Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1896)
- Date
- 1896-09-18
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
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bleibe doch lieber zu Hause." Und Jene erwiederte: „Zu Hause ist es noch ärger." Wiederum wird aus Memel von zahlreichen Ausweisungen jüdischer Einwohner berichtet. Unter den zum „unverzüglichen" Verlassen des preußischen Staatsgebietes Anfgeforderten befinden sich leider auch Männer, die eine zahlreiche Familie zu versorgen haben und mit dieser auf solche Weise an den Bettelstab gebracht werden. Wir wissen natürlich nicht, wodurch alle diese Ausweisungsbefehle veranlaßt sind, jedenfalls stehen sie im Widerspruch mit einem Erlaß des Herrn Ministers des Innern an den Oberpräsidenten der Rheinprovinz, der jetzt durch die Blätter geht und den folgenden Wortlaut hat: „Das Verfahren des Polizeipräsidenten zu Köln, wonach unterschiedslos von jedem dort ansässigen Ausländer periodisch die Vorlegung von Pässen verlangt wird, findet weder in meinen! Erlasse vom 3. Januar d. I. noch in der Ausführungs-Anweisung Eurer Exzellenz vom 25. März d. I. eine Stütze. Mit Eurer Exzellenz stimme ich auch darin überein, daß bei der Prüfung der Staatsangehörigkeit der Ausländer auf die Verhältnisse des einzelnen Falles Rücksicht zu nehmen ist. Hierbei wird jede unnöthige Belästigung der Fremden zu vermeiden sein und nur darauf Werth gelegt werden müssen, daß die Polizeibehörde sich in unzweifelhafter Weise von der Staatsangehörigkeit des Ausländers überzeugt, was in vielen Fällen möglich sein wird, ohne im Voraus allgemein bestimmte Ausweispapiere von den Fremden zu verlangen. Auch wird eine regelmäßige Erneuerung der Ausweispapiere in der Hauptsache nur von denjenigen Ausländern zu fordern sein, bk nach ihren Verhältnissen der Armenpflege zur Last fallen oder in anderer Weise lästig zu werden drohen." „So viel wir wissen, bemerkt hierzu das „Memeler Dainpfboot", befinden sich unter den jetzt Ausgewiesenen sehr viele, die in wohlgeordneten Verhältnissen leben und Niemanden belästigen." Einige Gedanken über Armenpflege. Bon Ros alte Perles in München. II. 11)11 111,11 Armenpflege, wie sie in««unseren jüdischen Gemeinden gehaudhabt wird, im Lichte dieser aus den gesammelten Erfahrungen aller Länder, Zeiten und Konfessionen zusammengestellten, wohl durchaus unanfechtbaren Sätze betrachten, so wird für die verschiedenen Gemeinden unser Urtheil sehr verschieden ausfallen. Im Allgemeinen kann wohl gejagt werden, daß in älteren, armen oder kleinen, auch wohl in größeren Gemeinden mit verhältnißmäßig großem Proletariat schon die Roth gebietet, vorsichtig zu sein, und die Noth ist es, die hier wohlthnn lehrt. Hier müsien die geringen Mittel sehr zu Rathe gehalten werden, hier verbietet sich leichtsinniges Allnosengeben von selbst, und hier wird immer die einzige und Haliptschwierigkeit darin bestehen, die nöthigen Mittel zu beschaffen, um nur dem furchtbarsten Elend zu wehren. In sehr großen, alten und reichen Gemeinden, das muß ebenfalls anerkannt werden, fließt bereits ein Theil des Wohlthätigkeitsstromes in die richtigen Bahnen, und es ist in Gestalt von Speisehäusern, Volksküchen. Herbergen, Krankenhäusern, Waisenhäusern, Asylen aller Art den Armen dauernder Besitz geschaffen, auf den man sie Hinweisen kann in ihrer Noth — lauter Schöpfungen, von denen ein unausgesetzter, unberechenbarer Segen ausströmt. Dies vorausgeschickt, kann es im Uebrigen getrost jedem denkenden Leser selber überlassen bleiben, die diesbezüglich in unseren Gemeinden herrschenden Usancen einmal in der Beleuchtung der Roscher'schen Sätze sich zu vergegenwärtigen. Wo diese Wahrheiten Hintreffen, da werden sie vielfach wunde Stellen berühren, und besonders Diejenigen, welche vermöge ihres Amtes oder Ehrenamtes die berufenen Vollstrecker der Wohlthätigkeit weiter Kreise sind, werden mit Dank den Werth solcher Anregungen anerkennen und reichen Gewinn daraus schöpfen. Ohne hier auf Einzelheiten einzugehen, die ja von jedem nur einigermaßen mit diesen! Stoffe Vertrauten hinlänglich gekannt und beklagt worden, sei 'hier nur beispielsweise auf die vielen „Vertheilungen" hingewiesen, welche, wie schon oft berechnet wurde, im Laufe eines einzigen Jahres schon ein Riesenkapital betragen und bei welchen nur allzu oft der freche, gewerbsmäßige, sich vordrüngende Bettler die fette Beute erjagt, während der bescheidene, anständige Arme leer ansgeht und daheim hilflos schmachtet. Man weiß rnanchmal kaum, was schlimmer und mehr zu beklagen ist — der Unverstand und Leichtsinn der Spendenden oder die schlaue Ausnützung derselben seitens der Empfänger. Ist es nicht eine größere Wohlthat, an den Tisch einer einzigen hungernden Fainilie einen Korb Lebensuiittel zu besorgen, als Hunderte von Mark so zu „vertheilen"? Aber auch auf die Gemeinden und Vereine sei hier hingewiesen, welche vorn grünen Tisch aus geinächlich „wohlthun" und nicht selten eine oft sehr beträchtliche Summe in so und so viel gleiche Theile zerhackt einfach dem vielgeplagten Gemeindediener zur Besorgung übergeben. Ja, sagt inan, wie ist das zu ändern? Wie kann man Zeit finden, eingehende Untersuchungen bei jeder Gabe anzustellen? Wir überlegen es ja reiflich genug, ehe wir einen neuen Nanien auf die Arrnenliste stellen, weil wir wissen, daß er dann nicht inehr auszustreichen ist, sondern für alle Ewigkeit ein verbrieftes Recht auf unsere Unterstützung besitzt, mögen sich im Laufe der Jahre die Verhältiiisse noch so sehr verändern. Ja, wir wissen es wohl, daß ein großer Theil der Summen besser angewendet werden könnte; aber wie solleil wir die Bittsteller los werden, wo sollen wir Personen hernehmen, welche sich eingehend mit denselben befassen u. s. w. Da eben sitzt der Haken. Geld allein ohne die nöthigen Kräfte, welche es richtig zu verwenden wissen, „schadet mehr als es nützt". Zum Arniengelde gehört der Armenpfleger, gehören die kundigen Personen, die in alle Bedürfnisse, Schmerzen, Sorgen i'.nd Kümmernisse der ihrer Obhut anvertrauteii Familien eiugeweiht siiid, gehören edle Frauen und Mädchen, welche durch ihren Zuspruch der Gabe erst ihren eigentlichen Werth verleihen, durch ihr bloßes Erscheinen in der Arinen-Behausung schon Trost und Aufrichtung bringeii, durch ihren weisen Rath und ihre bessere Einsicht die Wirkung der Wohlthat für deii Armen verdoppelli, vervielfältigen. Eine solche wohlorganisirte Hilfstruppe ist es, welche geschaffen werden und dann der Genieiude bei ihren Wohlthätigkeüs- Geschäften zur Verfügung stehen muß. Eine solche Hilfstruppe ist es, zii der dann auch alle Vereine ihre Zuflucht nehmen können und müssen, wenn sie rathlos vor Bittgesuchen stehen, wenii sie kein Organ haben, um den bauin dargelegten Sachverhalt zu Prüfen, wenn ihnen in keiner andern Weise die Möglichkeit gegeben ist, die Lüge von der Wahrheit, den Schwindel vom blassen Elend zu unterscheiden. Im Besitze einer solchen Hilfstruppe wird man sich nicht mehr die Pistole auf die Brust setzen lassen und wehrlos das vorhandene Geld Demjenigen znwerfen, der das Räuberhandwerk anr besten versteht. Aber auch die Privaten, wenn sie den Jahrzeittaa eines theuren Todten durch Wohlthun feiern oder wenn sie in der Freude ihres Herzens auch die Dürftigen erfreuen wollen oder wenn sie beim Herannahen der Feiertage dieselben auch dem Armen verschönern wollen — immer