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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-04 · Heft 36 (4.9.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 im Unterlande, in Bonau und Bayerthal. 1872 kam er als Schulverwalter nach Jhringen, wurde nach wenigen Monaten zum Hauptlehrer ernannt und hat 24 Jahre an diesem Orte sich um die Jugend und um die Gemeinde — die Ortswie die israelitische Gemeinde — vielfach verdient gemacht. Er war emsig, eifrig, unverdrossen, stellte sein Wissen und Können gern in den Dienst der Gesammtheit, ohne Lohn zu erstreben, die Schulsparkasse verwaltete er, Vertrauensmann des Pestalozzivereins und der gegenseitigen Bersicherungskasse der Lehrer war er, in der Synagoge half er aus, wo es Noth that, für die Konferenz schrieb er die zu autographirenden Hefte und Vorträge mit nicht zu ermüdender Freudigkeit. Anerkennung in den Berichten des Kreisschulrathes und des Bezirksrabbiners ward im regelmäßig zu Theil. Besonders ehrte es ihn, daß seine Rechnungsberichte (er war auch zugleich Gemeindeschreiber bei der isr. Gemeinde) vom großherzogl. Oberrathe der Israeliten im vorigen Jahre als Musterformulare herausgegeben worden sind. In Ehren hat er gewirkt und in Ehren ward er bestattet. Mehrere Klassen der gemischten Volksschule, an der er gewirkt, eröffneten den Leichenzug, dann reihten sich an die Lehrer des Bezirkes, die Religionslehrer der Konferenz, der Gesangverein und der Kriegerverein des Ortes. Dem Sarge folgten die Kinder, Verwandten, der Bezirksrabbiner und der evangelische Dekan, der Bürgermeister und der Synagogenvorstand, viele Einwohner aller Konfessionen und Vertreter der umliegenden Ortschaften. Die Feuerwehr (Pompiers) schlossen den Zug. Die Feier auf dem Friedhofe eröffnere ein Gesang der Lehrer — Süß ist die Ruh! — Der ergreifenden Rede des Rabbiners Dr. Lewin und der Ansprache eines Schwagers des Verstorbenen folgte ein Lied, vom Gesangverein vorgetragen. — Ein Braver ist hingegangen. — Sein Andenken sei gesegnet! Orstrrrrirh-Ungarn. □ Wien, 1. September. Dr. Lueger besuchte gestern Budweis. Auf dem Bahnhofsplatz wurde er mit den Rufen: „Nieder mit dem Pfaffenknecht!" „Pereat Lueger, Volksverräther!" empfangen. Die Menge stürmte auf den antisemitischen Agitator ein und umdrängte ihn bedenklich. In einer nicht zahlreich besuchten Versammlung fand Lueger nur bei den Tschechen Beifall. Bei der Abreise wiederholten sich die Entrüstungsszenen, und die Gendarmerie mußte Dr. Lueger vor Thätlichkeiten schützen. — Der bekannte Volksmann und Freiheitskämpfer Dr. Hans Kudlich hat an den deutsch-fortschrittlichen Verein in Troppau ein Schreiben gerichtet, in dem er die Antisemiten und ihre verhetzende Thätigkeit streng verurtheilt und ihrem zerstörenden Einflüsse all die Mißstände zuschreibt, die setzt unser schönes Oesterreich zerwühlen. Das Schreiben Kudlichs ist ein flammender Protest gegen die Schmach des Antisemitismus, sie ist eine aus berufenstem Munde stammende Anklage gegen die Schürer und Förderer dieser volksfeindlichen Bewegung und wird gewiß von Allen, die sich noch ein klares Verständniß für politischen Ansland, für Recht und Wahrheit bewahrt haben, beherzigt und verstanden werden. „Während," wie er sagt, „Slaven und Magyaren unausgesetzt am Gebäude ihrer Zukunft bauen und dazu auch jüdischer Hände und Gehirne sich gern bedienen — während England, Rußland und Nordamerika ihre Pläne machen, um die Weltherrschaft zu erringen und ganze Erdtheile zu annektiren, wird in Deutsch-Oesterreich die ganze politische Denkkrast beim Früh- und Spätschoppen krankhaft und leidenschaftlich erregt mit dem Frosch- Mäusekrieg gegen die Juden, Huers in perniciem!" — Der jüngst in Graz verurtheilte Antisemitenführer Feichtinger hat unter dem Titel „Grazer Wahrheiten" ein neues Wochenblatt gegründet. Bei der journalistischen Vergangenheit dieses Mannes darf man auf neue Skandalaffären gefaßt sein. Das Blatt wird, da sich in Graz kein Drucker dafür fand, bei Karpf in Leoben gedruckt. — Dr. Lueger hat auf einer seiner Agitationsreisen einen Mißerfolg erlitten. Der „Vorarlberger Volksfreund" schreibt über Herrn Lueger: „Was Dr. Lueger in Bregenz, Götzis und Dornbirn dreimal nach einander gleichlautend herunterleierte, war ein unzusammenhängendes Sammelsurium von schlechten Witzen, gerade gut genug für den Wiener Pöbel und anderen großstädtischen Mob, der nicht denken kann, sondern lachen, schimpfen und raufen will. Aber zur Ehre unserer Bevölkerung in Stadt und Land kann es gesagt werden, dem Vorarlberger ist solches Geschwätz zu dumm. Lueger erzählte den Bauern, daß sie durch jüdische Zwischenhändler und durch Wechsel zu Grunde gerichtet werden. Da mußte sich doch der einfältigste Bauer denken, wenn mir sonst nichts fehlte, wäre ich wohl zufrieden, und wenn mich der gefeierte „Volksmann" von nichts Anderem zu befreien weiß, als von den Juden, die ich selten, und von den Wechseln, die ich gar nie sehe, so kann er mir gestohlen werden." — Ein walachischer Geistlicher, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das blöde Märchen vom Ritualmord von der Kanzel herab zu verbreiten, wurde der Staatsanwaltschaft wegen Aufreizung gegen eine Religionsgenossenschaft angezeigt. — Im blühendsten Mannesalter ist vor wenigen Tagen in Ems der Direktor der österreichischen Diskonto-Gesellschaft, Dr. Jacques Fischer, gestorben. Der Verstorbene war ein Neffe Dr. Fischhofs und betreute diesen in seinen letzten Lebenstagen. Dr. Fischer, welcher sich allgemeinster Achtung und Beliebtheit erfreute und ein guter Jude war, hinterläßt eine Wittwe und drei unmündige Kinder. — Außerdem ist hier der ehemalige Direktor der Bodenkreditanstalt, Maximilian Ritter v. Stengel, im 59. Lebensjahre gestorben. Rußland. VN. St. Petersburg, 28. August. In den am meisten mit Juden bevölkerten westlichen und südlichen Gouvernements Rußlands gelangte in den letzten Wochen eine Negierungsmaßregel zur Durchführung, welche zwar nicht als direkt gegen die Juden gemünzt zu bezeichnen ist, welche aber für einen großen Theil der jüdischen Bevölkerung jener Gouvernements die verhängnißvollsten Folgen nach sich ziehen muß. Wir meinen die Einführung des Regierungsmonopols auf Spirituosen. In jenen Gouvernements, dem sogenannten Ansiedelungsrayon, befanden sich Fabrikation und Vertrieb von Spirituosen fast ausschließlich in den Händen der Juden, und Zehntausende von jüdischen Familien fanden hierbei Arbeit und Brod; diese alle sind mit einem Schlage brodlos geworden und wissen nicht, was sie nunmehr beginnen sollen. Anfangs hatte man gehofft, daß wenigstens in den hauptsächlich von Juden bewohnten Städten des Ansiedelungsrayons den Juden der Ausschank von Spirituosen unter staatlicher Kontrole weiter belassen werden würde, allein diese Hoffnung sollte sich nur zu bald als trügerisch erweisen. Die Fabrikation und der Vertrieb von Spirituosen scheinen zu einer so heiligen Angelegenheit avancirt zu sein, daß sie durch jüdische Händler profanirt würden, denn die Juden werden von diesem Erwerbszweig zwar nicht durch das Gesetz, wohl aber auf administrativem Wege gänzlich ausgeschlossen. In den Verträgen der Regierung mit den christlichen Brennereibesitzern, Grossisten rc. ist sogar die ausdrückliche Bedingung enthalten, daß dieselben in ihren Betrieben keine Juden anstellen dürfen. Ob diese letztere Maßregel durchführbar sein wird, bleibt freilich abzuwarten; in den meisten Städten des Ansiedelungsrayons dürste es schwer werden, für die jüdischen Angestellten und Arbeiter einen ausreichenden Ersatz zu finden. Aus mehreren Städten des Südens wird auch bereits mitgetheilt, daß die Monopolverwaltung selbst gezwungen war, jüdische Arbeiterinnen anzustellen, weil in Stadt und Umgegend keine mit den einschlägigen Arbeiten vertrauten christlichen Arbeiter zu finden waren. Der Ausschluß der Juden vom Handel mit Spirituosen ist ein alter Herzenswunsch der antisemitischen Presse, in solcher Vollständigkeit hat aber auch diese ihn nicht erhofft. Man kann sich daher denken, welcher Jubel in derselben über den. neuen Erfolg der nationalen Politik herrscht. Die antisemitische Presse hat auch vollkommen Grund zum Frohlocken, insofern, als diese Maßregel den Ruin von Zehntausenden jüdischer'Existenzen bedeutet; ob sie aber dem Lande thatsächlich Vortheil bringen, insbesondere aber mit dem Ausschluß der Juden vom Schankgewerbe die Trunksucht der Bauern abnehmen wird, muß noch sehr bezweifelt werden. Die Statistik wenigstens zeigt, daß gerade in denjenigen Gouvernements, wo Juden überhaupt nicht, am wenigsten als Schankwirthe, wohnen dürfen, die Trunksucht am meisten grassirt. Eine Eindämmung der Trunksucht dürfte sich übrigens von dieser Maßregel im Ernst auch Niemand versprochen haben; es kam blos daraus an, eine günstige Gelegenheit auszunutzen, den Juden etwas am Zeuge zu flicken. Das Monopol nebst seinen Bestimmungen in Betreff der Juden erstreckt sich übrigens auch auf die Fabrikation und den Vertrieb von Wein, wodurch den Juden die Möglichkeit genommen ist, zum Gebrauch in der Synagoge „koscheren" Wein zu erhalten. Der Synagogenvorstand zu Nikolajew hat daher bereits an das Ministerium ein Gesuch gerichtet^ daß mindestens einem Juden gestattet werde, Wein zu gottesdienstlichen Zwecken herzustellen.

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