Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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haben jede Ausweisung eines Juden, der nach dem bestehenden Gesetze nicht die geringste Berechtigung hatte, in irgend einer Stadt zu wohnen, als einen neuen Akt der Barbarei ausposaunt. Aber sie haben z. B. gar keine Notiz davon genommen, daß unser Minister Durnowo i. 1.1892 ein Gesetzprojekt allsgearbeitet, das die Anstiftung von religiöser Rassen- oder Standesfeindschaft mit strengen Strafen bedrohte und daß dies Gesetz sofort die Sanktion Alexanders III. erhielt. Eine Gesundling der rllssischen Verhältnisse konnte nur durch strerige Maßregeln geschehen, an denen es ja im letzten Jahrzehnt nicht gefehlt hat. Vielleicht kommt jetzt ein Decennium der Milde!" Ich muß es mir versagen, die Ausführungen zu wiederholeil, auf welche der hohe Beamte diese Hoffnling begründete. Er schloß das Gespräch mit den Worten: „Wenn Sie es mit Ihren russischen Glaubensgenossen gut meinen, so geben Sie ihnen ilur die eine Parole: Geduld und Treue!" Während er diese Worte sprach, zeigte sich in der Ferne schon der Wald von Spitzen, Kuppeln und schlaliken Thürmen, den man Moskau nennt. Ich aber mußte noch lange all jenes Gespräch zurückdenken. Wie doch selbst die Besten oft auf falscher Fährte sind! Wahrlich, mehr Geduld hat kein Volk der Welt gehabt als die Juden, und ihre Treue hat man ja gerade in Rlißland verhöhnt. Die Erinnerung an all das Weh und Leid, das ihnen das verflossene Jahrzehnt gebracht, tritt am lebhaftesten gerade in Moskau hervor. Hier schlägt das Herz des russischen Lebens. Hier wohnten bis vor einem Jahrzehnt unsere Glaubensgenossen friedlich und unangefochten. Da kam die »eite Gesetzgebung. Man holte sich aus Wilna einen Polizeibeamten, der das große Werk der Judenanstreibung ans der heiligen Stadt Moskau energisch durchführen sollte. Sein Name war Wlassowsky. Er wurde zum Kavallerieoberst und Oberpolizeimeister der Stadt ernannt. Und er. hat sein Werk gethan. Entsetzlich sind die Schilderungen, die ich aus dem Munde vertrauenswürdiger Männer gehört. Herzerschütternde Tragödien, grausige Konflikte, wie sie selbst die abenteuerlichste Phantasie eines Dichters nicht ersinnen kann, haben sich hier abgespielt, bis Moskau endlich von den Juden so weit als möglich gesäubert war. Der Mann aber, dem dies Werk gelungen, führte bei den Juden den Namen: „Der Haman von Moskau". Nun denn, auch diesen Haman hat sein Schicksal erreicht. Als ich in Moskau war, schwang er noch seine Ruthe über die Juden und acht Tage später — war er durch einen besondern Ukas des Zaren schimpflich entlassen. Er hatte sich auf dem Chodinki-Felde die tiefste Grube selbst gegraben. Vergeblich suche ich nach einer Episode aus den Erzählungen, welche ich in Moskau gehört, die geeignet und charakteristisch genug wäre, um die Leiden der dortigen Juden zu illustriren. Daß der Haman von Moskau den daselbst seit Jahrzehnten amtirendeu alten und ehrwürdigen Rabbiner Dr. Minor, bei dem sich auch Graf Leo Tolstoi oft Rath in biblischen Fragen geholt, weil er gegen sein Verbot einmal am Freitagabend Gottesdienst abgehalten, sofort ausgewiesen hat, daß er mit aller Gewalt die Synagoge zn einem Tingeltangel machen wollte, daß er mehr als 20000 Juden aus ihren Häusern, aus ihren Stellungen und Gewerben vertrieben hat, dies Alles charakterisirt noch nicht zur Genüge den Mann und sein Werk. Viel lehrreicher sind einzelne Szenen aus dieser Leidenstragödie, von denen ich nur eine einzige hier erzählen will, und zwar genau so, wie ich sie aus dem Munde eines durchaus zuverlässigen Mannes gehört habe. Es war in jener Zeit der Noth vor Jom Kippur. Die Abhaltung des Gottesdienstes in den Privathäusern hatte der Haman von Moskau natürlich untersagt. In einer entlegenen Straße der großen Stadt hatte aber gleichwohl ein Minjan frommer Beter, das schon seit Jahrzehnten bestand, auch in jenem Jahre Gottesdienst halten wollen. Sie richteten ihr Gesuch an die Polizeibehörde und dasselbe wurde abschlägig beschieden. Nun blieb ihnen nichts Anderes übrig, als bei verschlossenen Thüren und herabgelassenen Vorhängen den Versöhnungstag zu feiern. Man kann sich ohne große Phantasieanstrengung wohl ungefähr die Stimmung jener Männer und Frauen am Vorabend des heiligen Tages denken. Aber dieser Vorabend ging doch ruhig vorüber. Erst als die kleine Gemeinde den Betsaal zu verlaffen beabsichtigte, erschien die nichtjüdische Hausbesorgerin mit erschrockener Miene und sagte zu ihnen: Ein Gorodowoi sei draußen nnd begehre Einlaß! Der Vorsteher des kleinen Minjan ging hinaus und — verständigte sich mit dem Polizeibeamten. Nun gingen sie am anderen Morgen getrost in ihr Bethaus, in der Ueberzeuguug, daß sie vor jeder Störung sicher seien. Aber kaum war das Schacharit-Gebet zu Ende, kam wieder die Hausbesorgerin mit derselben Meldung wie gestern. Der Vorsteher ging abermals hinaus und — verständigte sich von Neuem mit dem gestrengen Herrn Gensdarmen. Dieselbe Szene wiederholte sich aber noch zweimal, nach dem Mussaf- und nach dem Minchahgebete; der schlaue Gorodowoi hatte sich erkundigt, wie viele Gebetabschnitte die Juden am Versöhnungstage haben, und verlangte für jeden einzelnen seine Steuer. Schon warteten die armen gehetzten Juden beim Neilah-Gebete wieder auf die Hausbesorgerin, als plötzlich während des leisen Schemoneh- Eßra mit heftigen Kolbenstößen an die Thür des Betsaales geschlagen wurde. Nun half kein Sträuben — sie mußte geöffnet werden und es traten drei Gensdarmen ein, die die Beter, Männer, Weiber und Kinder, sofort unbarmherzig auseinaudertrieben. Da half kein Ueberreden, kein Paktiren . . . Wie sich später herausstellte, hatte die Hausbesorgerin mit dem ersten Schutzmann ein Komplott zur — Besteuerung der Inden ausgeheckt, ohne daß Jener überhaupt ein Polizeimandat besaß. Ein anderer Bewohner des Hauses hatte aber inzwischen die Beter bei der Polizei denunzirt — und daher die Auflösung des Minjan am Nachmittag des Jom Kippurim, zu derselben Zeit, wo jene Armen Versöhnung mit der ganzen Menschheit von ihrem Gotte erflehten ... Es steht zu hoffen, daß auch in Moskau sich jetzt die Zustände bessern werden. Man spricht dort sehr viel davon. Jedenfalls dürfen die Juden wieder in ihre Synagoge gehen und einen Rabbiner haben. Als solchen haben sie vor einigen Jahren einen dortigen sehr tüchtigen und begabten Rechtsanwalt gewählt, der aber auch in der Welt des Talmud ebenso zu Hause ist wie in den Pandekten. Ich habe es lebhaft bedauert, Herrn Rabbiner Mase nicht getroffen zu haben. Dafür wurde mir aber viel Gutes von seiner dortigen Wirksamkeit erzählt. Und fast jeder Erzähler schloß seinen Bericht mit den Worten: „Sie wissen doch, daß ihm der Großfürst Sergei bei der Krönungsdeputation die Hand gedrückt hat?" An diesen Händedruck knüpfen die armen und unverbesserlichen Optimisten die kühnsten Hoffnungen. Nun denn, vielleicht bringt ihnen das neue „Decennium der Milde" wenigstens die Erfüllung eines kleinen Theiles dieser Hoffnungen. 0. K.