Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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452 Aus meinen Fedens-Erinnerungen. Von Max Ring. II. inen schweren Verlust erlitt wein Vater durch wiederholte Feuersbrünste, wobei einmal die ganze Scheune mit der eben eingebrachten Ernte und vielen alten Getreidevorräthen ohne Versicherung, die damals noch nicht so allgemein wie jetzt war, abbrannte. Der ungewöhnliche Anblick der wilden Flammen, der schwarzen Rauchwolken, die ängstlichen Gesichter der Bewohner, welche mit ihren Habseligkeiten flüchteten, das Brüllen der erschreckten Thiere, das. Rasseln der Spritzen, das Geschrei der Rettenden erfüllten nnch mit Grausen und regte zugleich meine Phantasie in unbeschreiblicher Weise auf. Während das Feuer den Wohlstand unserer armen Eltern zu vernichten drohte, blickten wir Kinder mit einer Mischung von Furcht und Neugierde auf das seltsame Schauspiel. Bei dieser Gelegenheit soll, wie nachträglich behauptet wurde, der evangelische Schullehrer, ein überspannter Kopf, den Kindern das brennende Dorf mit den Worten gezeigt haben: „Merkt Euch das! So hat es damals in Rom ausgesehen, als der böse Nero - die Stadt anzündete!" Mehr als dies alles aber betrübte und schmerzte mich der plötzliche Abgang meines geliebten Lehrers, den mein Vater, wenn auch nur ungern, entlassen mußte. Ich war untröstlich über diesen Verlust, und es verging eine geraume Zeit, bis ich mich zufrieden gab, da ich als Kind ein überaus anhängliches Herz besaß. Jeden Abend, bevor ich einschlief, betete ich für alle meine Lieben und empfahl jeden Einzelnen namentlich dem Schutz des Himmels. Ich war damals sehr fromm und beschäftigte mich viel mit religiösen Gedanken, mit Gott und den Engeln, die ich mir in den schönsten, wunderbarsten Bildern vorstellte. Damit verband ich eine große Furcht vor der Sünde und Hölle, die ich mir mit ihren Teufeln und bösen Geistern in den schrecklichsten Farben ausmalte. Obgleich mein Vater sich zum jüdischen Glauben bekannte und die vorgeschriebenen Gesetze und Ceremonien streng beobachtete, hatte er sich im Verkehr mit der gebildeten Welt eine große Toleranz augeeignet. Nie hörte ich ein gehässiges Wort gegen Andersgläubige aus seinem Munde. Er war sowohl mit der katholischen wie mit der evangelischen Geistlichkeit befreundet und von sämmtlichen Bewohnern des Ortes wegen seiner strengen Redlichkeit und Herzensgute so sehr geachtet/ daß die ganze Gemeinde, als er starb, um ihn trauerte und seiner Leiche folgte. Allerdings herrschte damals noch in Glanbenssachen eine größere Duldung, und die verschiedenen Konfessionen lebten friedlich mit einander, ohne sich zu Haffen oder zu verfolgen. In diesem Geiste wurde auch ich erzogen, und wenn mein Vater auch darauf hielt, daß ich in der jüdischen Religion unterrichtet wurde und die Gebräuche derselben beobachtete, so legte er doch das Hauptgewicht auf die Erfüllung der sittlichen Pflichten, . auf tugendhaften Lebenswandel und Reinheit der Gesinnung. So lernte ich frühzeitig durch das Beispiel meines Vaters und nn Vertehr mit Andersgläubigen Duldung und Liebe. Bald aber sollte ich auch die Bekanntschaft des religiösen Zweifels in der Person eines klugen, wohlhabenden Bauern machen, der — damals noch eine große Seltenheit — außer der Bibel auch noch andere Bücher las. Als ich den Vetter Gottlieb, wie er allgemein hieß, in seinem Garten besuchte, wo des Nachts vorher der- Sturm einen alten Baum gebrochen und umgestürzt hatte, sagte der Alte, ans den gefallenen Baum zeigend: „Siehst Du, mein Sohn, so werden auch wir einmal daliegen, wenn wir gestorben sind, und alles, was unsere Pfaffen lind Deine Rabbiner von der Auferstehung und Unsterblichkeit, von Hölle und Himmel predigen, ist nichts als eitel Lug und Trug." Bei diesen Worten überlief mich unwillkürlich ein kalter Schauer, und ich erwartete nichts anderes, als daß auf der Stelle ein Blitz vom Himmel niederfahren müßte, um den frechen Redner zu strafen. Da aber nichts dergleichen erfolgte, beruhigte ich mich wieder, wenn ich auch längere Zeit den Eindruck nicht übertvinden und die schrecklichen Worte nicht so leicht vergessen konnte. Nachdem mein Vater sich vergebens bemüht hatte, für meinen . abgegangenen Lehrer einen passenden Ersatz zu finden, entschloß er sich, mich nach Ratibor, wo mein älterer Bruder das Gymnasium besuchte, in eine Privatschule zu bringen. Ich kam in Pension zu einer guten, ehrenhaften Familie, bei der ich mit meinem Brllder zusammen wohnte, so daß ich das anfängliche Heimweh und den Mangel an Freiheit schnell überwand. Außerdem kam mein Vater regelmäßig zum Wochenmarkt, auf dem er als Landwirth zu thuu hatte. Seine Ankunst war jedesmal ein Fest für mich, aber auch zugleich ein Gegenstand der Sorge, da er als Viehzüchter verschiedene Schlächter besuchte, vor denen ich beständig eine große Angst hatte, daß sie ihm mit ihren scharfen Beilen ein Leid zufügen würden. — In meiner Pension fand ich au der Tochter meiner Wirthsleute, einem schönen, gleichaltrigen Kinde, eine lustige Gespielin und in der Schule an dem später so berühmt gewordenen Kliniker Louis Traube einen guten Freund,, mit denen ich manche vergnügte Stunde verlebte. Indessen sollte ich nur kurze Zeit in Ratibor bleiben, da sich meine älteste Schwester nach G lei Witz verheirathete und so lange meinen Vater bat, mich mitnehmen zu dürfen, bis dieser die gewünschte Erlaubniß dazu gab. In Gleiwitz besuchte ich die dortige jüdische Gemeindeschule, die zuerst der Großvater des bekannten Berliner Possendichters Jakobsohn und später der Vater des Gerichtspräsidenten und juristischen Schriftstellers Thilo leitete. Daneben crtheilte mir ein Primaner, der spätere Geheime Sanitätsrath Grätzer in Breslau, den ersten Unterricht in der lateinischen Sprache. Da ich sehr leicht lernte und schnell begriff, konnte ich schon nach kurzer Zeit das Gymnasium besuchen. Frühzeitig zeigte sich auch bei mir die Lust und das Talent für Poesie. Noch nicht zehn Jahre alt, verfaßte ich mein erstes Gedicht, „Das Veilchen", das ich dein Herausgeber des in Gleiwitz erscheinenden „Oberschlesischen Wanderers" brachte, der auch wirklich diesen kindlichen Versuch abdruckte, worüber ich natürlich eine große Freude empfand. Weniger zufrieden mit mir waren meine Lehrer, weil sowohl mein Fleiß, tute mein Betragen viel zu wünschen übrig ließ und Veranlassung zu gerechtem Tadel gab. Mein Schwager, der selbst noch sehr jung war, ließ es zwar nicht an nachdrücklichen Ermahnungen fehlen, war aber ebenso wenig wie meine nur zu gute, allzu nachsichtige Schwester befähigt, den eigenartigen Knaben zu erziehen und in Ordnung zu halten, so daß ich, besonders durch den Umgang einiger älterer Taugenichtse, immer mehr verwilderte. Unter solchen Umstünden fand sich mein besorgter Vater bewogen, mich von Gleiwitz zu entfernen und mich wieder auf das Gymnasium nach Ratibor zu bringen, nachdem ich zu Hause noch einige Zeit von dem Kaplan des Ortes, einem ebenso liebenswürdigen, als kenntnißreichen katholischen Geistlichen, Privatstunden im Lateinischen und Griechischen erhalten hatte. Diesen Unterricht theilte ich mit einem älteren Knaben, dem Sohne eines wohlhabenden, in der Nähe wohnenden Müllers. Mein neuer Freund, der auf Wunsch seiner Eltern Theologie studiren sollte, gewann mich bald so lieb, daß ich ihn öfters besuchen mußte und er mit mir auch später in innigster Verbindung blieb, so sehr auch unsere Wege und Au-