Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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laufen, die sich nicht mit den Thatsachen decken. Mit Zustimmung des Verfassers erklären wir hiermit öffentlich, daß derselbe nicht die Absicht hatte, die Mitglieder der Religionsgesellschaft persönlich zu beleidigen oder ihre religiösen Institutionen zu bemängeln. Wir glauben, j^r Religionsgesellschaft diese Erklärung im Interesse der Wahrheit schuldig - zu sein. ' ' ■ i Grsterrrich - Ungarn. □ Wien, 7. September. Eine interessante Statistik wurde dieser Tage offiziell veröffentlicht.. Ich entnehme derselben folgende wichtige Daten: Im Jahre 1892/93 besuchten 3047 Juden die acht österreichischen Universitäten,. 382 Juden die sechs technischen Hochschule^. An den 180 Gymnasien zählte man 7805 und an den 79 Realschulen 2938 jüdische Schüler. Die Lehrerbildungsanstalten wurden von 97, die Handels-Lehranstalten von 3323 und die Gewerbeschulen von. 390 Juden besucht. — Großes Aufsehen erregt hier der Selbstmord des ehemals dem Judenthum ungehörigen Großindustriellen Mauthner, Ritttr v. Markhof, der sich durch Angriffe antisemitischer Blätter in seiner Ehre verletzt fühlte und sich aus Kränkung darüber das Leben nahm. — In Prag wurde der vom Baurath Stiaßny aus Wien erbaute neue Tempel der israelitischen Kultusgemeinde der Stadt Weinberge feierlich . eingeweiht. An der Schlußsteinlegung betheiligten sich als Vertreter her Regierung Hofrath Wolf, Statthaltereirath Stadler v. Wolfersgrüp, Polizeidirektor Hofrath Dörfel, Bezirkshauptmann Prochaska, Bürgermeister Visek und der Stadtrath der Stadt Weinberge. Der Eiü-. weihungsakt begann mit einer Huldigung für den Kaiser, indem die tausendköpfige Versammlung in stürmische Hoch- und Slavarufe auf dM Kaiser ausbrach. — Eine entsetzliche Geschichte wird aus Bolechow'in Galizien gemeldet. Dort fand im Hause des jüdischen Pferdehändlers Alter Roth eine Beschneidung statt, worauf dann die übliche FestMahWt folgte, zu der sechsunddreißig Gäste, lauter orthodoxe Juderygeläden waren. Zum Dessert wurden auch die landesüblichen gepfefferien ErHn aufgetragen, auf die bekanntlich Wein und Bier gut munden^. Ws Nachlässigkeit hatte man jedoch diese Erbsen in einem Topfe zuheyMt^ in dem man vorher Nießwurz (eine Giftpflanze) für den GebrauHMr -Pferde gekocht Hatte. Bald nachher erkrankten mehrere Gäste an Hn Symptomen einer Vergiftung, und einer derselben, der LederhanEr Pinchas Kreppel, Vater von neun unmündigen Kindern, gestorben. Herr RoWwird daher nächstens vor Gericht' stehem'^ . Daß ein Bischof Mitglied eines jüdischen Frauenvereins istkann man doch wohl nur selten berichten. Aus Werschetz in Ungarn wird hiesigen Blättern gemeldet: Anläßlich der jüngst stattgefundenett Jnstallationsfeier des neugewählten Werschetzer Bischofs Zmejanowicz erschien bei demselben auch eine Deputation des dortigen israelitischen Frauenvereins, um ihm zu gratuliren. Der Kirchenfürst antwortete hierauf in einer längeren Rede, in welcher er dem Patriotismus M ungarischen Juden Anerkennung zollte und schließlich erklärte, dem Frauenyereine als Mitglied beizutreten. — Nicht weniger charakteristisch für die Verhältnisse jenseits der Leitha ist die Ärt, wie Minister W la ssie s über die Juden sich ausgesprochen. Der ungarische Kultusminister Dr. Julius Wlassics weilte am 25. d. M. in Raab, wo er auch eine Deputation der israelitischen Kultusgemeinde unter Führung des Rabbiners Dr. Fischer empfing. Auf die Ansprache des Führers der Deputation antwortete der Minister mit folgender Rede: „Die Durchführung des auf b|e Rezeption der jüdischen Religion bezüglichen Gesetzentwurfs beträHM ich als eine der schönsten Handlungen auf meiner öffentlichen Laufbahn': Der Kampf, war unsererseits nicht leicht. Das Verdienst gebührt aber nicht uns, sondern den Israeliten. Denn ihre patriotische Thätigfeit und Vaterlandsliebe haben die wohlverdiente gesetzliche Gleichstellung ihrer Religion errungen. Jawohl, meine Herren, das Verdienst gebührt JhnÄ, und hierzu kommt noch, daß Ihre Religion, welche doch die Wiege unserer, der christlichen,' Religion ist, schon an und für sich die Gleichstellur^ mit den übrigen Religionen verdient. Die Aufschiebung der Rezeption der jüdischen Religion — und dies muß auch der starrste KonservatismH eingestehen — war bereits etwas Unmögliches, Unaufschiebbares. Ich bitte Sie, unterstützen Sie auch weiterhin das liberale Regierungssystem und empfangen Sie wiederholt meinen wärmsten Dank." Der MiniM reichte dann allen Mitgliedern der Deputation die Hand und verabschiedete sich aufs Herzlichste von ihnen. - . Von Nah und Fern. — Zu Justizräthen sind ernannt worden die Rechtsanwälte und Notare Rosen heim und Bry Hierselbst. — Dr. David Herzog, ein Schüler des hiesigen Rabbinerseminars, bisher .Rabbiner der Ahawas Scholaum - Gemeinde, ist zum Rabbiner in Ungarisch - Ostrau gewählt worden. — Gegen den Herausgeber des „General- Anzeigers" Karl Sedlatzek schwebt bekanntlich noch eine Klage wegen der Ritualmordfabel. Nun findet sich im Briefkasten des „Deutschen General-Anzeigers" folgende interessante Notiz: „Ernest Schneider und Pfarrer Dr. Deckert in Wien. Herzlichen Dank für Ihre-so liebenswürdigen Schreiben, das hohe Interesse und die treue Mithilfe zu unserem Ritualmordprozeß. Mit solchen Berathern und einem Dr. Lueger als Führer wären wir hier schon zehn Mal weiter. Aber leider! — Nächstens. schriftlich oder persönlich (bei Gelegenheit eines hoffentlich baldigen Besuches) mehr. Mit herzlichem deutschen Gruß Ihr S." Also, das find die Berather des Herrn Sedlatzeck. — In Nest, einem Oertchen der Kösliner Gegend, meldet die „Franks. Ztg." vom 7. August, haben die Fischer sich, nachdem der Rektor aller Deutschen, Ahlwardt im vorigen Jahre das Feld beackert, einen antisemitischen Verein gegründet und den Israeliten Wohnungen verweigert. — Zu den Empfangsfeierlichkeiten anläßlich der Anwesenheit des Kaisers und des Zaren in Breslau hat auch Herr Rabbiner Dr. Rosenthal eine offizielle Einladung empfangen. Bei demselben Anlaß haben folgende Herren Auszeichnungen erhalten: Sanitätsrath und Kreisphysttus Dr. Fried!ander in Lublinitz den rothen Adlerorden IV. Klasse, Stadtrath Friedländer in Oppeln und Gutsbesitzer Dr. Friedländer in Keutschkau den Kronenorden III. Klasse, Dr. med. Berliner in Kattowitz den Titel Sanitätsrath, der Glasermeister Blumenfeld in Kattowitz das Allgemeine Ehrenzeichen. Justizrath O r g l e r in Posen -erhielt den Titel Geheimer Justizrath, ' Kaufmann Hepner in Krotoschin den Titel Kommerzienrath. — Der bisherige Privatdozent in der philosophischen Fakultät der Universität zu Breslau Dr. Franz Skutsch ist zum ordentlichen Professor in derselben Fakultät ernannt worden. — In Oldenburg ist durch die Bemühung des Landrabbiners Pr. Mannheimer ein israelitischer Waisenverein für das Herzogthum Oldenburg gegründet worden, welcher durch die Hochherzigkeit von Frau Lina Schwabe aus Barel eine schöne Summe-als Grundkapital erhielt. — Der König von Württemberg hat dem Privatier Pfeifer in .Äuttgart das7 Ritterkreuz erster Masse' des Friedrichs-Ordens verliehen. Herr Pfeifer widmet seit Jahrzehnten fein Leben und Vermögen ganz philanthropischen Zwecken; dem israelitischen Waisenhause in Eßlingen hat er namhafte Wohlthaten zugewendet. — Dem Baron Nathaniel v. .Rothschild, Bruder des Chefs des Wiener Hauses, wurde vom Kaiser für die Schenkung seines Schlosses in Reichenau für kurbedürftige Offiziere das Großkreuz des Franz- Josef-Ordens verliehen. — Der Zar hat dem Polizeirath Frankl in Wien denStanislaus-Orden zweiter Klasse verliehen. — Bei der deutschen Universität Prag ist der bisherige außerordentliche Professor Dr. Zuckerkand! zum ordentlichen Professor der politischen Oekonomie befördert worden. — In Prag ist an Stelle des bisherigen Vertreters Dr. Ludwig Bendidner der Landesadvöküt Dr. Salomon Freund als Vertreter der israelitischen Religionsgenossenschaft in den Landesschulrath gewählt worden. — In Prag ist am 25. v. M. der Generalkonsulatsarzt Dr. Tobias Klauber im Alter von 82 Jahren gestorben. Derselbe war eine der geachtetsten österreichischen Aerzte, vierzehn Jahre hindurch Primarius des israelitischen Hospitals in Jassy und mit dem Ritterkreuz des Franz Josef-Ordens ausgezeichnet worden. — Während der Abwesenheit des' französischen Botschafters in Paris hat Signor Polaceo die Geschäfte der Botschaft geführt. Ebenso hat während der Abwesenheit des italienischen Botschaftersin London Graf Hierschel di Miperbi denselben vertreten. — Die Nachricht, daß Kapitän Dreyfuß aus Cayenne entflohen sein soll, wird von maßgebender Seite dementirt. — In Kiew ist der allgemein geachtete Stabsarzt Dr. R. Kulischer, einer der eifrigsten Förderer der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland im 68. Lebensjahre gestorben. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max B auch Witz in Berlin. ,