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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-18 · Heft 38 (18.9.1896) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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Schriften der muhammedanischen Theologen und Philosophen ist doch etwas Eigenartiges.entstanden. Nun wollen wir die Grundanschauungen der einzelnen Deuter betrachten. Der Gaon Saadja spricht im letzten Kapitel seines religionsphilosophischen Werkes von der „besten Lebensführung". Die Lehren, welchen wir darin begegnen, sind einfach, aber seine Darstellung zeugt davon, daß Saadja das Leben in den großen Kulturcentren des Chalifates sehr wohl kannte. Ein jedes Wesen, meint Saadja, ist zusammengesetzt und hat mannigfaltige Funktionen zu verrichten. Der Baum, der menschliche Körper, auch die Sphären des Himmels, alle sind zusammengesetzt. Darum würde der Mensch arg fehlen, wenn er nur einer einzigen Kraft seiner Seele folgen würde, denn so wie am Himmel nicht nur ein einziger Stern leuchtet, wie der menschliche Körper, nicht nur aus Einem Knochen besteht, so ist er nicht nur einer einzigen sittlichen Eigenschaft wegen da. Es giebt aber gar Viele, welche augenscheinlich dieser Ansicht sind und meinen, der Mensch müsse sein Leben lang eine einzige sittliche Eigenschaft bethätigen und immer nur nach demselben Gute streben. Ich meine aber, sagt Saadja, wenn der Zweck des Menschenlebens nur im Streben nach .demselben Gute bestünde, so hätte Gott die Liebe zu anderen Dingen nicht in unsere Seele gepflanzt. Ihr könnt ja ein Haus nicht aus Steinen allein und nicht aus Holzstücken und nicht aus Nägeln allein aufbauen, ihr könnt nicht von Speise oder Trank oder Kleidung allein leben, und da meint ihr, daß der Zustand der Seele ein gleichförmiger, ihre Eigenschaft eine einzige sein soll. Wenn es aber in der Schrift heißt, „alles Thun unter der Sonne sei' eitel", so ist das so zu verstehen, daß das einseitige Thun eitel und nichtig sei. Eitel ist vor Allem das Thun der Weltverächter, welche in die Berge flüchten und über diese Welt weinen und trauern und klagen. Sie berufen sich auf die Vergänglichkeit und Eitelkeit alles menschlichen Strebens und meinen, der vernünftige Mensch dürfe kein Haus bauen, nicht säen und 'überhaupt mit irdischen Dingen sich abgeben, sondern er muß der Welt entsagen und ein Einsiedlerleben führen. Ich fand aber, meint Saadja, wohl richtig, was diese von der Vergänglichkeit der irdischen Dinge sagen, aber sie haben auch das verlassen, dessen der Mensch nothwendig bedarf. Wenn das richtig wäre, was diese thun. so müßten es alle Menschen thun können. Da würde aber das Geschlecht der denkenden Wesen aussterben, und mit dessen Untergang würde untergehen die Weisheit, die Religion, ja Himmel und Erde müßten aufhören. Ueberdies, kann man denn die Weisheit unter den wilden Thieren erlangen, und erzeugt nicht eben die schlechte Nahrung den Hang zur Sünde? Die Einsiedler werden aber auch Menschenfeinde und werfen endlich alles Menschliche ab. Die Entsagung ist wohl eine löbliche Eigenschaft, aber nur an ihrem Platze den Dingen gegenüber, die der Ewige verboten hat. Zur Würdigung dieser Bemerkungen des Saadja, welche sich gegen die muslimischen Asketen und vielleicht auch gegen das Mönchsthum richten, will ich hervorheben, daß nach Saadja der Mensch der Zweck der Schöpfung ist, seine Seele ist wohl in den Körper eingeschlossen, aber sie ist weiter als der Himmel, darum ist für ihn der Untergang des Menschengeschlechts zugleich der Untergang von Himmel und Erde. Ebensowenig wie die Ansicht der Weltflüchtigen, sind Diejenigen zu rechtfertigen, welche sich sinnlichen Genüssen hingeben, unter _ Gelagen ihr Leben zubringen oder nach dem Erwerb eines großen Vermögens streben und dabei jedes Interesse für alle anderen Güter des menschlichen Lebens verlieren. Wieder Andere finden ihre Freude. an schönen Palästen und fröhnen einer Baulust, welche ihr Vermögen zu'Grunde richtet. Mancher wünscht sich ein langes Leben und denkt nicht an die Leiden des Alters und daran, daß dieses Leben nur eine Vorbereitung für das zukünftige sei. Auch die Ehrgeizigen und Herrschsüchtigen befinden sich auf Irrwegen, die sie ' ins Verderben führen können. Dies alles sind Einseitigkeiten des sittlichen Lebens, die zu verurtheilen sind. Saadja verurtheilt aber auch Einseitigkeiten, wo dies weniger selbstverständlich ist. Er. meint, daß Diejenigen., welche die Wissenschaft über alles Hochhalten, wohl im Rechte sind , aber sie übertreiben , wenn sie sich von allen anderen Angelegenheiten dieser Welt abweuden. Auch Diejenigen finden keinen Beifall bei ihm, die da meinen, das Beste, was der Mensch thun kann, sei der Dienst Gottes. Fasten am Tage, des Nachts wachen und das Lob des Ewigen verkünden, daß ist das Einzige, was der Mensch thun sollte. Saadja findet es wohl löblich, daß die Liebe zu Gott sich in dieser Weise offenbare, aber so faun man den Willen Gottes nicht erfüllen. Oder wie wollt ihr etwa, fragt Saadja, das Gebot der Schrift erfüllen: „Eine gerechte Waage, ein gerechtes Pfund sollt ihr haben?" Wie könnt ihr entsprechen dem Gebote: „Du sollst nicht beugen das Recht und keine Rücksicht, nehmen im Gericht", wenn alle Welt nur fastet und betet und Niemand Gerechtigkeit braucht? Das Nichtige ist nach Saadja, daß alle diese Bestrebungen in dem' Maße zur Geltung kommen, in welchem sie vom Gesetze Gottes erlaubt sind. Dies darf aber nicht so aufgefaßt werden, daß man all den erwähnten Trieben in gleichem Maße huldigen soll, denn das sittliche Leben soll harmonisch sein, und so wie gleiche Töne keine Harmonie ergeben, ebenso wird das gleiche Maß aller zur Geltung konunendeu Triebe auch keine Befriedigung gewähren. Vielmehr müssen diese in größerem oder geringerem Maße durchs Entsagung zurückgedrängt werden, daß das Gleichgewicht der Seele nicht gestört werde. Man wird der Weisheit des Saadja, welche vor tausend Jahren in so treffender Weise vor den Irrwegen des sittlichen Lebens, vor Weltflucht und Völlerei gewarnt hat, , die Achtung nicht versagen können, denn der Gedanke, welcher seinen Ausführungen zu Grunde liegt, der Gedanke von der Vielseitigkeit des Interesses, als einer Bedingung menschlicher Vollkommenheit, nimmt auch in modernen ethischen Systemen eine hervorragende Stelle ein. Es ist eine verbreitete Meinung, daß das Verdienst des Protestantismus darin besteht, daß dieser „die Menge kirchlicher Mittler und Mittel, welche von der Kirche zwischen Gott und den Menschen eingeschoben worden find, beseitigt und daß er gegenüber den Idealen des Mönchsthums und der kirchlichen Heiligkeit die wahren Ideale menschlicher Sittlichkeit zur, Geltung brachte, welche sich nicht in finsterer Askese, sondern in der frohen Bethätigung „in dieser Welt voll göttlicher Gaben und Aufgaben" offenbaren. Das Judenthum bedurfte keiner solchen Befreiung von den Auswüchsen des Mittlerglaubens, denn seine größten Lehrer verwarfen ihn, und Saadja zeigt uns ein Ideal l menschlicher Sittlichkeit, welches keiner Reform bedarf. Keinesfalls kann man also sagen, daß durch diese Lehren des Protestantismus eine „neue .Stufe des religiös-sittlichen Bewußtseins der Menschheit erreicht worden ist, die so noch nie dagewesen war", da doch der Gaon von Sura diese Lehren mit möglichster Klarheit ausgesprochen hat. ■£ÜÜ

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