Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 nicht wenig ist es, was wir von Ihnen erwarten und erhoffen! Von dieser Kanzel herab werden Sie die andächtig lauschende Gemeinde erbauen, das Wort Gottes werden Sie ihr deuten und erklären, nicht im Sinne finsterer Orthodoxie, welche das Heil zu finden glaubt irm starren Festhalten am Alten und Hergebrachten, sondern im Sinne vernünftigen Fortschrittes, welchen unsere Religion, die Jahrtausende überdauert hat und ihre uralten, darum oft wundersamen Sitten und Gebräuche in Uebereinstimmung zu bringen weiß mit dem. Leben und den Forderungen der Jetztzeit. Dieser Fortschritt aber darf sich nicht vollziehen durch Kampf und Streit, sondern auf friedlichem Wege, denn nicht im Kampfe, sondern nur im Frieden können die Blüthen fruchtbringenden Gemeindelebens sich entwickeln und gedeihen; nur der Frieden im Innern macht uns widerstandsfähig gegen alle Angriffe und Anfeindungen von außen!" Hierauf erläuterte Herr Davidsohn die Aufgaben des neuen Rabbiners für die Jugenderziehung und die Versöhnung der Konfessionen und schloß mit warmen Wünschen für dessen große und bedeutsame Mission. Wiederum ertönten die Klänge der Orgel, auf welcher das Vorspiel zu dem Gesang des Herrn Kantors Kalischer, „Vertrau auf Gott und hoff' auf ihn", vorgetragen wurde. Als die weihevollen Töne verklungen waren, hielt Herr Rabbiner Dr Blumenthal seine Antrittspredigt, welcher er die Vision des Propheten Jesaias, in der derselbe seine Berufung berichtet, zu Grunde gelegt hatte. Aus den Worten des Propheten entwickelte er in gedankenreicher und formvollendeter Rede die erhabenen Ziele, die er sich für sein Wirken in der Gemeinde gesteckt habe und diese Ziele kennzeichneten ihn als einen echten Priester und einen edlen Menschen. Als das Schlußgebet gesprochen war, intonirte der Chor den Psalm: „Der Herr hat unser gedacht", worauf mit einem Orgelpostludium der Gottesdienst geschloffen wurde. r. Osterode u O«, 6. September. Der Verband der Synagogen - Gemeinden Ostpreußens hat am 31. v. Mts. hier seine 14. ordentliche General-Versammlung abgehalten. Schon Abends vor-, her fand eine vorbereitende Versammlung des engeren Ausschusses statt, worin die Verhandlungen des folgenden Tages vorbereitet und die Tagesordnung definitiv festgestellt wurde. Vormittags 10 Uhr wurde die zahlreich besuchte Versammlung von dem Verbandsvorsteher Stadtrath Eichelbaum-Jnsterburg, einem Manne, der sich der guten Sache mit einer unvergleichlichen Aufopferung widmet, eröffnet. Es folgte nunmehr die Wahl des Büreaus, der Verwaltungs- und Kassenbericht seitens des Ausschusses, die Wahl der Kassenrevisoren und Entlastung des Kassirers, dann wurde über eine Ehrung für den aus seinem Amte geschiedenen Vorsitzenden der Schulinspektion Rabbiner Dr. Bamberger- Königsberg, dessen mit vieler Liebe, Verehrung und Anerkennung gedacht worden ist, verhandelt. War es doch der Genannte, welcher die Anregung zur Begründung des Verbandes und dadurch das Signal für andere Provinzen und Staaten in Deutschland gegeben, in gleichen. Verbänden sich zu vereinigen. Auch der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, der seine Centralsteüe in Berlin hat, ist infolgedessen ins 'Leben gerufen worden. Herr Dr. Bamberger soll eine Dankadresse und die Ehrenmitgliedschaft des Verbandes erhalten. Nach einer kurzen Früh- . stückspause erfolgte der ausführliche Bericht des Rabbiners Dr. Rülf- Memel über die Lehrerkonferenz am 25. Mai in Allenstein; es galt dadurch den folgenden und Hauptgegenstand der Tagesordnung vorzubereiten: „Antrag des freien Vereins jüdischer Religionslehrer Ostpreußens betr. Regelung der Anstellungs- und Versorgungsverhältnisse der ostpreußischen Religionslehrer." Nachdem noch in beredten und bewegten Worten des Lehrerelends in den kleinen Gemeinden, die theilweise nur durch die Unterstützung des Verbandes erhalten und unterhalten werden können, gedacht worden war, bildete sich eine Kommission aus angesehenen Männern aller Stände, Juristen, Mediziner, Kaufleute und Lehrer, welche die wichtige Angelegenheit in Verbindung mit den übrigen Gemeindeverbänden Deutschlands in die Wege leiten soll. Ist es doch eine der Hauptaufgaben des Verbandes, dafür zu sorgen — und daß dafür nach bestem Willen, wenn auch mit sehr beschränkten Mitteln, gesorgt wird, dafür bürgt die Person des edlen, überaus ehren- und , gewissenhaften Vorsitzenden des Verbandes — daß die religiösen Einrichtungen der kleinen Gemeinde, die theilweise auf dem Aussterbeetat stehen, erhalten bleiben und die Kinder selbst der zerstreut auf dem Lande lebenden Israeliten Religionsunterricht empfangen. Der Geschäftsbericht des Verbandsausschusses hatte eine ganze Anzahl kleiner und armer Gemeinden und spezifisch israelitischer Wohlthätigkeitsanstalten — auch das Krankenhaus zu Memel- — sowie auch eine Anzahl armer Schüler auf dem Lande, welche nach dieser Richtung hin Unterstützungen empfangen, namhaft gemacht. Nach langen Erörterungen von Gemeindeinteressen, geschäftlichen Angelegenheiten, nach Neuwahl resp. Wiederwahl des Ausschusses und Schiedsgerichts, welches letztere gar häufig bei Streitigkeiten in den Gemeinden in Thätigkeit kommt, schloß nach 3 Uhr die Thätigkeit der Hauptversammlung. — Nunmehr begann das Festmahl, welches von Frauen der israelitischen Gemeinde in Osterode auf das Reichste und Beste vorbereitet worden war. Auf die zahlreichen und geistreichen Toaste wollen wir nicht näher eingehen. Der erste, der Kaisertoast, war dem Rabbiner Dr. Rüls zugetheilt worden. Hierauf folgte die Begrüßung der Festtheilnehmer durch den Vorsitzenden des Gemeindevorstandes Herrn S. Jacoby, einen Mann, der sich für seine Gemeinde die größten Verdienste erworben hat, besonders durch den Bau der neuen Synagoge. Jeder, der einmal nach Osterode kommt, soll sich diese Synagoge von außen und innen betrachten, denn es ist in der That ein Prachtwerk, das in seiner Art den Vergleich mit den Prachtbauten von Synagogen in den Großstädten aushält. Nun folgte ein Toast nach dem anderen, bis gegen 6'/2 Uhr die Mahlzeit aufgehoben wurde, worauf die Anwesenden zu einem Festgottesdienste in der erleuchteten Synagoge sich zusammen fanden. Damit war die Sache aber immer noch nicht beendet. Auch für den zweiten Abend war gesorgt durch ein gemüthliches Beisammensein an derselben Stelle, in Elisenhof, einem neuen Restaurant mit Sälen und Gartenanlagen. Die Gemeinde hatte für vier Mahlzeiten gesorgt, Abend vorher, Frühstück, Mittags- und Abendbrod des Hauptversammlungstages. Während der Abendstunden tagten noch zwei Kommissionen, die oben erwähnte Kommission für Regelung der Lehrerverhältnisse, sowie die Ausschüsse des Verbandes in Verbindung mit den anwesenden Mitgliedern der bisherigen Schulinspektion zur Neueinrichtung der Inspektion, welche seit der Krankheit des Rabbiners Dr. Bamberger in Königsberg geruht hatte. Es war ein Tag voll ersprießlicher und eifriger Thätigkeit, verbunden mit den schönsten Genüssen. Beides war von der Gemeinde Osterode auf das Eifrigste und Umsichtigste vorbereitet worden. Lx. Ans der Provinz Posen, im September. Die Rabbinerstelle in Marien bürg ist nach erfolgter Berufung des bisherigen Rabbiners Dr. Pick nach Straßburg in Westpreußen durch Beschluß eingegangen; die erforderlichen Funktionen hat Kantor Nawitscher übernommen. — Die Schulgemeinde Samter hat vor Kurzem in einer unter dem Vorsitz des dortigen Bürgermeisters Hartmann fiattgehabten Versammlung den Beschluß gefaßt, den ersten Lehrer Caspari daselbst auf dessen Wunsch zum 1. Mai 1897 zu pensioniren, bei der Regierung zu Posen die Versetzung des zweiten Lehrers Borchardt zu beantragen und die zweiklassige Schule, da sie jetzt nur 34 Schüler zählt, in eine einklassige zu verwandeln. — Kürzlich starb in noch rüstigem Alter Frau Marie Kronthal in Posen. Die Verstorbene gehörte dem Kreise der Aufsichtsdamen des jüdischen Kranken- und Siechenhauses, Abraham und Henriette Rohrschen Stiftung an und hat als solche ihres Amtes mit außerordentlicher Treue und Hingebung gewaltet. — Die in den letzten Pfingsttagen von einer Anzahl jüdischer Religionslehrer in Danzig beschlossene Gründung eines Vereins jüdischer Lehrer bezw. Religionslehrer Westpreußens ist nunmehr erfolgt. Es sind bis zur nächsten Generalversammlung die Lehrer Jaffe-Dt. Krone zum Vorsitzenden, Braun, ebendaselbst, zum Schriftführer und Geisenburg- Marienwerder zum Rendanten gewählt. Der Verein hat sich als Glied des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im Deutschen Reiche gebildet und hat auch seinen Anschluß an die für die jüdischen Beamten der Provinzen Ost- und Westpreußen und Pommern bestehende Hilfskasse angezeigt. — Der Kaufmann Julius Kohn in Thorn hat zum Andenken an seinen Vater Aron S. Kohn daselbst der Synagogengemeinde eine heilige Lade (Aron Hakodesch) geschenkt. — Anfangs September starb in Ostrowo nach kurzem Leiden im Alter von 74 Jahren die Gattin des dortigen Synagogenvorstehers Sina Holzmann. Dieselbe war durch große weibliche Tugenden ausgezeichnet und ihr Tod hat allgemeine Theilnahme weit über den Kreis ihrer Heimathgemeinde hinaus gefunden. Die Verstorbene war die Mutter des Herrn Seminar-Direktors Dr. Holzmann in Berlin und des Amtsgerichtsraths Holzmann in Obornik. Außer dem Ortsrabbiner Herrn Dr. Pleßner sprach auch Herr