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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-18 · Heft 38 (18.9.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 38 (18.9.1896)
Date
1896-09-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Kerlin» 18. Keptenkber 1896. 60. Jahrgang. Ur. 38. emerne Diese Zeitung erskin'iiit w 5 ch e n t I i ch. Abonnements-Preis- Durch Buchhandel, Postoder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.?. M. Redacte n r: Gustav Karpetes. Begründet von Ralibiner Dr- Ludwig Philippson-Sonn. Vertags-Crpedition: Berlin, Jerufatemerstr. 48/49 Alle Zusendungen sllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse.- Verlag der „Allgem. Zeitung deö Judenthums*, Berlin SW., Jerusalemer Strave 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf.Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Der Feststrauß am Laübhüttenfeste. — Die Woche. — Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbel. — Einige Gedanken über Armenpflege. II. Von Rosalie Perlos. — Die Ethik der jüdischen Philosophen vor Maimonides. I. Von Dr. Martin Schreiner. — Ans meinen Lebens-Erinnerungen. II.. Von Max Ring. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) — Von der Reise. V. Von G. K. — Litterarische Mittheilungett. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Rastenburg, Leer, Birkenfeld, Leipzig, Halle a. ©., Bochum, Bocholt, Karlsruhe, Wien, Budapest, Przemhsl. — Von Nah und Fern. — Miscellen. — Briefkasten der Redaktion. Der Feststrauß am Faubhiittenfeste. Berlin. 18. September. ine der edelsten Früchte am Baume menschlichen Schaffens ist, die Arbeit für das allgemeine Wohl. Die große Frage Hillels: „Wenn ich nur für mich bin, was bin ich?" beschäftigt jeden von besseren Empfindungen beseelten Menschen. Alle wahre Ehre, die ein Mensch genießt, hängt damit anfs Innigste zusammen, daß er die Kraft nnd den Willen hat, für weitere Kreise wohlthätig zu wirken. Daß jedes öffentliche Wirken mit allerhand Mißhelligkeiten verknüpft ist. daß der redlichste Wille hier mehr wie in engerem Kreise verkannt wird, daß das lebhafteste Bestreben sich bricht an der Theilnahmlösigkeit der Menge, an dem nörgelnden Widerspruch der Rivalen, an unvermutheten Hindernissen, erhöht nur die Verdienstlichkeit; darum giebt die Tugend ihre höchsten Preise Denen, die nicht beirrt durch den Undank, nicht verlockt durch Dank und Beifall, der Gesammtheit ihre Dienste weihen. Der Menschenkundige weiß es, daß am mühsam erreichten Ziele die Klugen wie Pilze aus der Erde schießen, die Alles dies mit Leichtigkeit ebenso gut oder wohl gar noch besser gemacht hätten; er kennt die Menschen, aber er verachtet sie nicht, er hört nicht ans, sie zu lieben; wie ein mit künstlerischem, harmonischem Sinn begabter Mensch, wenn er in einen Raum tritt, wo viele schöne Dinge ungeordnet aufgestellt sind und darum ohne rechte Wirkung bleiben, zuweilen gar nicht anders kann, als sofort ohne eine Aufforderung abzuwarten, an eine anmnthige und gefällige Gruppirung dieser Gegenstände zu gehen, so giebt es sittlich harmonische Naturen, die von jebeni Unrecht verletzt werden und sogleich sich dazu angetrieben fühlen, diesem Uebelstand abzuhelfen, dieses Unrecht anfzuheben, die dies auf die Gefahr hin unternehmen, daß hinterher sogar die durch das Eingreifen Geförderten und Geretteten sich über die unberufene Einmischung beklagen. Die Menschen verzeihen zuweilen nichts schwerer, als ihueil erwiesene Wohlthäten, sie wollen in ihrer Selbstherrlichkeit nicht daran erinnert werden, daß sie der Stütze, des Mäthes eines" Anderen bedürfen; dieser Andere beleidigt sie wie ein lebendiger Vorwurf, und es sieht oft so aus, als sollte der, der ein gutes Werk ausübt, sich noch dafür bedanken, daß man es ihm erlaubt. - Versetzen wir uns in irgend eine beliebige Stadt oder Gemeinschaft, in der ein wackerer Mensch seine Zeit, seine Einsicht, seine Kräfte in den Dienst der Gesammtheit stellt, Keiner wird' so viel gescholten, so viel getadelt, werden als gerade er, fast jede seiner Handlungen wird unter die Lupe gestellt, und wenn man all die Ausstellungen, die Groß und Gering anzubringen hat, zusammenhält so entsteht die Verwunderung, warum denn die Leute die Leitung ihrer öffentlichen Angelegenheiten gerade dem Aergsten anvertrauen, es sei denn, daß dieser Aergfle am Ende gar nicht so arg ist.. Aber trotz- ^glledem hegt jeder in feinem Gemüthe Achtung vor solchem Opfermuth; --.er verurtheilt die einzelnen Maßnahmen, oder er spricht abschätzig über die Thorheit, seine Muße, statt dem eigenen Vergnügen, den Geschäften Anderer zu widmen; nichtsdestoweniger erkennt er, und erkennt er an, daß in dieser edlen Selbstverleugnung die hohe Blüthe . eines Charakters zu Tage tritt. . . Es gilt mit vollem Recht als/ein leuchtender Vorzug dieser Zeit, daß, während früher nur ausschließlich durch einen besoldeten Beamtenstand verwaltet wurde, jetzt auf den mannigfachsten Gebieten freie Männer, vom Vertrauen des Volkes getragen, an der Verwaltung theilnehmen. Es ist ein Zeugniß für deii'guten Sinn einer Bevölkerung, wenn in ihr Tausende sich finden, die ohne Sold und ' Lohn sich dem öffentlichen Leben widmen. Naturgemäß ist ein Gegenstand, je edler und kostbarer er ist, auch um so eher der Fälschung ausgesetzt. Der strahlende Demant muß am meisten die Nachahmungen neben sich dulden, die den Unkundigen täuschen. Gerade bei der Arbeit für das öffentliche Leben finden sich die falschen Diamanten in großer Zahl, es fehlt ihnen die Härte, die Unbeügsamkeit des Charakters, die vom Eigensinn wohl zu unterscheiden ist. Man kann meist nicht gut sür Viele thätig. sein, ohne mit Vielen zusammenzuarbeiten, da ist der Eigensinn der Todfeind alles Nutzens und Gedeihens; er hat nichts gemeinsam mit der Festigkeit des Charakters, die sich gerade in dem vollständigen " Fehlen jeder selbstsüchtigen Regung bekundet, darin daß Einer unempfänglich bleibt für die Lockungen des Gewinnes, des Ehrgeizes, der Schmeichelei und Eitelkeit. Es ist noch nicht die schwerste Schuld, wenn Einer bei per Bewerbung um ein öffentliches Amt mehr der . Stimme des Ehrgeizes, als der Pflicht folgt. Nur darin besteht die Gefahr, wenn das öffentliche Amt der Deckmantel für' persönliche Niedrigkeit, wenn es das Mittel ist, böse Neigungen leichlei: zu befriedigen. ' Unsere Weisen sagen: Wegen dreier Leute hüllt sich die Gottheit selbst in Trauer: wegen Eines, der lernen könnte und nichts lernt, wegen Eines, der aus Noth kaum lernen kann und dennoch lernt,

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