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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-18 · Heft 38 (18.9.1896) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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und wegen eines Führers, der sich über seine Gemeinde überhebt. Jedoch wo gäbe es, sei es eine ererbte oder von Menschen übertragene Gewölk, die nicht dein Mißbrauch ausgesetzt wäre l •' Mer so hoch diese praktische Arbeit für das allgemeine Wohl zu schätzen ist, es giebt eine Thätigkeit, die noch höherer Ehren werth ist, wenn--auch diese' Männer nicht in den Lärm des Lebens sich hinein->. wagen, wenn sie auch meist in stiller Klause, der Welt verborgen, ihr Lebenswerk vollbringen. Das sind die Hochbegnadeten, die die - Wissenschaft, die Erkenntniß auf Erden zu. mehren ' trachten. Die Erkenntniß ist der Baum des Lebens; Wissen ist Macht; es ist der Geist, der die Natur uns unterwirft, der, was vor Jahrtausenden geschehen-und geschaffen ist, uns vor die Seele führt, der uns hinein- ‘ blicken läßt in die Werkstatt der Schöpfung, der uns zu entlegenen Sternen führt und uns die Räthsel erklärt in dem Innersten unserer - Seele. Natürlichgehört nicht sogleich Jever, der etwas lehrt, zu diesen Gewaltigen, zu welchen wir mit Ehrfurcht aufschauen. Die ' stillen Räume der Weisen, die die Grenzen des Wissens vorwärts rücken, sind die Stätten, von denen aus die Welt-regiert und erneut wird. Ein Forscher, den sein Wissensdrang nicht ruhen läßt, entdeckt eine Welt und eröffnet der Menschheit neue Bahnen. Die weltlichen Fürsten sind oft gelang, meist ohne es zu wissen und zu wollen, die 5 Werkzeuge der Fürsten des Geistes; die Wissenschaft ist es, die das ' Leben gestaltet^ sie ist die Königin auf Erden, sie ist der Grund und ., sie ist die Krone. Jedoch der Kreis Derer, welche der Menschheit wohlthun, ist damit nicht geschlossen. Das Nützliche ist nicht-Alles; zu ihm muß sich das Schöne gesellen.- Wir treten in einen Raum, in dem wir Alles finden, was wir zum Unterhalt unseres Körpers bedürfen. ' .Trotzdem fehlt uns etwas, daß es uns in dem Hause behaglich werde; , es fehlt der Schmuck, all das Ueberflüssige, von dem ein ebenso witziger als weiser Mann gesagt hat: Nichts ist so nothwendig als das Ueberflüssige. So ergeht es uns auch im Haushalt der Menschheit; die lieblichen Sänger, der Künstler fröhliches Geschlecht, sie sind wie der Duft der Blumen; überflüssig dünkt dem Landmann der Blumen farbenleuchtendes, duftausströmendes Heer, weil er nur an die Ernte denkt; aber die göttliche Weisheit erwog, daß der Mensch nicht vom Brod allein lebt; so mich die Kunst eine Stätte - haben allf Erden, weil zu bem Guten, Wahren noch das Schöne' sich gesellen soll, weil zur Tugend, zum Wissen noch die Arimuth, gehört, um die volle, Daseinsfreude zu erwecken. Wenn wir nun auf die Menschheit blicken und die oben er- , wähnten drei Klassen, der für das Gemeinwohl thätigen, der Denker, . der Künstler ausnehmen, so bleibt noch eine große Schaar übrig.- Hat diese garnichts vom Hauche Gottes? Nun, das hängt ganz ' von ihrem Willen ab. .Der Prophet, der die messiauischen Zeiten, , in denen Gott König sein wird, schildert, braucht einmal hierbei das seltsame Wort : An diesem Tage wird auf dem Geschirr der Rosse , eingezeichnet sein: heilig dem Herrn; es waren dies die Worte, die auf dem Diadem des Hohenpriesters prangten. Der Prophet will sagen : In jener heiligen Zeit, die wir ersehnen, wird jede Arbeit, - auch die einfachste und schlichteste und auf das alltägliche Leben > gerichtete, in religiösem priesterlichen Geiste vollzogen werden; dann aber, wenn jede Arbeit betrachtet wird als ein Dienst für die Ge- - sammtheit, steht auf jedem Werkzeug nichts anderes als auf dem . Diadem des hohen Priesters: heilig dem Herrn. Und wackere Menschen können dieses Zukunftsbild schon jetzt ins Leben führen,, wenn sie ihre Arbeit nicht als ein Mittel ansehen, sich zu bereichern , oder zu schwelgen, sondern als eine Pflicht zuerst gegen sich und den engeren Kreis der Ihrigen, sodann überhaupt gegen Gott und gegen die Welt.'- Es ist fastselbstverständlich, daß gute Menschen, -die für das Reich Gottes streben, alle von einem heiligen Geiste der Eintracht beseelt sind, daß, sie, ob" auch auf verschiedenem Wege zu demselben Ziele steuern, daß sie, die Volksführer, die Denker, die Künstler und die schlichten Arbeiter, wenn sie mit reinem Herzen ihr Werk ausüben, Zusammenarbeiten, ein Ganzes bilden. Die Brückevon dieser allgemeinen Betrachtung zu dem Laubhüttenfeste und seinen Symbolen ist wohl nicht schwer zu schlagen. Eßrog, Palmzweig, Myrthe, Bachweide werden zu einem Gewinde vereinigt und über den Lulaw, den Palmzweig, wird der Segen gesprochen. Alle gehören zu einem Strauße, der Eßrog,'die prächtige herzerquickende Frucht, ein Gleichniß des gemeinnützigen Wirkens, die Palme, die zum Himmelragende, das sind die Denker, deren Geist zum Himmel, zu entlegenen Welten sich hebt, die Myrthe, das amnuthige Sinnbild des Schönen, der Kunst, die Weide, die schlichte bescheidene Arbeit, die an ihrem Platze ihre Pflicht thut, und über die Palme wird der Segen gesprochen. .Denn die Erkenntniß ist der Baum des Lebens, darum ist der Palnizweig der Mittelpunkt, des ganzen Festgewindes,'der ihm auch den Namen giebt. Der Palme, die mit der Weide zu einem Bunde sich eint, gebührt die Führung. Möge stets gemeinnütziges'Wirken vereint mit Wiffenschaft, Kunst und treuer Arbeit in Israels Hütten gepflegt werden. Are Woche. Berl in, 18. September. (c)A^^enn diese Zeilen in die Hände der Leser gelangen, ist-auch der Versöhnungstag vorübergegangen. Von Neuem hat 0 Israel um Versöhnung mit Gott und der gesummten Menschheit gefleht. Aber seine Gegner kehren sich freilich nur wenig an den Versöhnuugstag und. dessen erhabene Versöhnungsmission. Ja, das hiesige Antisemitenblatt macht sich sogar das Vergnügen^ die letzte Nummer unseres Blattes fast zur Hälfte abzudrucken und unsere Mahnungen zum Versöhnungstage zu verspotten. Nun wäre es ja an sich sehr wünschenswerth, wenn die Antisemiten die Mahnungen des Versöhnungstages, wie sie jener Artikel aussprach, beherzigen wollten; aber so harmlos und einfach ist die Sache denn doch nicht. Denn der Versuch, einen Unterschied zwischen „Nebenmenschen" und „Glaubensgenossen" aus unserem Leitartikel Herauszukonstruiren und die These, daß.der Juden Nebenmenschen nur die Glaubensgenossen seien, ist eine kleine Perfidie, die wir nicht ohne Weiteres , hinnehmen können. Wir haben gesagt, daß jeder Jude die Versöhnung mit den Nebeumenschen vor dem Versöhnungstage bewirken müsse. Und umnittelbar darauf bemerkten wir, daß.jeder Jude,' der seinen Glaubensgenossen um religiöser oder Gemeindcangelegenheiten willen vor die Gerichte zitirt, einen Chillul. Haschem begehe. - Daraus versucht man unfeinen Strick zu drehen. Allerdings mit sehr wenig Aufwand von Logik, da gerade diese aufeinanderfolgenden Sätze haarscharf beweisen — wenn es noch eines solchen Beweises bedürfte — daß in dem ersten alle Nebenmenschen, gleichviel welchen Glaubens, gemeint sein müssen, in dem zweiten aber nur die Genoffen unseres Glaubens gemeint sein können, da wir doch einen Protestanten wegen jüdischer Gemeindesteuern oder einen Katholiken wegen eines Synagogenplatzes unmöglich verklagen köilnten. Es ist eine schlimme Sache, mit Gegnern zu kämpfen, die alles nicht verstehen wollen und absichtlich falsch deuten. Was schließlich die vielgerühmte Solidarität des Judenthums betrifft, so

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