Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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453 schaumigen aus einander gingen. Er selbst war in jeder Beziehung, sowohl äußerlich wie innerlich, eine ideale Erscheinung, gleich würdig als Mensch und Geistlicher, ein wahrer Priester des Herrn. Leider starb er früh als Pfarrer in seinem Beruf während der oberschlesischen Typhus-Epidemie, indem er sich als unermüdlicher Pfleger und Trostspender seiner Gemeinde der Ansteckung unerschrocken ausschte und endlich der schrecklichen Krankheit erlag. Auf dem Gymnasium in Natibor ging es mir besonders im Anfänge weit besser als in Gleiwitz. Ich galt für einen guten, begabten Schüler und zeichnete mich besonders in meinen deutschen Aufsätzen so sehr aus. daß meine minder begabten Mitschüler häufig meine Hilfe beim Anfertigen ihrer Arbeiten in Anspruch nahmen. Als wir einmal die Aufgabe erhielten, eine Parabel zu liefern, diktirte ich eine solche einem meiner Klienten. Bei der Zurückgabe der Hefte erklärte unser Lehrer im Deutschen, der spätere Domherr Heide in Breslau, daß der betreffende Schüler die Arbeit nicht selbst gemacht, sondern aus den bekannten Parabeln von Krummacher abgeschrieben habe, worauf der Schüler auch gestand, daß ich ihm dabei geholfen. Da sich aber unser Lehrer überzeugte, daß die Parabel nicht von Krummacher herrührte, sondern meine eigene Erfindung war, erließ er mir die angedrohte Strafe und schenkte mir seitdem eine besonders wohlwollende Beachtung. Unwillkürlich schrieb ich die meisten Aufsätze, ohne mir dessen bewußt zu sein, in Versen, weshalb mich auch der treffliche Lehrer öfters tadelte. Aber so sehr ich mit auch Mühe gab, eine reine Prosa zu schreiben, so konnte ich doch nicht ganz verhindern, daß ich immer wieder in den alten Fehler verfiel, obgleich ich von Metrum und Prosodie noch keine Ahnung hatte. '-1 ||- ii---1 II-1 I-' immnmiuiiiig»!* IUMJIM0& 1 * | FEUILLETON | 71* J1 BHW 1—t t—-—-—xr-—--f 1-1 MIMMUIVS 1—^ Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) ' eb Rephoel merkte aus einzelnen verlegenen Fragen, was seinen Schützling drückte. „Mordche," sagte er, „die Zeit wird eine andere; ob wir es erleben werden oder nicht. Ich will Dir nun eine kleine Geschichte erzählen. Wie ich meinen Maxl, er soll mir leben, nach Wien schicken wollte, damit er dort studirt, habe ich für ihn einen Paß gebraucht und ein Zeugniß, daß ich ihm zu leben geben kann, und was sie schon mit uns Juden Alles anstellen. Der hiesige Oberamtmann war gerade im Bade, und der Justitiar, der ist ein „Rosche wie Amalek", der möchte einen Juden anfessen zum Frühstück und zwei zu Mittag und einen auf die Nacht. Zwar mit zwei harten Thalern kann man Alles bei ihm richten, aber ich habe mir vorgenommen, ich lasse mir keine Gewalt anthun. Wie ich gesehen habe, er macht mir so viele Umstände und hat die Chuzpe zu mir zu sagen, er muß erst Maxl vom Kreisdoktor untersuchen lassenutib muß sich erkundigen, ob ich ihn nicht will auf anderer Leuten Unkosten stndiren lassen, ist mir die Galle anfgestiegen und ich habe dem GasleiF) gesagt: „Ich sorge für meine Kinder und lasse mir nicht das Geld aus der Tasche nehmen." Kurz, ich war den andern Tag in Brünn beim Gubernium. Dort ist ein Gnbernialrath, der ist der Sohn von dem Zuppauer Grafen, von dem mein Schwäher, der Friede sei mit ihm, die Rande gepachtet hatte, und ich habe ihn gekannt, wie er noch ein Kind war. Das Herz war mir schwer, und ich habe ihm Alles ganz so gesagt, wie ich es gefühlt habe, daß es zu Gott schreit, daß jeder Schreiber mich so behandeln darf, wie wenn ich ein Zigeuner wäre, den man mit einein gestohlenen Pferde getroffen hat." Der Gubernialrath aber nickt mit dem Kopfe und zuckt mit den Achseln und breitet die Hände ans, wie ich es Dir da zeige. Ja, das habe ich vergessen, wie ich hereinkam, hat er sich mit mir aufs Sopha gesetzt, so wahr heute der Ansgang des heiligen Sabbaths ist, und als ich ihn mit „Gräfliche Gnaden" angesprochen habe, sagte er: „Ich bin hier nur Gubernialrath und Sie sind nicht mein Unterthan." Kurz, wie ich fertig war, sagt er: „Herr Kohn, die Sache wird geändert werden; der Mann wird gemessenen Befehl erhalten, den Paß für Ihren Sohn sofort auszustellen und überdies wird er sich seines Betragens wegen zu rechtfertigen haben." Ich habe mich natürlich sehr höflich bedankt und wollte gehen, der Gnbernialrath hat mich aber auf das Sopha zurückgedrückt und gesagt: „Sie haben doch keine solche Eile, Herr Kohn, erzählen Sie mir doch etwas von meiner Landsmännin, der Frau Rachel. Ist sie noch immer so hübsch?" Kurz, er hat mit mir gesprochen, wie mit einem Bruder. „Ja, Herr Kohn," sagte er, „Niemand kann es mehr bedauern, daß Ihre Glaubensgenossen solchen unwürdigen Behandlungen ausgesetzt sind. Ich hoffe auch, daß es nicht lange mehr dauern wird. Wenn ein Kaiser Josef wieder auf den Thron gelangt, so wird alles das fallen, wie der gelbe Fleck und der Leibzoll gefallen sind. Einzelne deutsche Staaten haben schon Fortschritte gemacht. In Frankreich und Holland hat jeder Unterschied zwischen Jud' und Christ aufgehört. Bei uns wird es auch noch kommen." „Wie ich dann noch einmal aufgestanden bin, sagt er zu mir: „Herr Kohn, Sie sind sehr ungeduldig, wollen Sie nicht noch ein Glas Wein mit mir trinken?" Natürlich habe ich gesagt, es thut mir sehr leid, aber das dürfen wir nicht. Nn lacht er und sagt: „Ich kann Sie versichern, lieber Herr Kohn, Zanonis Wein ist für mich koscher genug, doch will ich nichts gegen Ihr Gewissen thun. Leben Sie wohl und grüßen Sie Frau Rachel." „Mordche, ich sage Dir, die Zeit hat sich stark geändert. Wie ich noch mit meinem guten Vater zusammen gehandelt habe, sind wir auch zu großen Herrschaften gekommen und haben auch ganz feine Leute getroffen, aber wo hat mait zu Einem Herr Kohn gesagt, höchstens Raphael, oder wer hat einem Inden einen Sitz angeboten oder sich zu einem niedergesetzt? Die Zeiten werden anders, lieber Mordche." Mordche schüttelte leise den Kopf. „Das beweist nicht viel." sagte er, „Mit dem gemeinen Mann hätte der Gubernialrath nicht so gesprochen. „Sie" machen unter Juden auch einen Unterschied. Wäret Ihr nicht Reb Rephoel Kohn gewesen, hätte man Euch gar nicht hereingelassen beim Gubernium." „Nein nein," erwiederte Reb Rephoel lebhaft. „Die Zeiten sind anders geworden und werden anders werden. Ich will Dir auch sagen, warum. In England haben sie jetzt einer! Wagen erfunden, der geht ohne Pferde und Kühe. Man heizt eine Maschine und cs geht ganz von selber. Damit kann mau in einer Stunde acht Meilen fahren. Da wird nicht mehr Einer vierspännig und sechsspännig fahren oder Extrapost nehmen können. Jeder wird da gleich sein, und wenn Du nach Wien fahren willst, setzt Du Dich in den Wagen hinein, einerlei ob gutes oder schlechtes Wetter ist; in einigen Stunden bist Du an Ort und Stelle." y Erpresser.