Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228186--53104-3258764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seminardireklor Dr. Holzmann am Grabe der Entschlafenen Worte des Nachrufs, die auf die überaus zahlreich versammelten Gemeindemitglieder einen ergreifenden Eindruck ansübten. r. Glogau, 7. August. Die gewaltige Anziehungskraft, welche Berlin ausübt, führt fort und fort tüchtige und wackere Männer aus kleinen und mittleren Städten nach der Residenz und schafft besonders in den jüdischen Gemeinden Lücken, die schwer auszufüllen sind, denn merkwürdigerweise zeigt sich diese Attraktion noch mehr bei Israeliten als bei der anderen Bevölkerung; vielleicht offenbart sich da nur das alte Nomadenblut. So haben sich jetzt im Lause der letzten fünfundzwanzig Jahre mehrere hundert jüdische Familien in Berlin niedergelassen, die alle in Glogau ihre Wurzeln haben; nach den Feiertagen verlassen uns zwei Männer, um nach Berlin überzusiedeln, die hier lange Zeit nützlich gewirkt haben und das beste Andenken in der ganzen Stadt zurücklaffen, Herr Dr. Pollak und Herr Kommerzienrath Kempner. Herr Dr. Pollak war hier mehr als drei Jahrzehnte als Arzt thätig; als eine vornehme Persönlichkeit und als erprobter Arzt hatte er besonders das Vertrauen der höheren Offiziere, des Adels in der Nachbarschaft und der höheren Beamten. Daneben hat er länger als ein Vierteljahrhundert als Armenarzt gewirkt; seine soziale Stellung kam um so eher der jüdischen Gemeinde zu Gute, da Herr Dr. Pollak nicht nur dem Namen nach Jude ist, sondern der jüdischen Litteratur ein lebhaftes Interesse entgegenbringt und es trotz einer großen Praxis so einzurichten wußte, daß er häufig am Gottesdienst Theil nimmt; er hat auch dem Vorstand der Gemeinde angehört und wird dort nach dem Urtheil seiner Kollegen sehr vermißt werden. Mit ihm verläßt auch sein Schwager, Herr Kommerzienrath Kempner, unsere Stadt. Herr Kommerzienrath Kempner war viele Jahre Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und des Repräsentantenkollegiums und sein Wort war in finanziellen Fragen ausschlaggebend. Das große Ansehen, daß das Bankhaus Flierbach in der ganzen Provinz und bei den Behörden genießt, ist auf die Solidität gegründet, an der Herr Kommerzienrath Kempner als an einem väterlichen Erbe unverbrüchlich festhielt. Herr Kempner ist ein uneigennütziger finanzieller Rathgeber für Jedermann aus dem Volke; in diesem Hause wird eine Wohlthätigkeit in großem Stile ausgeübt, wie natürlich ohne Unterschied des religiösen Bekennnisses; es giebt hier und in der Umgegend kein gemeinnütziges Unternehmen, an dem Herr Kempner nicht betheiligt wäre; auch für daß Judenthum und jüdische Institutionen hat er ein lebhaftes Empfinden und eine offene Hand. Frau Pollak und Frau Kempner, beide aus Glogau stammend, haben hier viel Gutes gestiftet und religiöses Wesen gepflegt. Es wäre zu wünschen, daß die Herren Dr. Pollak und Kommerzienrath Kempner in Berlin neben allem sonstigen Schönen, was die Großstadt wohlhabenden Leuten bietet, dort einen geeigneten öffentlichen Wirkungskreis fänden, um ihre Erfahrungen, ihren Eifer und ihre Einsicht für Viele zu nützen. 1. Strelih, 4. September. Zu den bevorstehenden jüdischen Festtagen, die den Sinn für Leben, Lehre und Geschichte des Judenthums wecken sollen, dürfte die Veröffentlichung eines Schreibens aus Shanghai (China) von dem früheren Ministerresidenten daselbst, Herrn P. G. von Mo eilend orf, an unseren Oberlandesrabbiner Dr. I. Hamburger von Interesse sein. Dasselbe lautet: „Shanghai, den 13. März 1896. Mit dieser Post erlaube ich mir. Ihnen eine kleine Arbeit zu übersenden, die ich Sie bitte, als geringes Zeichen meiner Hochachtung freundlich entgegenzunehmen. Als Jurist und Orientalist nach China verschlagen, bin ich stets auf meine eigene Bibliothek angewiesen gewesen, und Sie können sich kaum vorstellen, mit welchem Jubel ich seinerzeit Ihre Encyclopädie begrüßt habe. Hebräisch, Alt und Neu, ist mein Erholungsstudium, in dem ich zwar wenig leiste, das ich aber, wie wohl so häufig im Leben, desto mehr verehre. Ihr Werk füllte, trotzdem ich eine gute Büchersammlung besitze, eine fühlbare Lücke aus. Geben Sie uns noch einen dritten Theil, d. h. eine encyclopädische Behandlung des Judenthums bis auf unsere Zeit. Oder sollte es sich nicht empfehlen, bei der nächsten Auflage das ganze Material mit Einschluß der neuen und neuesten Zeit in eine jüdische Encyclopädie zu vereinigen, für die Sie jetzt, nachdem Sie alle Schwierigkeiten überwunden haben, mit Leichtigkeit einen Verleger finden werden. Mit aufrichtiger Hochachtung Ihr ganz ergebenster P. G. von Moellendorf." Wir erlauben uns, in Bezug auf den in diesem Schreiben ausgesprochenen Wunsch, die Mittheilung, daß Herr Dr. Hamburger seine Encyclopädie für Bibel und Talmud soeben in einer neuen Auflage herausgiebt. Von derselben sind bereits 7 Hefte (die ganze Abtheilung I, A — Z) erschienen. Es wäre zu wünschen, daß ein größerer Absatz dieses trefflichen Werkes erzielt werden möchte. o«o Norderney, 4. September. In der hiesigen Synagoge fand am 28. v. Mts. beim Abendgottesdienst eine dem verewigten Dr. David Rosin gewidmete Gedenkfeier statt. Den Anlaß zu derselben bot die Aufstellung einer schönen, von Regierungsrath Dr. Mayer und Frau Gemahlin aus Karlsruhe gestifteten Marmortafel, deren hebräische, vom Landrabbiner Dr. Löb-Emden verfaßte Inschrift die Verdienste des Heimgegangenen Gelehrten im Allgemeinen und insbesondere um die Förderung des religiös-jüdischen Lebens in Norderney rühmt. Hierbei hielt Herr Rabbiner Dr. Auerbach aus Elberfeld folgende Ansprache: „Meine geehrten Andächtigen! Unter den Männern, die sich um die Gemeinschaft Israels große Verdienste erworben, die durch ihr Wissen und ihr Wirken zur Kenntniß, Befestigung und Verbreitung der Lehre Israels hervorragend beigetragen, deren Andenken in weiten Kreisen lebt und gesegnet wird, verehren wir einen Manu, dessen Name noch ganz besonders in dem Seebade Norderney dauernd genannt und gefeiert zu werden verdient. Dr. David Rosin, der eine lange Reihe von Jahren an dem jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau segensreich gelehrt hat, dessen Schüler in vielen Gemeinden als Rabbiner und Religionslehrer wirken, dessen wissenschaftliche Arbeiten durch Gründlichkeit und Zuverlässigkeit von dauerndem Werthe sind, hat hier, am Strande des Meeres, ein Vierteljahrhundert lang alljährlich seine Erholung gesucht und gefunden und sich die Liebe und Verehrung Aller, mit denen er während seiner Erholungszeit zusammenkam, erworben durch die Freundlichkeit, durch das Wohlwollen, durch die Anspruchslosigkeit, womit er die Herzen Aller sich zu gewinnen verstand. Namentlich aber sind zu dauerndem Danke ihm verpflichtet diejenigen jüdischen Besucher Norderneys, die auch am Badeorte aus das gemeinschaftliche Gebet nicht gerne verzichten, und denen es zur Genugthuung gereicht, auch während ihres Badeaufenthaltes in einem würdigen Gotteshause zum Allvater sich erheben zu können. Sein frommer Sinn trieb ihn an, für die Erbauung und Einrichtung dieser Synagoge Sorge zu tragen, und wenn auch noch viele gottesfürchtige und wohlthätige Männer und Frauen als die Mitbegründer derselben genannt werden und genannt zu werden verdienen, die Anregung haben sie alle von Dr. Rosin erhalten, der also der eigentliche Gründer dieses Gotteshauses ist. Und er begnügte sich nicht damit, für eine Synagoge in Norderney zu sorgen, dieses sein Lieblingswerk blieb fortwährend ein theurer Gegenstand seiner Fürsorge, nie hörte er auf, in Privatkreisen für dasselbe zu wirken und auch Jahr für Jahr an dieser Stätte zweimal wenigstens belehrende, erbauende und anregende Worte an die Versammelten zu richten. Gegen Ende des vorletzten Jahres wurde der allverehrte Mann abberufen zum ewigen Leben, und mit Wehmuth blicken wir, die wir in früheren Jahren mit dem Verewigten zur Andacht hier versammelt waren, auf diesen Platz, an dem er jetzt gerade vor zwei Jahren zum letzten Male andächtig und durch sein frommes Beispiel zur Andacht erweckend gestanden. Die ihn und sein Thun kannten, werden immer, sobald sie dieses Gotteshaus betreten, in Liebe seiner gedenken. Damit aber auch Diejenigen, die seine hiesige Thätigkeit selbst nicht beobachtet, immerfort erinnert werden an den Mann, dem sie Gotteshaus und würdigen Gottesdienst in Norderney verdanken, darum hat Freundesherz und Freundeshand eine Gedenktafel gestiftet, die einem jeden jüdischen Besucher Norderneys und seiner Synagoge das edle Beispiel Dr. Rosins vergegenwärtigen soll. Möge der Hinblick auf diese Gedenktafel zugleich Allen ein Ansporn sein, das aufrichtig fromme, menschenfreundliche und friedvolle Streben Rosins nachzuahmen, dann wird dieses Gotteshaus und der Gottesdienst in demselben mit dazu beitragen, daß an Allen, die sich hier zu Gott erheben während der Zeit, da sie Heilung oder Stärkung und Kräftigung in Norderney suchen, sich erfülle das Wort des Propheten: 21^ 'n IBS STOb) pimb „Friede, Friede dem Fernen wie dem-Nahen, spricht der Ewige, ich will ihn heilen." Ll. Gießen, 6. September. Vor einigen Wochen brachten wir aus Oberhessen einen Artikel, der sich mit den religiösen Angelegenheiten der Religionsgesellschast zu Gießen eingehender befaßte. Zu unserm Bedauern sind in dem fraglichen Artikel Behauptungen unter-