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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-11 · Heft 37 (11.9.1896) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 37 (11.9.1896)
Date
1896-09-11
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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Die Barmizwa bezeichuete nämlich die Periode der Erwerbspflicht, und nur die Talmudjünger hatten ein Recht, ihr bisheriges Leben nach Vollendung des dreizehnten Jahres fortzusetzen. „Es macht mir schwere Sorgen," erwiederte der Angeredete. „Was kann ein armer Mensch mit seinem Kinde anfangen? Reb Maier Litschkau will ihn mit ins Dorf nehmen, und Reb Joineß hat mir angetragen, ihn als Markthelfer zu beschäftigen. Ich weiß nur nicht, was für ihn bester ist." Reb Rephoel schüttelte den Kopf. „Mein lieber Mordche, das ist kein Tachliß.*) Das Höchste, was er dabei erreichen kann, ist, daß er sein Lebenlang mit dem Pack auf dem Rücken ins Dorf geht, oder auf dem Marktwagen seine Jahre zubringt und froh sein muß, bei der schweren Plage sein bischen Leben durchzubriugen. Nein, Mordche, das heißt ein Kind zur „Schechite"^) geführt." „Was soll aber der gemeine Mann mit seinem Kind anfangen?" war Mordches Erwiederung. „Zum Lernen hat mein Awromele keinen Kopf. Ein Handwerk ist auch für ein jüdisches Kind nichts. Ja, wenn er es noch ordentlich lernen könnte, hätte ich nichts dagegen, aber was kann er bei Schimme Schneider oder bei Chaim Schuster lernen? Ein bischen Flickarbeit. Dabei bleibt er doch nur ein Schnorrer. Wenn er ins Dorf geht, oder auf Märkte fährt, weiß er doch, wenn Gott will, schickt er ihm etwas zu, daß ihm auf einmal geholfen ist." „Mordche, Mordche," fiel Reb Rephoel mit dem Tone der Ueberlegenheit ein, „auf Gott sich verlassen ist recht, nur muß man wisten, wann. Weißt Du, was der Midrasch sagt: „Wie Jakob, unser Stammvater, von Laban zurückkehrte, sagte er: Mein Mühsal und meiner Hände Arbeit hat Gott gesehen und für mich entschieden. Hätte er sich nur auf die Verheißungen Gottes verlassen, wäre er wohl mit seinem nackten Leben den Verfolgungen des falschen Oheims entronnen, aber den Segen Gottes, der über seiner Habe waltete,- den mußte er sich durch seiner Hände Arbeit verdienen." „Der Amhoorez? fuhr Reb Rephoel fort, „meint e Gewureh,^) wie fromm er ist, wenn er die'^ verkehrtesten Dinge anstellt und dabei sagt: Gott, wenn er helfen will, kann er so auch helfen. Das ist nicht wahr. In der Gemoro steht: Ein Mensch muß sehr schoffel sein, wenn Gott für ihn Wunder thut." „Kann man aber leugnen," fiel hier Mordche ein, dessen metaphysische Anschauung es als eine natürliche Konsequenz von Gottes Allmacht ansah, daß Gott ihm eines Morgens einen Sack österreichischer Dukaten vor die Thüre legen könne, wenn er wolle, „kann man leugnen, daß unsere große Rabbonim Wunder gethan haben?" „Mein lieber Mordche," sagte Reb Rephoel, „man muß nicht Alles glauben, was die Leute sagen. Gewiß, so wahr als unsere Propheten Wunder gethan haben, konnten auch unsere Tanoim Wunder thuu. Das steht in der Gemoro, und darum wisten wir, daß es wahr ist, aber was so alte Weiber erzählen, denen Du einreden kannst, die Kuh ist übers Dach geflogen, das muß noch nicht wahr sein. Ich habe auch gehört, daß Reb Nossen Adlers in zwei Stunden von Boskowitz nach Wien gefahren ist, weil ihn der Kaiser hineinbefohlen hat. Ich kann Dir aber sagen, daß die Geschichte „nicht geflogen und nicht geflogen" ist. Nach der Barmizwa hat mich mein Vater, der Friede sei mit ihm, zum Preßburger Row geschickt, der damals in Proßnitz bei seinem Schwager im Hause war und sich auf ein Rabbonuß vorbereitet hatte. Der Preßburger Row war bei Reb Nossen Adler wie ein Kind im Hause und ist r) Unpraktisch. 2) Geopfert. 3) Wunder was. 4) Rabbiner in Frankfurt. mit ihm zusammen nach Wien gefahren. Er wußte aber von der ganzen Wundergeschichte kein Wort. Reb Rosten ist gar nicht beim Kaiser gewesen, und es hat drei Tage gebraucht, bis sie nach Wien gekommen sind. Aber," lenkte Reb Rephoel ein, „Du bist doch nicht hergekommen, Thora zu schmusten. Laß uns von Tachliß reden." „Ich bin's zufrieden," erwiederte Mordche, „wenn Ihr mir einen besseren Rath geben könnt, was ich mit dem Jttngel anfangen soll." . „Nun, ich will es Dir in Kurzem sagen," war die Antwort. „Ich habe schon einen Plan gemachte In sechs Wochen, so Gott will, gehe ich nach Pest zum Markt. Dort ist einer meiner Geschäftsfreunde, Reb Wolf Dresnitz, mit dem 'handle ich schon, seit ich zu Guten nach Pest fahre. Ich bin mit ihn: wie mit einem Bruder. Reb Wolf hat kürzlich seine Tochter verheirathet, und sein Schwiegersohn hat ein großes Geschäft in der feinsten Straße in Pest. Dort kannst Du alles kaufen, was ein Haus braucht, von einer Nähnadel bis zum feinsten Seidenstoff. Wenn ich ein Wort sage, nimmt ec Awromele ins Geschäft, und dort, das kannst Du mir glauben, wird ein Mensch aus ihm." . „Das wäre gewiß sehr schön," fiel Mordche ein, „aber das kostet viel Geld, und ich kann das nicht bestreiteil, wenn ich das ganze Jahr sollte von trockenem Brode leben." - „Das. habe ich auswendig gewußt, wie Du Dir leicht denken kannst," war Reb Rephoels Antwort. „Darum habe ich Dir doch gesagt, daß ich in sechs Wochen nach Pest fahre. Auf meinem Wagen ist immer noch so viel Platz, daß so ein schmaler Pastagier mitfahren kann, und mein Weib giebt mir schon immer so viel zu essen mit, daß noch etwas übrig bleibt. Wo wir unterwegs übernachten, wird man ihm auch auf meine Fürbitte ein Nachtlager geben, und was es auf dem Schiff von Wien aus kostet, will ich bezahlen. In Pest erhält er während der dreijährigen Lehrzeit Kost, Quartier und Kleidung, und wenn er taugt, bekommt er dann mehr bezahlt, als er sich hier mit dem Dorfgehep verdienen kann. Die Hauptsache bleibt, daß er in den drei Jahren so viel gelernt haben wird, daß er sich überall zu ernähren im Stande sein wird." „Das wird meine Channe nie zugeben," sagte Mordche mit einen Seufzer. „Wenn sie hört, daß Awromele mit einem Schiff fahreil soll, wird sie schwören, er darf nicht gehen und wenn er sollte, einen Wagen Gold zurückbringen." „Was Ihr für ehrliche -Juden seid," sagte Rephoel mit dem ihm eigenen Tone der Ueberlegenheit, wo es sich um religiöse Fragen handelte. „Nach Litschkau gehen mit dem Glauben, daß es dort Harte Thaler regnen wird, das nennt ihr, sich auf Gott verlaßen, aber da, wo inan sich auf Gott verlassen soll, der gesagt hat: „Wenn du durch das Wasser gehst,, bin ich bei dir," da habt ihr eueren Glauben verloren. Wemr Jemand krank ist, sperrt ihr um Mitternacht die Schul auf und sagt Tehillim,') die Buchstaben seines Namens ans dem Hundertneunzehuten Psalm, und die Buchstaben „zerreiße den Satan" und solchen Aberglauben mehr. Wenn ihr glaubt, was König David gesagt hat, warum glaubt ihr nicht, wenn geschrieben steht: „Wenn ich schwinge die Flügel der Morgenröthe, wenn ich mich niederlaste am Ende des Meeres, auch dort wird deine Hand mich leiten und deine Rechte mich erfassen." Ich habe wirklich gedacht, Mordche, Du seiest eine Ausnahme von der Regel, indessen sehe ich, daß unsere Weisen Recht haben,, wenn sie sagen : Ein Amhorez kann nicht fromm sein. Ja, ja", setzte er mit langsamen, aus der Tiefe seiner Brust kommenden Tönen hinzu. r ') Psalmen. vrnimmmmm WMDWM

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