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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-18 · Heft 38 (18.9.1896) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
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haben wir dieselbe auch nicht einen Augenblick verleugnet; es ist genau dieselbe Solidarität, die den/Protestantismus aller Länder und die Katholiken der ganzen Welt verbindet und deren keine Religion entrathen kann, wenn sie bestehen soll. Dieser Solidarität haben wir stets das Wort geredet und keiner anderen. Und wir können dem gegnerischer Blatte sogar einen geheimen Herzenswunsch anvertrauen: Wir wünschen nichts sehnlicher, als haß diese religiöse Solidarität innerhalb des Judenthums noch viel stärker sein möchte als sie in der That ist! ' : - * Ein vernichtendes Urtheil hat Rudolf Virchow über die Rassenkämpfe unserer Zeit gefällt, indem er erklärte: „Der Begriff der Raffe ist durch die jüngsten Forschungen der Anthropologie im höchsten Maße unsicher geworden. Während uns bis vor wenigen Jahrzehnten die germanische, die slavische Raffe als durchaus einheitlich erschienen, haben neuere umfangreiche Erforschungen, archäologische Gräberfunde und sprachvergleichende Untersuchungen ergeben, daß es keine einzige Nation mit einheitlichem Typus giebt, sondern daß die Bildung unserer heutigen „nationalen Raffen" das Resultat einer mehr oder minder weit zurückliegenden Mischung verschiedener anderer Raffen ist." Was werden nun die Raffen-Antisemiten dazu sagen? * . In Galizien scheinen traurige Zustände, namentlich in den kleinen Gemeinden, zu herrschen. Ueber die Auflösung des Gemeindevorstandes zu Tarnow haben wir bereits berichtet. Nun lesen wir im Anschluß an diese Verfügung das folgende Urtheil in dem galizischen Organ der zionistischen Partei, „Przyszlosz", das allerdings bereits von antisemitischen Blättern mit großem Behagen abgedruckt worden ist, das wir aber gleichwohl nicht unterdrücken dürfen, weil der furchtbare Ernst der Sache entweder zu einer entschiedenen Aktion gegen diese Zustände oder zu einer energischen Widerlegung jener Behauptungen die maßgebenden Kreise des Landes förmlich zwingt. Es heißt nämlich in diesem Blatte: „Es war für uns thatsächlich kein Geheimniß, daß viele galizische Gemeindekollegien, statt sich aufrichtig mit den Angelegenheiten und Bedürfnissen der jüdischen Gesellschaft zu beschäftigen, schon lange nichts anderes sind, als Sineeuren für die einen und zu Würden und Ehren führende Mittel und Wege für die anderen. Wir wußten das sehr gut, denn wir sahen ja selbst, wie die Funktionäre ihre Stellen mißbrauchten, sei es zu eigenem oder der Vorgesetzten Nutzen; wir sahen, wie die Vorsteher das Volk korrumpirten, wie sie alle Erscheinungen des öffentlichen Lebens vergifteten, wie sie leichtsinnig die in die Gemeindekassen vom jüdischen Proletariat eingelegten Groschen vergeudeten. Aber niemals dachten wir, daß diese „Leiter" des jüdischen Volkes sich einfach öffentliche Gelder aneignen, Bücher und Ausweise fälschen, mit einem Wort sich Thatett zu Schulden kommen lassen würden, die durch das Strafgesetz verboten sind. Und dennoch sind das Fakta! Hat ja doch die jüdische Bevölkerung auch anderwärts gar keine Vorstellung über diese Manipulationen, berichten ja auch anderwärts die Kollegien nicht über ihre Thätigkeit und hat erst vor Kurzem eine Krakauer Zeitschrift berichtet, daß ein dortiger Würdenträger derartige Praktiken ausübt, wie sie in Tarnow entdeckt wurden, und vor einigen Jahren wurden dem Vorstand in Stryj ebensolche Praktiken vorgeworfen. In unserem Verdächte bestärkt uns der Gedanke, daß erst vor Kurzem die jüdische Bevölkerung im-ganzen Lande ihre Unzufriedenheit mit den Statutenbestimmungen kundgab, die eigentlich durch die Vorstandskollegien selbst geschaffen wurden und auf die Festigung der Cliquenherrschaft in den einzelnen Städten und Städtchen abzielten, die Obsorge für die jüdische Bevölkerung monopolisirten. Wenn etwas Licht in die Gemeinde-Kanzleien eindringen 'würde, wer weiß, was für Geschichten.und Mißbräuche an den Tag kommen würden" <$> Merkwürdige Botschaft kommt in dieser Woche aus dem Zarenreiche. Ueber hohe Offiziere des russischen Dragoner-Regiments Kaiser Franz Josef ist eine strenge Disziplinarstrafe verhängt worden/ blos weil sie Juden beschimpft und geprügelt'Haben. Das war doch früher nicht! Ein Petersburger Gewährsmann der „Pol. Korresp." giebt folgende näheren Aufschlüsie: Großes Aufsehen erregt in Petersburg ein von dem amtlichen Organ des Kriegsministeriums, dem „Rußky Invalid", veröffentlichter kaiserlicher Tagesbefehl, kraft dessen der Kommandant des 35. Bjelgoroder Dragoner- Regiments Kaiser Franz Joses, Oberst Papaafanassopulo, enthoben und in die Reserve versetzt, der Lieutenant dieses Regiments, Bakunin, vom Heeresdienste ausgeschlossen und elf weitere Offiziere desselben Regiments, Rittmeister v. Bradke, die Lieutenants Grigorowitfch-Barsky und Petrowitsch und die Kornets Kisselew, Makedonsky, Kolodiew, Korbut, Zemitschkovsky, Dunajewsky, Pustschin und Bogdanowitsch zu gemeinen Soldaten degradirt wurden. Erkundigungen, die Ihr Korrespondent über die vom „Rußky Invalid" mit keinem Worte angedeuteten Gründe dieser außerordentlich strengen Maßregelung einzog, ergaben, daß diese durch einen skandalösen öffentlichen Austritt veranlaßt wurde. Die angeführten Offiziere hatten durch ein an das Regiment gelangtes Beglückwünschungs-Telegramm des Inhabers, des Kaisers Franz Josef, in fröhliche Stimmung versetzt, dem Weine allzu sehr zugesprochen, und als sie dann in angeheitertem Zustande durch die Straßen gingen, eine Gruppe von Juden ohne den geringsten Anlaß beschimpft und geprügelt. Sie verfolgten die Angegriffenen bis in die Räume eines Privathauses, wohin sich dieselben geflüchtet hatten, um die Mißhandlungen fortzusetzen. Erst durch das Einschreiten der Polizei wurde diesen Gewaltthätigkeiten ein Ende gesetzt. Die Versetzung des Obersten Papaafanaffopulo, der sich an diesem unwürdigen Treiben selbstverständlich nicht betheiligt hat, in die.Reserve ist aus dem Grunde erfolgt, weil er aus unstatthafter Nachsichtigkeit unterlassen hat, der obersten Militärbehörde über diese Vorfälle Bericht zu erstatten, so daß dieselbe hiervon erst durch eine Mittheilung des Ministeriums des Innern Kenntniß. erhielt. Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. f er Vorwurf gegen die Juden, daß sie sich möglichst der landwirthschaftlichen Thätigkeit entziehen und dem Hausirgewerbe zuwenden, hat in einem Dorfe bei Gumbinnen in jüngster Zeit seine ernste Widerlegung gefunden. Daselbst wurde eine jüdische Frau bei der Fütterung ihres Viehes von einer wild gewordenen Kuh angegriffen und dermaßen von dem Thiere mit den Hörnern bearbeitet, daß ihr der Leib aufgeschlitzt wurde und die Gedärme aus demselben heraustraten. Der alsbald aus Gumbinnen herbeigeholte Arzt leistete der unglücklichen Frau die möglichste Hilfe, hatte indeß wenig Hoffnung, ihr das Leben zu erhalten, so daß er am' anderen Tage, als man ihm über den Zustand der so arg Zugerichteten Bericht erstattete, seine Verwunderung zu erkennen gab, daß sie überhaupt noch lebe. Wie wir indeß heute vernommen, befiiibet sich die Frau, allen Befürchtungen entgegen, auf dem Wege der Besserung. Die Juden unweit der Grenze, die zumeist russisch-polnischer Abstammung sind, haben bereits lange schon die Ueberzeugung gewonnen, da'ß aus dem landwirtschaftlichen, Berufe mehr zu erzielen sei, als aus dem Hausirhandel; und nun erst gar das neue Gesetz, das diesen noch so bedeutend erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht! Uebrigens wohnen in einem anderen Dorfe, fünf Meilen von Gumbinnen, bereits seit langen Jahren wohl an 40 bis 50 jüdische Familien, die zum größten Theil Ackerbau und Viehzucht betreiben. Sie besitzen alles das und sind mit allem vertraut, was die Land-

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