Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ist das wahr?" rief Mordche,. der mit offenem Munde diese Schilderung angehört hatte. „Du kannst Dich darauf verlassen," sagte Reb Rephoel ruhig, „ich habe es in der Zeitung gelesen." Die Zeitung war ein großer Luxusartikel in jenen Tagen, und Reb Rephoel war der einzige Jude im Orte, der sich den Luxus eines Zeitungsabonnements bieten konnte. Darum stndirte er seine Zeitung auch mil einem Eifer, der den Kosten entsprach, und an Glaubwürdigkeit rangirte sie für ihn gleich hinter dem Talmud. Ruch für Mordche war die^ Frage damit entschieden, denn das gedruckte Wort flößte ihm jenen unendlichen Respekt ein, den der Jude jener Tage vor jedem Buche hatte. „Was geschrieben steht", brauchte keines weiteren Beweises. „Ich kann Dir noch mehr sagen," fuhr Reb Rephoel mit jenem Behagen fort, welches geistige Ueberlegenheit uns verleiht. „Man hat jetzt auch Schiffe, die von solchen Maschinen getrieben werden, und man wird in Kurzem in drei Wochen über das große Meer fahren können." „Daun ist es aus mit unserem Geschäft. Der Fabrikant wird ' nicht mehr mich brauchen, wein: er Wolle -kaufen will. Er kann sie gerade so gut aus Amerika bekommen, dann werden sie müssen dem Juden Freiheiten geben, weil ihm die Welt offen stehen wird, und. wenn sie uns auch hassen,, sie wißen doch, wenn wir wegziehen, ist die Gegend arm. Siehst Du, Mordche," fuhr Reb Rephoel nach einer Panse fort, „das ist der Grund, warum ich meinen Maxl habe studiren lassen. Meinst Du, mir liegt daran, er soll ein Doktor werden, daß er -keinen Tag und keine Nacht hat und froh ist, wenn er verdient, was er braucht. Aber' mein Geschäft geht zurück.. Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich hellte etwas Anderes anfangeu; mein Kind aber will ich nicht hier sitzen, lassen mnd zusehen, wie das Geschäft zu Grunde geht. Und so rathe ich Jedem. Gebet die Kinder in die Welt! Die Zeit wird kommest, wo der Bauer nach Brünn fahren lvird, um ein Stück Leinwand einzukaufen, wo der Getreidehändler aus der Stadt seine Leute in jedes Dorf schicken wird. Auf einen Markt wird man nicht mehr gehen, und uns wird das Geschäft aus der Hand genommen werden." „Nehmt mir es nicht übel," sagte Mordche schüchtern. „Ich möchte noch eines frageil, ehe ich nach Hause gehe, lim meine Laterne zu holen, beim es ist bald Zeit für nlich, die Stunde zu rufen, wird Awromele können in Pest als ein jüdisches Kind leben?" Reb Rephoel lachte. - „Kennst Dil mich für so einen Kal?') Reb Wolf ist ein gottessürchtiger Mann und übrigens ist Jeder so wie er will. Wenst Dein. Amrom ein jüdisches Gewissen hat, kann er überall ein Jüd' bleiben. Mehr können wir .nicht thliu, als unsere Kinder jüdisch erziehen. Ich habe daran auch gedacht, als ich meinen Maxl aus dem Hause geschickt habe. Ich hätte ihn können Row werden lasten, aber ich habe mir gesagt, er soll ein Jüd' werden und soll wissen) was er thut, muß er thuli, weil Gott es so gesagt hat und nichts weil er seine Parnosse davon hat. Der Rambam war ein berühmter Doktor und ist doch der Rambam gewesen. Alles ist in Gottes Hand, nur nicht Gottesfurcht. Das steht in der Gemoro unt) darum ist es wahr. Nun, gute Nacht!" „Gott soll Euch an Eueren Kindern Freuden erleben lassen für das, was Ihr an meinem Kinde thut," sagte Mordche, indem er sich erhob. „Gute Nacht!" (Fortsetzung folgt) i) Leichtfertig in religiösen Dingen. v. ■ ,::>o ie längste Tour, die ich auf meinet russischen Reise in einem Zuge zu machen hatte, war die von Moskau nach Sewastopöl. Sie dauert 46 Stunden , und führt uns allerdings in das Herz der Krim. Auch auf dieser Tour traf ich, namentlich in der Gegend von Charkow, hier und da wieder viel Juden auf den Bahnhöfen. Aber schon in der Gegend der weiten Kosakensteppe verschwindet plötzlich ihre Spur, um erst auf der Strecke Losowaja-Sewastopol wieder aufzutauchen, und zwar in ganz merkwürdiger Weise — sie sind Mmlich bei den Ausbefferungsarbeiten auf dieser Bahnstrecke fast ausschließlich, beschäftigt. Man sieht hier ganze Kolonnen, aus jüdischen Erdarbeitern bestehend, Männer mit -lang herabwällendem grauen Barte. Frauen, die ihre Kinder noch nähren, Knaben im Alter von 14 bis 16 Jahren, auf dem Schienenstrang fleißig schaffen. Einer derselben, ein junger Mann von etwa 20 Jahren, war augenscheinlich zu spät aufgestanden oder zu spät gekommen;-er stand abseits — und legte ungehindert seine Tefillin. Wie mir nachher erzählt wurde, sind die beiden Ingenieure, welche den Ausbau dieser'Bahnstrecke übernommen haben, mit den jüdischen Arbeitern besonders zufrieden, und dabei ist gerade diese Thätigkeit für sie so überaus mühevoll, weil sie dort auf dem Lande nicht wohnen dürfen und deshalb etwa 12 bis 14 Werst Morgens und Abends zu Fuß zurücklegen müssen, . um nach ihren Wohnorten zu gelangen. Etwa eine Stunde von Sewastopol stieg ich aus — und zwar als der einzige Reisende —, in Bachtschi-Sarai, dem Mekka des Tatarenthums, der einzigen Stadt in Europa vielleicht, in welcher sich das orientalische Wesen noch rein und unverfälscht, weil abgeschlossen, erhalten hat. Aber meine Absicht war nicht, das tatarische Mekka kennen zu lernen, sondern vielmehr das Felsennest, welches etwa eine Stunde von dieser Stadt entfernt liegt und unter dem Namen Tschufut Kaleh allgemein bekannt ist als die ehemalige Hauptstadt der einzigen noch existirenden größeren jüdischen Sekte, nämlich der Karaiten oder Karüer oder Käraimen, wie man in Rußland sagt. - Obwohl ich genügend vorbereitet war und mein Bädeker sich auf der ganzen Reise als durchaus zuverlässig erwiesen hat, kam ich doch auf dieser Tour aus einer Ueberraschung in die andere. Nachdem ich mir den Palast der Chane und die alte, überaus merkwürdige Stadt flüchtig angesehen, miethete ich mir einen jener Sonnenverdeckwagen, .wie sie in der Krim allgemein sind, und fuhr mit demselben durch ein schmutziges Zigeunerdorf nach Tschufut Kaleh. Hinter dem Dorf steigt die Straße bereits steil an, und man entdeckt zunächst das berühmte Uspensky-Kloster, aus Felsen gehauen, hoch oben in die Felshänge hineingezwängt, nur auf Leitern zugänglich. Mit dem Wagen kommt man auf den holperigen Steinwegen nur langsam vorwärts; je höher die Straße steigt, desto schwieriger wird das Fahren, und schließlich muß man fast am Fuße des etwa 600 Meter hohen Berges -aussteigen, bei einem kleinen tatarischen Bethause, und eine steile, dürre, mit Geröll bedeckte Anhöhe mühsam hinaufklettern. Ehe man ans einzige Festungsthor der Karäerstadt gelangt, ist man des Athems beraubt, in Schweiß gebadet und auf dem besten Wege, sich eine Erkältung, zu holen. Ich rathe Jedemder diese Partie macht, sie zu Pferde zurückzulegen, wo man bis in die Stadt hineingelangen und sich der pitoresken Schönheit, dieser wundervollen Bergwelt ungestört erfreuen kann. Das landschaftliche Bild ist in der That ein einziges: Die in dem engen Thalkestel zusammengedrängte Tatarenstadt mit ihren