Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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werden sie: nicht mehr, wie bisher, ihre Gaben blind ausznstreuen brauchen. Auch für sie ist dann das Organ vorhanden, das ihnen gern und willig beistehen und die Stätten zeigen wird, wo Thränen zu trocknen, wo Kranke und Wöchnerinnen zu laben, wo eine große Kinderschaar zu ernähren, wo ein begabtes Kind auszübilden, ein krüppelhaftes zu heilen wäre und wie die hundert und aberhundert Gestalten alle heißen mögen, unter denen die Armuth erscheint. Schon der Umstand, daß die nackte Armuth nicht'die einzige und nicht die beklagenswertheste ist, daß gar oft unter anständiger äußerer Hülle gerade die bitterste Noth sich verbirgt, sollte die milden Spender veranlassen, sich mehr als bisher üblich von Kundigen berathen zu lassen, und sie werden es auch sicher thun, sobald eine Organisation solcher Kundigen vorhanden sein wird. Das eine solche Organisation nicht in das Reich der Utopie zu versetzen ist, erfahren wir ebenfalls von Roscher. (S. 39.) In Elberfeld, „also auf einem für die neuere Armenpflege klassischen Boden," ist dieses System zum größten Segen der Stadt und ihrer dürftigen Bewohner durchgeführt. Was im weiten Rahmen; einer Stadtgemeinde gelungen ist, sollte das nicht in den viel leichter übersehbaren Verhältnissen einer jüdischen Gemeinde noch viel eher durchführbar sein? Wenn die hier gegebenen Anregungen den Erfolg hätten, daß sich da und dort energische Personen mit der Organisation solcher Armenpflege-Genossenschaften innerhalb der jüdischen Gemeinde befassen , und so die Zeit, „also etwas, das köstlicher ist als Geld", die viele überflüssige Zeit so vieler besitzender Männer, Frauen und Mädchen in den Dienst der Armuth stellen würden, dann wäre der Zweck dieser Zeilen erfüllt. Aie Ethik der jüdischen Philosophen vor Maimonides. Ein Vortrag von Dr. Martin Schreiner. I. Mtm Jahre 912 hat sich in der Hauptmoschee von Basra, einer Stadt im Reiche des Chalifen von Bagdad, ein Ereigniß zugetragen, welches scheinbar unbedeutend war, in Wahrheit aber für die Geschichte der Glaubensmeinungen eines beträchtlichen Theiles der Menschheit eine große Wichtigkeit erlangt hat. Ein im Mannesalter stehender Scheich bestieg an einem Freitag die Kanzel und sagte ungefähr Folgendes: „Versammelte! Ich bin Abu-l- Hasan al-Aschari. Ich habe mich in dieser Zeit von euch fern gehalten, um die Beweise zu prüfen und unter einander zu vergleichen, aber weder das Rechte überwog das Falsche, noch das Falsche das Rechte. Da flehte ich Gott um seine Leitung an, und er führte mich auf dem rechten Wege zu dem, was ich in diesen meinen Büchern niedergelegt habe. So entkleide ich mich denn alles dessen, was ich früher geglaubt habe, wie ich mich dieses meines Gewandes entkleide." Darauf - zog er sein Gewand aus lind warf es von sich, seine Schriften aber gegen die Freidenker gab er den Leuten?) Dieser Abu-l-Hasan al-Aschari war bis dahin eine Säule des Freidenkerthums, und nun bekehrte er sich zu den orthodoxen Anschauungen, denen er rasch zum Siege verhalf. Zu den Streitfragen der muhammedanischeu Theologen gehörten neben verschiedenen theologischen Ideen die Lehren von der Willensfreiheit, vom sittlichen Urtheil, l) Spitta, zur Geschichte des Abück-Hasan al-Aschari, S. 50. und von der gerechten Weltregierung Gottes. Die Freidenker waren der Ansicht, daß die Vernunft ein sicheres Urtheil darüber abgebeu kann, was Gut und was Böse sei, daß der Mensch der Herr seiner Entschlüsie und Thaten ist und daß es eine sittliche Weltordnung giebt. Die Orthodoxen dagegen waren der Ansicht, daß an sich.gar keine Handlung gut oder böse sei. Gut ist das, was Gott geboten hat, schlecht aber, was im Koran und in der Tradition des Propheten verboten ist. Der. Mensch hat auch keine freie Wahl, alle seine Thaten wie sein Schicksal sind von Gott vorher bestimmt. Es giebt auch keine gerechte Weltregierung, Gott thut was er will, und es giebt keinen Maßstab, nach welchem seine Fügungen beurtheilt werden könnten. — Durch Abu-l-Hasan al-Aschari und seine Anhänger gelangten diese Lehren zum Unglück der muslimischen Welt zur Geltung. Erst haben sich nur Gelehrte ihnen angeschlossen, später auch die Chalifen mit den anderen Machthabern ihres Reiches. Das Freidenkerthum im Islam und der Sieg des Abu-l-Hasan al-Aschari würde uns hier nicht interessiren, wenn nicht an den gelehrten Zusammenkünften muslimischer Theologen ein Mann theilgenommen hätte, der als das Oberhaupt der talmudischen Schule zu Sura auf die Judenschaft einen großen Einfluß ausübte, der durch eine theologische Schrift seine Zeitgenossen, wie er sich ausdrückt,, aus dem Meere der Zweifel zu retten bestrebt war und der durch seine litterarische Thätigkeit den Denkern der folgenden Jahrhunderte neue Wege der religiösen Erkenntniß gezeigt hat. Dieser Mann war Saadja ben Josef al-Fajjumi, der, im Jahre 892 geboren, an der Spitze der jüdischen Denker steht, mit deren Ansichten, insoweit sie die Sittenlehre betreffen, wir uns beschäftigen wollen. Es bedarf wohl nicht der Hervorhebung dessen, daß das Judenthum mit einer Fülle von ethischen Gedanken in die Kultur der muhammedanischen Welt eingetreten ist, welche zum Theil viel höher standen, als diejenigen der muslimischen Weltanschauung. Die Bibel und die talmudische Litteratur enthielten sittliche Ideen, Bemerkungen über die Erscheinungsformen derselben im Familien-, wie im Staatsleben, zu denen die Nachfolger der alten Gesetzeslehrer kaum etwas hinzufügen konnten. Unter dem Schütze der biblischen und talmudischen Gesetzgebung, welche die Juden in der Zerstreuung vor dem geistigen und körperlichen Verderben bewahrte, entfaltete sich ein inniges religiöses und reines sittliches Leben. Was die Sittenlehre der Bibel und des Talmuds allein zu Stande bringt, ersehen wir aus den ethischen Schriften der europäischen Juden des 11. und 12. Jahrhunderts, und si» haben schon früh die Aufmerksamkeit Zunz' erregt, so daß er manch' sinnigen Spruch weiteren Kreisen zugänglich zu machen sich bemüßigt sah?) Als neu ist bei den Neligionsphilosophen die spekulative Begründung der ethischen Ideen. des Judenthums zu betrachten. Was einst die Propheten ausgesprochen, was im Namen einzelner Gesetzeslehrer überliefert wurde und was sich anonym an ethischen Gedanken in unserem alten Schriftthume vorgefunden, das wurde durch die Philosophen begründet und zum Theil in ein System gebracht. Die Anregung hierzu kam immer von außen, von den ethischen Schriften der griechischen und arabischen Philosophen, weshalb ich darauf Hinweisen möchte, worin die Originalität der jüdischen Philosophen bestanden hat. Mit frischem Muthe sind sie in die blühende Kultur der muslimischen Welt eingetreten, sie ließen alle die Bestrebungen, die in der theologischen und philosophischen Litteratur des Islams zur Geltung kamen, auf sich einwirken, aber sie haben dabei, wie sich dies Nachweisen läßt, ihre Wahlfähigkeit nicht eingebüßt. Unter dem Einfluß der religiösen Litteratur und den Zunz, Zur Geschichte und Litteratur. S. 130.