Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Mir wäre es ja ganz recht," sagte Mordche ganz verschüchtert, „aber der Hausfriede ist doch auch eine große Sache vor Gott. Was will ich thun, wenn sie sagt, sie will lieber sterben, ehe sie es zngiebt." „Sag' ihr," meinte Reb Rephoel, „ich bin schon hundertmal zu Gutem gefahren, und es ist mir noch nie etwas geschehen, und ich kann Dich versichern, daß ich viel lieber mit dem Schiffe fahre als mit dem Wagen. Da ist kein Staub und frischer Schotter, kein betrunkener Kutscher und kein wildes Pferd, Dil kannst sitzen und stehen, dich niederlegen und herilwgehen, wie es Dir gefällt, Du siehst Dir Gottes Welt an, soweit Du kannst. Wenn wir zu Hause sitzen und uns gar liicht hinauswagen, weil wir fürchten, daß Ulis ein Juilge Steine nachwirft, oder wenn. lvir übers Feld zu gehen haben, ohne an etwas Anderes denken, als daß wir mit heilen Gliedern nach Hause koinmen, können wir gar nicht wissen, wie wahr es ist, was König David sagt: „Die, welche das Meer befahren in Schiffen, sehen die Wuuderthaten Gottes." Und Furcht! Ich bin in meiner Stube gerade so in Gottes Hand wie auf bem Wasser." Mordche schüttelte den Kopf. „Reb Rephoel, Ihr solltet Weiber beffer kennen," sagte er, „da dürfte einer alle siebzig Sprachen*) reden. Wenn sie ein Wort von Wasser hört, ist's vorbei mit Allem." „Hör' einmal an, Mordche," fiel Reb Rephoel ein. „Mein Großvater — Du weißt, er mar ein großer Epochen^) — hat gepflegt zu sagen: „Lügen darf man nicht, aber die Wahrheit muß man auch nicht immer sagen. Du erzählest Ehanne, daß Awronule mit mir nach Pest fahren wird. Wie er hinfahren wird, das braucht sie doch nicht zu wissen." Das leuchtete dem Wächter ein, denn Ehanne war in der Geographie nicht genügend beschlagen, um zu wissen, daß Pest an der Donau liegt, und ihre Kenntniß der öffentlichen Verkehrswege war auch eine ziemlich beschräilkte, aber in Mordche waren andere Bedenken aufgestiegen, die er nicht ganz unbefangen zu äußern wagte- Er sollte sein Kind in die weite Welt geben, es vielleicht nie wieder sehen, denn wie solle der an die großen Verhältnisse der Hauptstadt gewöhnte junge Mann sich in der alten engen Heimath wieder zurechtfinden, besonders da das Gesetz ihm eine solche geschäftliche Thätigkeit, wie er sie unter freieren Verhältnissen kennen gelernt hatte, nicht gestattete, und dann die Religion! Eine große Stadt ist immer dem religiösen Geiste feindlich. Hindernisse und Verlockungen sind dort größer als in dem stillen Erdenwinkel, wo Alles auf die „Jüdischkeit" zugeschnitten ist. (Fortsetzung folgt.) w Non der Meise. IV. (^^^^eun man in Rußland reist, so ist man bei den großen Enty fernungen auf Reisegesellschaft förmlich angewiesen, da ja der Mensch nun einmal ein geselliges Thier ist. Ich bin bescheiden genug, es einzig diesem Umstande zuzuschreiben, daß mir auf der Fahrt von Nischni-Nowgorod nach Moskau die Ehre zu Theil ward, von einem der ersten Beamten des russischen Reiches in eine Unterhaltung gezogen zu werden, die ein Anderer, ein findigerer Journalist, sicher zu einem glänzenden Interview ansgearbeitet hätte. Mir aber ist es nicht um die glänzende Erzählungskunst und um den journalistischen Ruhm, sondern ausschließlich um die möglichst getreue Wiedererzählung dieses Dialogs zu thun. Daß dieser sich um die leidige Judenfrage drehte, ist selbstverständlich. Die Aeußerungen aber jenes verehrten Herrn, der, nebenbei gesagt, einer der genialsten und aufgeklärtesten Staatsmänner Rußlands ist, erscheinen mir so charakteristisch, daß ich sie, dieweil die Exzellenz ein kleines Mittagsschläfchen zu halten beliebte, sofort in mein. Notizbüchlein eingetragen habe. Ich war allerdings gar nicht überrascht, als mir schon auf meine erste Bemerkung, ich sei um das Schicksal meiner Glaubensgenossen in Rußland besorgt, die oft gehörte Antwort zu Theil wurde: „Sie sind ja gar kein Jude!" Und als ich mich entschieden gegen diese Supposition verwahrte, da kam die ebenfalls wiederholt gehörte Frage: „Ja, welche geistige Geineinschaft haben Sie denn mit unseren hiesigen Juden? Pilgern Sie auch zum wuuderthätigen Rabbi? Tragen Sie auch am Sonnabend das Taschentuch als Gürtel um den Leib? Und —essen Sie auch nach dem Diner keinen Käse?" Ich habe es wohl nicht nöthig, meine Antwort auf diese drei Fragen hier weitläufig auseinander zu setzen. Da ich hier überhaupt kein Interview geben will, so brauche ich ja nur die Aeußcrungen des Mannes wiederzugeben, der mir diese Unterredung gewährt und der in seinem sehr wichtigen Departement nicht geringen Einfluß auf die Lage der dortigen Juden und — in jedem Falle eine genaue Kenntniß der augenblicklichen Strömungen in höheren Regionen besitzt. Ich zitire deshalb seine Aeußerungen in unmittelbarem Zusammenhaug, ohne erst meiner Fragen, Antworten und Einwendungen zu gedenken. „Bei uns, glauben Sie mir, giebt es keine Judenfrage, sondern nur eine Russeufrage. Das große Zarenreich umfaßt mehr als 100 Völkerschaften, die alle mit unwesentlichen Ausnahmen auf demselben Niveau stehen. Darunter sind etwa 4 Millionen Juden, die aber seit jeher nur in einzelnen Ländern unseres großen Reiches zusammengedrängt sind. Das ist nicht unsere Schuld, sondern die Schuld der Verhältnisse, der geschichtlichen Entwickelung, ja, wenn Sie gerecht sein wollen, des Polenkönigs Kasimir. In Kaukasien leben kaum 15000, in dem russischen Theil von Centralasien kaum 12000. Nun werden Sie verstehen, wieso jene 4 Millionen uns zur Gefahr und — so seltsam dies klingt — gegenüber den 90 Millionen Russen zu einer Macht geworden sind, die für unsere Bauern oft gefährlich werden kann. Es zeigte sich dies am besten während der letzten Jahrzehnte, wo ein entschiedener Rückgang der Landwirthschaft konstatirt werden mußte. Es lag die Gefahr nahe, daß die Hauptstütze unseres Landes, der Bauernstand, gänzlicher Verarmung entgegengehen würde. Dazu kam die Kalamität des Nihilismus. Wenn wir auf der einen Seite den Nothstand verhindern, auf der anderen die politische Demoralisation hemmen wollten, so mußten wir natürlich bei unsern . Vorbeugungsmaßregeln auch die Juden treffen. Vermöge ihrer Intelligenz, ihrer Rührigkeit und Lebhaftigkeit traten sie überall in den Vordergrund. Kein Wunder, daß man daher sich schließlich die Frage vorlegte, wieso ein Volk, daß kaum seit 20 Jahren aus der Knechtschaft befreit wurde, und eine so winzige Minorität gegenüber der großen russischen Völkermaffe zu solcher Bedeutung gelangen konnte. Darauf kam die sogenannte Judengesetzgebung. Ich gebe Ihnen gern zu, daß die. Aussührung im Einzelnen oft sehr hart und grausam gewesen sein mag. Aber große gesetzgeberische Aktionen werden, wie Sie ja wissen, nicht mit Lavendelöl gemacht. Die Gesetze waren ein Akt der Nothwehr. Die Ausführung derselben hätte milder und besser sein können. Aber ich glaube auch, daß Ihre ausländischen Zeitungen dabei oft und viel übertrieben haben. Sie 0 Talmudische Anschauung nach Gen., Kap. 10. 2) Kluger Mann.