißem Marmor mit arabischen Inschriften; in der Mitte des Gebäudes blickt man durch einige Oeffnuugen in ein verschüttetes Gewölbe, wie solche fast in jedem Hause von Tschufut Kaleh zu finden sind. ■' Steil genug ist allerdings hier der Abgrund und schroff wie eine Mauer. Mir schwindelte, als ich hinabblickte von dieser steilen Felswand, an deren äußerstem Rande die nun verlassenen Häuser stehen. Die Wohnung des Mannes, der unser Führer war, liegt so dicht am Abgrund, daß man gär nicht begreifen kann, wieso das Häuschen im Laufe der Jahrhunderte durch die Stürme noch nicht heruntergeweht ist. Es ist mehr als einfach und bescheiden; noch einfacher und bescheidener' ist der Geist des Bewohners — und das will viel sagen. Aber eins hat es vor allen Chacham- und Rabbinerwohnungen der ganzen Welt voraus : den unvergleichlichen Blick in die schwindelerregende Tiefe, zur Linken das weithin aufrauschende Meer, zur Rechten den majestätisch in die Wolken ragenden Tschatyr-Dagh. Man trennt sich nur schwer von diesem in seiner Art einzigem Bilde, und auch mir ist es nicht leicht ge-