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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-11 · Heft 37 (11.9.1896) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 37 (11.9.1896)
Date
1896-09-11
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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das Korreferat über „Das Bibellesen in der israelitischen Volksschule" übernommen. Nachdem Herr Oppenheim-Treysa wieder und Herr Strauß-Gelnhausen neu in den Ausschuß gewählt worden waren, schloß Herr Gutkind mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf Se. Majestät den Kaiser, den Schirmherrn der Schule und Förderer der Interessen der Lehrer, die Verhandlungen. Vorher hatte die Versammlung noch ein Begrüßungs-Telegramm an Herrn Dr. Kristeller, den verdienstvollen bisherigen Leiter des D. I. G.-B, dem unsere Konferenz für vieles Wohlwollen zu danken hat, gesandt. An die Verhandlungen schloß sich ein im Hotel Emmerich zu Frankfurt a. M. eingenommenes gemeinschaftliches Mahl. Den Kaisertoast brachte Herr Gutkind aus. Des fernen Vorsitzenden, dem die Versammlung ihre Wünsche für eine baldige Genesung telegraphisch übermittelt hatte, gedachte Herr Amram, der Gäste Herr Oppenheim. Noch weitere Tischreden ernsten und heiteren Inhalts riefen eine recht angeregte Stimmung beim Mahle hervor. Nur zu rasch verflogen die wenigen Stunden, welche die meisten Theilnehmer noch in Frankfurt zubringen konnten. Die Schriftführer: Oppenheim-Treysa, Amram-Borken. Einige Gedanken über Armenpflege. Bon Rosalie Perles in München. (gjSfcie Wohlthätigkeit, die praktische, thätige Nächstenliebe ist für den Israeliten einfach Zedakah, Gerechtigkeit, also kein besonderes Verdienst, sondern ganz selbstverständlich. Nicht nnr das Herz des Inden, das zum Mitleid geneigte, auch sein Verstand fordert gebieterisch, im Wohlstände der Darbenden, in der Freude des Herzens der Betrübteil, im Wohlleben nicht des mühseligen Arbeiters 311 vergessen. Von der Bibel an, die fast schon im modernen Geiste die Gesetze der Armenpflege ordnet, von den Propheten, die thatkrästige Hilfe weit über jede religiöse Uebung, über Opferdienst und Gebete stellen, durch alle Leiden der Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Tage sind die Juden ihrem alten Ehrentitel getreu das Volk der'Rachmonim gebliebeil. Gerade ihre Leidensgeschichte bildete in ihrem traurigen Verlaufe diese edlen Triebe zu immer größerer Vollkommenheit ans. In Noth und Tod war man auf einander angewiesen, mußte Einer immer für den Anderen aufkommen, ulid Selbstsucht und Genußsucht konnten sich niemals entwickeln, um als üppig aufschießendes Unkraut das zarte Pflänzchen Mitleid zu überwuchern. So kam es, daß dastelbe eine so kräftige Entwickelung nahm und daß so mancher Jude unserer Tagender alles andere vielleicht schon längst abgeflreift hat, der keine von den hundert Observanzen, keinen Sabbath, keinen Festtag, keiil Gebet mehr kemtt, noch intmer an seiner Zedakah festhält, an seinem Maaßer und freudig den zehnten Theil seines Einkommens auf dem Altar der Nächstenliebe opfert. Nur das eine ist ihm noch geblieben von seinem Glauben, gleichsam als letzter Abendstrahl des seinen Augen entschwindenden Tagesgestirnes. Mit diesem etpig regen, reichlich fließenden Born der Wohlthätigkeit geht aber nicht immer die richtige Erkenntniß Hand in Hand, wohin der Strom zu lenken ist, wenn er in vernünftige, richtige Bahnen führen soll, wo der Wohlthäter einzusetzen, wo er. seine Hand! abzuziehen Haft. Unter dieser mangelnden Erkenntniß leidet sowohl die private wie die öffentliche Wohlthätigkeit, und Alle, welche ihre Kraft und Zeit dauernd , der Armenpflege widmen, stimmen darin übereilt, daß mit den jahraus jahrein aufgewendeten Summen weit , mehr dauernder Segen für die Armen und Leidenden geschaffen werden köultte, als dies bei der bisherigen Handhabung und Verwendung der reichen Mittel geschieht. Wo aber hier der Hebel anzusetzen, wie hier Wandel zu schaffen,- nach welchen Grundsätzen hier zu verfahren ist, das zu beantworten und erschöpfend zu begründen wird wohl als eine der schwierigsten Aufgaben zu betrachten sein.- Ja, man muß itach den gemachten Erfahrungen fast die Hoffnung aufgeben, in Bezug auf die private Wohlthätigkeit irgendwie durch Vernunftgründe einzuwirken. .Soll man deshalb entmuthigt die Hände in ben Schooß legen und ruhig zusehend den Dingen ihren bisherigen Lauf lasten? Soll man nicht versuchen, einer besseren Einsicht wenigstens an den Stellen Eingang zu verschaffen, welche berufen sind, anvertraute Summen, also Vereins-, Geineittde-, Stiftungsgelder ersprießlich zu verwenden, und darf man nicht hoffen, ja sogar verlangen, daß diese die gesunden Prinzipien einer vernünftigen Armenpflege zu den. ihrigen machen, sofern dieselben ihnen ebensowohf als wissenschaftlich-theoretisch begründet, wie auch als praktisch bewährt vorgelegt werden? Hier kommt uns ein Buch zu Hilfe, welches diese schwierige und höchst verwickelte Materie mit einem ungeheuren Aufwande von wissenschaftlicher Arbeit und praktischem Scharfblick erläutert. Der große Lehrer der Volkswirthschaft Wilhelm Roschers bietet uns eine wahre Fundgrube aufgehänfter Weisheit und regt den Leser nicht nur durch die auf jeder Seite eingestreuten anregenden und lichtvollen Bemerkungen zu eigenem Nachdenken an, sondern erfüllt ihn geradezu mit Dankbarkeit für die Fülle von Schätzen, die er uns zufämme.ngefaßt hat aus einem Stoffe, den in. seiner Weitschichtigkeit und Vielseitigkeit zu mnfassen nur einem solchen Forscher möglich war. Aus den Resultaten, zu denen er gelangt, könnte man ein förmliches Armenpflege - Brevier zusammensteüen, das einen um so größeren Werth zu beanspruchen hat, als der ehrwürdige Verfaffer in'seinen jungen Jahren in Leipzig praktisch der Armenpflege sich widmete und daher in den von ihm aufgestellten Grundsätzen sich dft theoretische Erkenntniß mit der praktischen Erfahrung deckt. Dem in diesen Blättern zu Gebote stehenden Raum entsprechend können naturgemäß nur einige Hauptresultate angeführt. werden. Zunächst seien ans der Vorrede des Sohnes, welcher aus. dem Nachlasse des Vaters nach deffen Tode das Buch herausgab, folgende Satze hervorgehoben: ... . „Einem Volkswirthschastslehrer, der (Grundlage der National- Oekonomie, 8 16) bekannte, daß „die Religion ihm das höchste Ziel und" zugleich der tiefste Grund alles geistigen Lebens" sei, an deffen Sarge der Nachfolger im Amte anerkannte, daß „er die Religion selbst auf dem engsten Gebiete seiner Wissenschaft habe zu Worte kommen lasten", mußte die Armenpflege, das bedeutsame.Gebiet, auf dem Volkswirthschaft und Barmherzigkeit Zusammentreffen, als letzter Gegenstand seiner wissenschaftlichen Thätigkeit besonderen Anlaß zu dei Bewährung der Gabe bieten, Zeitliches im Lichte der Ewigkeit zu''betrachten." ... /. Daß bei der Gründlichkeit dieses Buches, das alle Länder und alle Zeiten umfaßt, die Armenpflege in Bibel und Talmud nicht vergeffen wurde und auf die betreffenden Stellen hingewiesen wurde, (S. 73 und 74) braucht wohl kaum hervorgehoben zu werden. : Es folgen nun die Hauptresultate, die für unsere speziellen Zwecke wichtig sind, in bunter Reihe nach einander und sollen theilw'eise weiter unten in näherer Ausführung praktisch zu verwerthen gesucht werden. ■4 „Ein Almosen ist nie -gleichgiltig: wenn es nicht nützt, so schadet es. Eine wirkliche Kur der Krankheit Armuth ist ohne genaue System der Armenpflege und Armenpolitik, Cotta Nachfolger 1894. Stuttgart,

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