Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Alles, was außerhalb unserer stetigen Bestrebungen, unserer Lebens¬ und Berufsarbeit liegt, das betreiben wir als Dilettanten, und die Arbeit eines Dilettanten ist eben Dilettantenarbeit." „Ich muß gestehen," wagte ich zu entgegnen, „daß mir gerade/ diese beiden Novellen oftmals den Gedanken nahe gelegt haben, ob ich es nicht selbst einmal mit solchen Hervorbringungen versuchen^ sollte." „Thun Sie das nicht," sagte Bernstein, „ich rathe davon ab,' wo und wie ich nur kann. Wer heutzutage einige Gedichte oder irgend eine Novelle verfaßt und zum Abdruck gebracht hat in einer gebildeten Sprache, die für ihn dichtet und denkt, hält sich schon für einen bedeutenden Schriftsteller. Und sind die Sachen nicht gerade schlecht und hat er gute litterarische Freunde, so werden diese geringen Arbeiten wie eine Großthat gepriesen und gefeiert. Geschmack und Bildungsstand unserer Leserwelt stimmt hiermit überein. Alles, was zu seiner Bewältigung auch nur die geringste geistige Anstrengung erfordert, wird gemieden. Von unserer nur schöngeistig gebildeten' Frauenwelt rede ich schon gar nicht, — mit unseren Akademikern steht es durchaus nicht bester. Am liebsten lesen sie die spannungsvolle-' löffelweis gebotene Zeitungsnovelle. In dem einfachen Handwerker steckt offenbar mehr Bildungs- und Wistenstrieb, als in allen den Vorgenannten. Es würde mir sehr leid thun, Sie in der Gemeinschaft dieser geistig herabgekommenen Menschen zu treffen, die zu verhimmeln wähnen, wenn so ein Dichter oder Dichterling nur sich räuspert oder spuckt, und den musikalischen'Fetisch als das höchster Wesen verehren. Nein, dann werden Sie doch lieber Metaphysikerfr. denn dazu gehört doch immer mehr Ernst und Mannhaftigkeit, wiezu so einem litterarischeu Schmachtlappen." u. Das habe ich mir gemerkt und habe umso lieber Folge geleistet/- als ich ja immer der Meinung gewesen bin, die wahre Philosophie^' könne nicht bestehen in einem Systeme willkürlicher Gedankenkonstruktionen, sondern in dem Natur- und vernunftgemäßen^ Pragmatismus alles Bestehens und Geschehens sowohl in der geistigenals auch materiellen Welü :" ’*r Es ist mir nicht vergönnt gewesen, dem vortrefflichen Manne' zum zweiten Male zu begegnen. f —-I 1—H 1-:-^-r—- 1—I I-J mimmrn iiRjniiiniw | FEUILLETON 1 TI Jj unuttuis nUlulmtlßtS I=— —,1 —l 1-M!--1 1—1 Andere Zeiten. :! Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit/^ von Gotthard Deutsch. Neuntes Kapital. Zukunftspläne. <A^?/^och vor dem Einbrüche der Nacht hatte sich das Gewimmel , ber Gäste verlaufen, denn da begann die Woche, und Niemand hatte Zeit zu gesellschaftlichen Pflichten. Die Männer , öffneten ihre Laden oder packten das Waarenbündel, mit welchem, sie die Woche über hausirten, die Weiber hatten trotz der beschränkten Wohnungen und des Mangels aller Vereinsabende immer die Hände , voll zu thun, „daß man nicht wußte, was zuvron" (zuvor). Mordche . zündete das geflochtene Wachslicht an, sprach den Segen und verlöschte .; dann die Kerze in dem auf eine Blechtasse ausgegoffeuen Wein, mit welchem sich Channe die Augen, die Handgelenke und die.Taschen -einrieb, denn das fromme Werk heiligt 'seine Utensilien und verleiht ihnen die Macht, das Gesicht und die Arme zu. stärken, sowie die Taschen zu füllen, obwohl in letzterer Beziehung Frau Channes regelmäßige Manipulation noch keinen sichtbaren Erfolg gehabt hatte. Dann ging Mordche dreimal um den Tisch Herum und sang:; „Gott Awrohom's, Jizchok's und Jainkow's Nimm ganz Jißroel in deinen Lob." Hierauf legte er seine Schabbeskleider - ab, zündete sein kurzes Pfeifchen an, das schon von Freitag Nachmittag gestopft war, und machte sich auf den Weg. „Das glückliche Gefühl, was unsereiner hat, wenn man Schebesse- Nacht (Samstag-Abend) sich so eine Pfeife anzüudet, kennt gar kein Goj," pflegte Mordche zu sagen. „Nur für so eine Pfeife lohnt es sich schon, ein Jüd' zu sein. Gott hat gewußt, was er thut, wenn er das Rauchen am Sabbath verboten hat. So wäre man verzweifelt gewesen, wenn man die Schabbeskleider ablegt, wenn man dabei denkt, welche Sorgen die kommende Woche einem bringt Jetzt habe ich doch etwas, was-mich für den Schabbes tröstet." In dieser heiteren Stimmung trat er bei Reb Rephoel ein, der über seine Geschäftsbücher gebeugt saß. „Gut Woch, Reb Rephoel." „Gut' Jahr, Mordche." Nach dem Austausch einiger Fragen und Antworten über die Feier des Familienfestes rief Reb Rephoel dem Dienstmädchen zu, im Zimmer Licht zu machen. Das war etwas ganz Ungewöhnliches und geschah in der Regel nur, wenn ein herrschaftlicher Beamter oder ein vornehmer Geschäftsfreund aus der Stadt zu Besuch kam. Die Magd gehorchte kopfschüttelnd und trug den massiven Armleuchter, auf dem zwei brennende Kerzen staken, in die Stube, wohin beide Männer folgten. Die Stube des Krösus war durchaus nicht mit jenem Luxus ausgestattet, welchen wir heute in der einfachsten Familie des Mittelstandes zu finden gewohnt sind. Die Wände waren weiß getüncht und die Dielen blank gescheuert, ein Teppich war absolut unbekannt, nur am Freitag, wenn gescheuert footben-tocn:, wurde eine aus alten Wollsäcken gefertigte Schutzdecke über den Boden gebreitet, die am Samstag entfernt wurde. Ein unförmlich großer, grüner Kachelofen okkupirte einen beträchtlichen Theil des Zimmers. Der schwere Eicheutisch und die massiven Polsterstühle mit ihren geschnörkelten Beinen hatten mindestens schon zwei Generationen gedient. Nur zwei Oelbilder, Reb Rephoels Eltern vorstellend, und ein Glasschrank, in dem das Silberzeug ausgestellt war, verrietheu, daß man sich in einem reichere Hause befand. Die silbernen Leuchter, Becher und Schüsseln, das Schreibzeug und manche andere Silbergeräthe, die zumeist irgend einem rituellen Zwecke dienten, waren übrigens in der That von beträchtlichem, zum Theil auch antiquarischem Wertste. Mordche, so frei auch seine Seele von Neid war, und so fest auch seine Ueberzeugung stand, daß der Unterschied zwischen Reich und Arm ein auf Gottes Willen gegründetes, unveränderliches Gesetz sei, mußte doch in der Stille ausrechnen, wie leicht ein Theil dieses Schatzes ihn aller seiner Sorgen entheben würde. Reb Rephoel hatte eine ziemlich lange Pause gemacht, weil das Dienstmädchen in der Absicht, etwas von dem Gespräche zu erlauschen, sich allerlei in der Stube zu schaffen machte. Als sie endlich alle Stühle hin und her geschoben und manchen Gegenstand von seinem Platze entfernt und wieder zurück gebracht hatte, gab sie jeden weiteren Versuch als vergeblich auf und entfernte sich,, nicht ohne in der Thür noch einmal stehen zu bleiben und zu fragen, ob Reb Rephoel nicht etwas befohlen hätte. „Mordche," begann Reb Rephoel, „ich wollte Dich nur fragen, was Du mit Deinem Awrom vor Hast."