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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-11 · Heft 37 (11.9.1896) · p. Seite 438

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 37 (11.9.1896)
Date
1896-09-11
Page
Seite 438 (sequence 6)
Language
German
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Untersuchung des Patienten unmöglich. Zu viel geben ist beinahe ebenso schlimm, wie nicht genug geben . . . . Jedenfalls ist das Almosengeben nur ein Theil der Wohlthätigkeit und gewiß nicht der wirksamste. Die neuere Armenreform beruht vornehmlich dartflisi daß man die Prüfung und Beaufsichtigung der Armen viel eingehender macht. . . Also ein großer Aufwand von etwas, das köstlicher ist als Geld, nämlich der unentgeltlich geleisteten Arbeit ehrenwerther Bürger." (S. 40 und 41.) -<• „Sehr wichtig kann die Mitwirkung edler Frauen werden. Wie überhaupt die Armenpflege sehr geeignet ist, die Reichen von Lebensüberdruß, Weltschmerz rc. zu heilen, die so oft darauf beruhen, daß man wirkliches Elend gar nicht kennt und darum die eigenen kleinen Leiden für unerträglich hält, so wird namentlich die vornehme Frau -die Hütten der Armen viel zufriedener verlassen. Giebt es doch keinen unglücklicheren Menschen unter der Sonne, als einen solchen, der feinen anderen Beruf zu haben meint, als seinem Vergnügen nachzugehen. Bei aller Achtung vor der Nadelarbeit muß doch daran erinnert werden, daß die Frauen der höheren Stände etwas Nötigeres thun können." (S. 38.) „Unterstütze niemals, ohne den ganzen Zustand des Armen zu untersuchen, natürlich mit vorläufiger Ausnahme ganz akuter Nothfälle. Den Namen Wohlthäter verdient nicht der, welcher zu träge und gleichgiltig ist, um den würdigen, wirklich bedrängten Armen auszukundschaften, wohl aber der, welcher (nach sorgfältiger Prüfung) den unwürdigen Armen keinen Beistand gewährt. Versagen kamt''oft auch Helfen sein, und Geben ist oft Verderben ... Der Armenpfleger muß selbst in die Hütten der Armen gehen, wiederholt gehen, unerwartet gehen, vor. und nach der Wohlthat gehen, wenn er auch nur die erlogene oder wenigstens übertrieben geschilderte Armuth von der wahren, verschämten unterscheiden will. Leichtsinnige Almofengeber gehören praktisch zu den schädlichsten Feinden der Armen. Sie verführen und ermuthigen dieselben zur Heuchelei und Betrug, untergraben ihre Selbstachtung und ihr Selbstvertrauen, schwächen ihren Fleiß. Ein großer Theil der Beweggründe zu solchen Pseudöwohlthaten besteht in dem Wunsche, zu thun, was Aridere thun, und den unerfreulichen Anblick der Noth zu vermeiden, in der Unfähigkeit, Zudringlichen zu widerstehen . . ." (S. 39 und 40.) „Besonders streng muß in dieser Hinsicht-die öffentliche Armenpflege verfahren, die ja nur anvertrautes Gut verwaltet." (S. 40.) „Für den Armenpfleger ist die ununterbrochene, genaueste Personen- und Ortskenntniß eine Hauptbedingung segensreichen Wirkens. Der Beruf des Armenpflegers soll in seiner bescheidenen Sphäre zugleich etwas Aerztliches, Seelsorgerliches und Staatsmännisches haben. Namentlich sollte der Armenbesucher niemals vergessen, daß höherer Stand und das Bewußtsein guten Willens noch -keineswegs berechtige, mit Vorwürfen und Befehlen in das Haus der Armen einzudringen." (S. 38.) Als Aufgabe der Pfleger ist zu bezeichnen: „mit wohlwollendem Herzen und Freundlichkeit die Bitte der Armen zu hören, mit Ernst den unberechtigten Anspruch zurückzuweisen, durch sorgfältige Prüfung das Maß der nothwendigen Unterstützung zu finden unb zu verhindern, daß durch das gewährte Almosen Müßiggang und Sittenlosigkeit gefördert werden . . ." (S. 42.) „Sonst aber wirkt eine Freigebigkeit, welche der Noth nicht eine Stütze, um sich selbst aufzurichten, sondern Aussicht auf Erleichterung auch ohne energische Selbsthilfe gewährt, nur wie ein Reizmittel, das vorübergehend stärkt, um eine desto tiefere Abspannung zurückzulafsen." (S. 45.) „Nicht eine große Kasse in sorglosen Händen, sondern eine kleine in den Händen weiser und wachsanrer Beamten ist das Wirksame." (S. 53.) „Suche vor allem entstehender Armuth vorzubeugen. Man kann dadurch nicht allein beträchtliche Summen sparen, sondern oft sogar Seelen retten. Die währe Wohlthätigkeit muß darauf ausgehen, sich selbst überflüssig zu machen, so bald und so gut, wie möglich. Jedenfalls besteht der größte Dienst, der einem Annen geleistet werden .kann, darin, daß man ihn anleitet, sich selbst zu helfen." (S. 55.) „Unterstütze womöglich lieber mit Arbeitsgelegenheit, als mit Naturalien, und lieber mit Naturalien, als mit Geld ... Im Gelbe liegt für die meisten Armen eine große Versuchung, und könnten sie richtig damit wirthschaften, so wären sie vermuthlich gar nicht arm . Nur durch die Naturalunterstützung läßt sich das kleine Budget des Armen heilsam leiten .. Braucht der Arme Geld, um seine Miethe zu zählen rc., so ist es viel besser, der Pfleger zahlt sie für ihn." (S. 57.) „Daß man Arme, die reiche Verwandte haben, nicht auf die Armenkaffe nehmen, vielmehr ihrer Familie zuweisen sollte, versteht sich eigentlich von selbst." (S. 59.) „Das Komitee der sehr tüchtigen Bristoler Armenfreunde hat in einem Blaubuche fünf Regeln..ausgestellt: 1. Gebt niemals einem Bettler, ohne die Wahrheit seiner Erzählung zu prüfen. 2. Wenn ihr gebt, so thut das in einer Summe, die wirklich helfen kann. 3. Gebt, wenn ihr gebt, persönlich, mit genauer Keuntniß der Unterstützten, mit wahrer Sympathie für die Unglücklichen und im Geiste des Vertrauens und der Hoffnung. Wenn ihr mißtrauet, so gebet nichts. 4. Könnt ihr aus Maligel an Zeit oder ans anderen Gründen nicht in persönliche Beziehung zu dem Armen treten, so bittet einen Anderen, daß er es mit euerem Gelbe thue.' 5. Gebt niemals auf einen Bettelbrief. Dieser ist die Form des Bettelns, welche am meisten zur Lüge neigt und den Charakter des Bettlers am meisten verdirbt." (S. 64.) „Die rein persönliche Armellpflege ist die allerschlechteste. Sie wird meist völlig einsichts- und kritiklos geübt an der Hausthür durch' Darreichung des Bettelpfennigs (der meist in den Schnapsladen wandert), des Stückes Brod (mit dem meist Schweine fett gemacht werden), des alten Kleidungsstückes (das/meist alsbald der Trödler erwirbt). Wer so verfährt, der prämiirt die Landstreicherei und zieh Vagabunden groß." (S. 66.) „Von den Wanderbettlern klagt Guy, daß lloch jetzt, ebenso wie zu Defoes Zeit, von ihnen gilt: Sie bringen, von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt ziehend, einen ganz falschen Eindruck von Uebervölkerung hervor; gerade so, wie eine kleine Zahl als Soldaten verkleideter Schauspieler, die um die Bühne eines Theaters ziehen, die Illusion eines Heeres bewirkt." (S. 16.) Das traurige Kapitel der Fremden-Armenvereine, dieses Schmerzenskindes unserer Gemeinden, soll hier unberührt bleiben, weil es abgesondert behandelt werden muß. (Schluß folgt.) Gine Begegnung mit A. Bernstein. Von Dr. I. Rülf in Memel. j|nt Jahre 1872 hielt ich mich einige Tage in Berlin auf und' benutzte die Gelegenheit, um einige Männer, mit denen ich in den vorhergehenden Jahren in Beziehung getreten war, aufzusuchen. Zu diesen gehörte in erster Linie nicht gerade Bernstein, aber ein Mann von seiner nächsten und intimsten Bekanntschaft, der Reichstagsabgeordnete und Verleger der „Volkszeitung", Franz Duncker. Ich traf denselben in seinem Büreau, Potsdamerstraße 20. Mein Verkehr mit diesem Manne war seit mehreren Jahren ein äußerst

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