Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1896)
- Date
- 1896-09-11
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I lebhafter und vielseitiger gewesen. Gesehen hatte ich denselben bis dahin nicht, aber ich besaß eine Photographie seiner Person, die er mir zum Andenken geschickt hatte, und war begierig, diesen Mann mit dem Jupiterkopf einmal von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Ich traf in Wirklichkeit eine noch weit eindrucksvollere Persönlichkeit, als das Bild zur Anschauung bringen konnte. Wer dieses mächtige Haupt einmal gesehen/ vergißt es in seinem Leben nicht wieder. Duncker zeigte mir alle Anstalten seiner Druckerei und lud mich ein, Abends in der Versammlung des Handwerkervereins wieder mit ihm zusammenzutreffen. Als ich an der Pforte mich von ihm verabschieden wollte, bat ich ihn noch um eine Empfehlung behufs Einführung bei A. Bernstein, mit welchem ich in jüngster Zeit bezüglich seiner letzterschienenen Schrift: „Die Sagen von Abraham, Isaak und Jakob", in Briefwechsel gestanden hatte. „Das wird nicht nöthig sein," meinte Duncker, „sehen Sie dort den älteren Herrn mit dem festen Schritt und dem glatten, sonnigen Angesicht? Das ist er selbst. Er kommt gerade auf uns zu; ich werde Sie ihm vorstellen." Duncker zog sich bald in sein Bureau zurück und überließ mich Bernstein. „Haben Sie vielleicht heute Vormittag noch etwas Besonderes zu thun vor?" fragte mich dieser, „wenn nicht, so begleiten Sie mich auf einigen Geschäftsgängen. und Besuchen. Ich habe meine Kinder, die in der Stadt wohnen, seit einigen Tagen nicht gesehen. Sie können mich getrost begleiten. Und wenn wir, was wahrscheinlich ist, etwas zum Frühstück bekommen, so greifen Sie nur ganz ungettirt zu — ich habe Ihnen die Kost versprochen." Was wir da während eines zwei- bis dreistündigen Zusammenseins alles besprochen haben, wer kann das heute noch wiffen? Nur einzelne Gesprächsstoffe sind mir heute noch lebhaft im Gedächtnisse haften geblieben. Zunächst unterhielten wir uns, ankniipfend an die oben erwähnte Schrift, über althebräische Litteratur. „Eine gar merkwürdige Empfindung", äußerte Bernstein im Laufendes Gesprächs, „überkommt, mich beim Lesen des ältesten biblischen Schriftthums, ganz besonders beim Lesen des Pentateuchs. Entschuldigen Sie; ich sehe diese Dinge mit ganz anderen Augen an wie Sie. Daß alle diese Schriftdenkmäler in viel späterer Zeit niedergeschrieben sind, als die orthodoxe Meinung und Ueberzeugung anzunehmen pflegt, das ist ja allgemein bekannt. Allein eines zwiespältigen, widerspruchsvollen Gefühls, das von Seite zu Seite, oft schon von Zeile zu Zeile wechselt, kann ich mich nicht erwehren. Durch die eine Seite erhalte ich den Eindruck, als ob das jüdische Reich noch in voller Integrität bestünde, durch die andere Seite wieder, als ob das Reich zu existiren aufgehört hätte. Und dieser Eindruck wechselt oft schon von Vers zu Vers, trotzdem ich mir sagen muß, zwei Hände, oder besser zwei Köpfe haben sich hier nicht betheiligt lind bethätigt. Haben Sie eine Erklärung für die Sache?" „Ich hätte wohl eine Erkärung," meinte ich, „weiß aber nicht, ob dieselbe Ihre Billigung finden wird." „Nun denn, so lassen Sie doch einmal hören." „Ich bin davon überzeugt, daß ein großer Theil selbst des ältesten biblischen Schriftthums nicht auf jüdischem Grlind und Boden niedergeschrieben ist. In jenen uralten Zeiten ist überhaupt wenig geschrieben worden. Das Wort der Lehre und Verkündigung wurde durch mündliche, meist wortgetreue Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht fortgepflanzt. „Mosche empfing die Lehre vom Sinai und überlieferte sie dem JoschuM" Auch in den Schulen, Propheten- und Priesterschulen, kannte man nur die mündliche Lehre. Erst die von ihrer Heimath Vertriebenen haben eifrig zu schreiben begonnen. Um den Zusammenhang mit den Volksgenoffen nicht zu verlieren, um ihre gewaltige, übermächtige Liebe zur Heimath zu betätigen, wie sie besonders in jenem bekannten Psalm ausgesprochen ist: „An den Flüssen Babylons, dort saßen wir und weinten wir, wenn wir Zions gedachten"; um, auch nicht das kleinste Wort der aus der Heimath mitgebrachten Lehren. Erzählungen und Verkündigungen in Vergessenheit gerathen zu lassen — wurde alles sorgfältig anfgeschrieben. So in Babel- Aegypten und anderen Ländern. Die stets lebendig gehaltenen Erinnerungen an alles das, was sie noch selbst in der Heimath gesehen und erfahren hatten, ist nicht ohne Einfluß auf das Schriftwort geblieben und hat demselben jene von Ihnen bemerkte Doppelfärbung gegeben." „Das läßt sich hören," bemerkte Bernstein. „Das ist über noch nicht alles," fuhr ich fort. „Die schriftstellerische Thätigkeit der Exulanten hatte schon lange vor dem babylonischen Exil, als das Reich noch ungeschmälert fortbestand, begonnen. Jene oberen Zehntausend, welche mit dem Könige Jehojachim nach Babylonien fortgeführt wurden, haben sicher das Meiste und Beste zur Erhaltung der jüdischen Schriftdenkmäler beigetragen. Da haben Sie ja Exil bei gleichzeitigem Fortbestände des Ruches; ganz nach Voraussetzung." „Wenn ich mir Ihre Darlegung," meinte Bernstein, „in meine Anschauungsweise übersetze, so erklärt sich vieles, wenn nicht alles." Ich war damals noch verhältnißmäßig jung, erst Anfangs der vierziger Jahre, und trug mich mit einer stattlichen Anzahl litterarischer Entwürfe, über deren Ausführung ich Bernsteins Rath hören wollte. ~ Am meisten beschäftigte mich das System einer neuen Metaphysik. Dagegen aber verhielt sich Bernstein vollkommen ablehnend. „In philosophischen Dingen," meinte er, „bin ich völlig inkompetent. Mir .hat die Natur eine jede philosophische Anlage versagt. Ich habe absolut kein Verständniß kür unsere Schulphilosophie. Mir kommen nlle diese philosophischen Systeme, möge man es meinethalben als Beschränktheit betrachten und verzeihen, als Ausgeburten verschrobener sKöpfe vor. Man soll niemals tiefer ins Wasser gehen, als man Grund sieht; auch das ist bisweilen schon viel zu weit und viel zu gefährlich." Als ich mm Bernstein entgegnete, daß ich gerade in seinen Schriften die wahrsten und würdigsten philosophischen Gedanken cmgetroffen habe, entgegnete er: „Verzeihen Sie, dem muß ich widersprechen. Was Sie als philosophische Gedanken betrachtet zu haben scheinen, das war wohl nur der vollberechtigte Pragmatismus historischer, naturwissenschaftlicher, wohl auch politischer Thatsachen; Philosophie, . das heißt eine willkürliche Gedankenkonstruktion in ein System gebracht, ist das nicht." Bald kamen wir auch auf seine beiden Novellen: „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" zu sprechen. „Was wollen Sie," entgegnete er auf mein begeistertes Lob. „Dilettantenarbeit, nichts als Dilettantenarbeit l Wer weiß, wie lange, gewiß länger als ein -Jahrzehnt haben die Manuskripte bei mir gelegen. Ein guter Freund wünschte einen passenden Beitrag für ein literarisches Unternehmen, und nochmals sorgfältig überarbeitet übergab ich sie ihin zum Abdruck. Wer weiß, wenn nicht auf diese Weise, ob diese Erzählungen jemals ans Licht gekommen wären." „Wie können Sie nur,", meinte ich, „zwei so vollendete Kunstwerke, die kaum ihresgleichen finden, als Dilettantenarbeit bezeichnen?" „Allzu schroff brauchen wir ja .das auch gerade nicht hinzustellen. Es ist gewiß schon oft vorgekommen, daß auch einmal ein Dilettant irgend ein Gedicht, eine musikalische Komposition hervorgebracht, die - dauernden Werth behalten und große Anerkennung gefunden hat. Hl