Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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wie ungerecht die Angriffe und Vorwürfe sind, die man gegen die Juden in Rußland zu erheben geneigt ist. Wir sehen hier die Thätigkeit der Gesellschaft in hellstem Lichte, Kultur und Bildung ) unter den Juden in Rußland zu verbreiten, .vor allem durch Schulen, dann aber auch durch geeignete Schriften. Die Schulen dienen vorzüglich dem Handwerk, und dem Ackerbau. Wir erblicken , die Schlosserarbeiten der jüdischen Handwerkerschulen zu Sinferopol, Krementschug und Lodz, die Schmiedearbeiten der Handwerkerschule zu Wilna, Schuhmacher- und Buchbinderarbeiten der Handwerkerschule zu Odessa,' künstliche Blumen aus der Mädchenschule zu Odessa, ferner zahlreiche Pläne und Modelle dieser und. ande.rcr Anstalten, Schulbücher in russischer Sprache, dann eine reiche Kollektion seltener oder blos noch in einem Exemplare vorhandener Handschriften und alter Druckwerke und — als etwas einzig -Dastehendes — eine Sammlung altjüdischer Ornamentik von seltenem Kunstwerth. Viel bewundert wird auch insbesondere die Adresse der Jndenschaft von Polotzk an die Kaiserin Katharina II. ans dem Jahre 1780, welche, in Königsberg in 'Pr. hergestellt, in drei Sprachen, Französisch, Deutsch und Hebräisch, abgefaßt ist und von Kennern als ein Kunstwerk ersten Ranges bezeichnet wird (Sie befand sich in der Hinterlassenschaft des Fürsten Potemkin .und ist jetzt Eigeilthum der Gesellschaft.) Das Interessanteste aber ist die landwirthschastliche Ausstellung einer jüdischen Farm, welche vor einigen Jahren bei Odessa gegründet wurde, um jüdische Knaben zum Ackerbau zu erziehen. Die mitausgestellten Photographien der Schüler dieser Anstalt zeigen uns frische, wettergebräunte Gesichter, kräftige und elastische Gestalten. Es ist ein wahrhaft erfreuliches Bild. Selbst das steinerne Herz des Grafen Jgnatieff soll von Rührung erfaßt worden sein, als der Urheber der Judengesetzgebuug diesen Pavillon verließ. Nicht welliger erfreulich sind die Prospekte, welche in diesem Pavillon über die Thätigkeit der Gesellschaft verabfolgt werden. Dieselbe zählt jetzt über 1800 Mitglieder in Rußland und hat ein Jahresbudget von über 70 000 Rubel. Nebenbei erfahren wir auch, daß die Anzahl aller .jüdischen Schulen in Rußland etwa 500 be- - trägt. Voll diesen nilterhält die Regierung 110, die übrigen werden von Einzelnen oder von Genleinden erhalten und die Gesellschaft unterstützt dieselben. Als ich in diesen! Pavillon war, besichtigte : gerade auch ein russischer Erzbischof diese kleine Ausstellung, und man kann sich gar nicht vorstellcn, wie lebhaft sich dieser hohe Geistliche für jedes einzelne Objekt interessirte und mit. welcher Wärme er sich über das Wirken der Gesellschaft aussprach. In der That einen größeren Kiddusch haschem kann man sich kaum denken, und die Stunde, welche ich dort verlebt, gehört zu den interessantesten meiner ganzen Reise. Als besondns charakteristisch will ich aber, noch Eines hervorheben: Fast in stinem Pavillon hatte ich, der ich des Russischen leider nicht mächtig bin, irgend welche Schwierigkeiten, um. mich mit den Vertretern zu verständigen. Es ist erstaunlich, wie viele Russen deutsch sprechen können — wenn sie nur wollen; nur der junge Mann in dem Pavillon d.er „Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" war der Einzige inder ganzen Ausstellung, der auch n i ch t e i n W o r t D e n t s ch sprechen konnte! Im Uebrigen bietet.die Ausstellung eigentlich nur noch iiuder Kunsthalle eine Anzahl von Bildern und Statuen, die uns besonderes Interesse abgewinuen können. Einige jüdische Maler und Bildhauer, wie Hirschberg, Ginsberg und vor allem der ausgezeichnete Antoko.lsky, haben Vortreffliches ausgestellt. Das interessanteste Objekt aber-war für mich das Bild eines Russen, dessen Name mir entfallen ist und das einfach den Titel führt: „Eine Akademie im Orient". Kenner werden allerdings bald errathen, welche Bewaudtniß es mit dieser Akademie hat. Es ist nämlich ein Bet Ha-Midrasch in irgend einer Stadt des Orients. Das Bild ist von einer Wahrheit der .^Charakteristik und Genialität der Auffassung, wie man sie nicht oft findet. Vorn der alte Rabbiner in seinen weiten ^Talith eingehüllt — wahrscheinlich nach deiil Morgengottesdienst — aus einem Talmud- . folianten vortragend, im. weiten Raum der Vorhalle zur. Synagoge der Kreis andächtig lauschender Zuhörer in ihren orientalischen Gewändern, nach der Sitte des Landes mit über einander geschlagenen l Beinen auf der Erde hockend. Fast so intereffant wie die Betrachtung des . Bildes war es, die Bemerkungen der Zuschauer zu hören, namentlich der russischen Bauern und Kleinbürger, die rathlos hier : vor einer fremden Welt standen, welche sie sich nicht zu deuten wußten. Einen eigenthümlichen Eindruck bietet für den Besucher der. Stadt selbst der reizvolle Kontrast zwischen der modernen, eigentlich internationalen Ausstellung und dem Jahrmarkt, der wieder eine kleine Stadt für sich ist. Aber im Ganzen sieht man auf der Ausstellung mehr Juden als auf dem Jahrmarkt. Umsomehr habe ich mich gewundert, dort ein großes, rothes Plakat zu finden, das . in fetten Lettern zunächst die Warnung enthielt: Räuchern tur me nischt! Und dann erst das Verbot in russischer, darauf in französischer .und zum Schluß in deutscher Sprache: Rauchen verboten. Die Administration des Jahrmarkts muß ja doch wohl auf jüdische Besucher ganz besonders rechnen und deren Rauchlust vor allem in Betracht ziehen. Nicht weniger verwundert war ich, als ich in der Stadt, die keine Juden duldet, schon am ersten Tage zu meiner nicht geringen Freude eine Tafel mit der Aufschrift fand: „Rjessto'ran jewereisky“. Also ein jüdisches Restaurant in Nischni-Nowgorod! Nicht weniger interessant wie die Ausstellung und der Jahrmarkt ■ ist die Stadt Nischni-Nowgorod selbst. „Wer Nischni-Nowgorod nicht von der Wolga aus gesehen, der kennt Rußland nicht", sagt ein altes Sprichwort. In der That ist das Bild der ganzen Stadt vom höchsten Punkte, des oberen Bazars, aus gesehen -eines der interessantesten, das nian sich vorstellen kann. Zu Füßen liegt die weit ausgedehnte Stadt, der Jahrmarkt, die Ausstellung, alles elektrisch beleuchtet. Das Auge schweift aber weit über den großen Hafen in die Ferne, über das mächtige Wassergebiet der Wolga bis zu dem intensiven Abendroth, das den Horizont in malerischer Weise begrenzt. Es ist ein Bild von seltenem Reiz und einer Farbenpracht, wie man sie nur noch in der Campagne wiederfindet. Aber es ist merkwürdig, wie wenig Leute in Nischni an diesem wunderbaren Naturschauspiel Vergnügen finden. Ich habe auf diesem Hügel, selbst an den schönsten Sommerabenden, nie viel Leute getroffen und konnte mich deshalb ruhig meinen Träumen hingeben, die mich in die seltsame, bunt bewegte Geschichte dieser Stadt fast um ein Jahrtausend zurückführten. Bis hierher reichte damals das Szepter der Chazaren. Jüdische Könige haben also damals über dieses Landgebietj geherrscht, und die russischen Fürstenstämme, - im Tributverhältniß zu ihnen, brachten ihnen zu den alljährlichen Messen nach Jtil reiches Pelzwerk als Tribut. Vom Süden kamen die Perser und Inder hierher, vom Osten die Bojaren, vom Norden -die Bulgaren und aus dem Centrum die Slaven. Ströme von Mut flössen um die Hügel, welche jetzt den mächtigen Kreml bilden. -Erst im 13. Jahrhundert wurde hier die Stadt Nischni-Nowgorod gegründet. Ein wilder Nomadenstamm hatte den anderen abgelöst, und die Chazaren waren bereits bis an das äußerste Ende, bis in den Süden Rußlands, zurückgedrängt. Welch' eine weite Perspektive geschichtlicher Phantasie eröffnet dieser Gedanke! Vor tausend iJahren haben hier jüdische Könige geherrscht, und heute dürfen hier siicht einmal jüdische Sklaven wohnen. G. K. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.