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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-04 · Heft 36 (4.9.1896) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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Frauensbild"x) Fanny sei. Bei Manchen war das freilich nicht sehr angebracht. Eine Mutter einer heirathsfähigen Tochter sagte: „Geld macht einen schön und gescheidt;" eine Andere bemerkte schroff: „Wenn sie nicht Reb Rephols Tochter wäre, würde sie Niemand anschauen." uitb Chaim Schuster sagte mit seiner unwiderstehlichen Komik: „Ist das Schloß-Frailain dagewesen? Ich fürchte, die wird müssen einen Galich (katholischen Priester, Chaim glaubte hochdeutsch zu sprechen, wenn er statt Galech, Galich sagte) heirathen, damit sie einen Mann bekommt, der diese Perle zu würdigen weiß." „Sorel," fuhr er, durch allgemeinen Beifall ermuntert, fort, indem er sich an seine Ehehälfte wandte, „Sorel, wie glücklich würde ich sein, wenn Du thätest so gebildet. Ich möchte nicht keine Pantoffel flicken und SDu möchtest nicht keine Gänse stopfen, wir thäten von früh bis Nacht nur teutsche Bücher lesen und wären glücklich." Die Anwesenden schüttelten sich vor Lachen. „Abraham," wandte er sich an den Helden des Tages, „wenn Du einst heurathest, suche Dir nur eine gebüldete Fru." Alle Anwesenden amüsirten sich aufs Trefflichste, denn des Menschen Trachten ist böse von Jugend auf, wie schon die heilige Schrift lehrt, und selbst für diese frommen Leute war kein Vergnügen vollständig, wenn sie sich nicht auf Kosten ihres Nebenmenschen lustig machen konnten. Der auffällige Unistand, daß Reb Rephoel sich so herablaffend gegen Mordche benahm, wurde schon weniger kommentirt. Man war daran gewöhnt und sagte zur Erklärung des Verhältnisses: „Mordche ist ein Hausjud." Hatte jeder Gutsbesitzer, Geistliche und Beamte ein jüdisches Faktotum, warum sollte der reiche Jude sich dieses Luxusmöbel versagen? (Forts, folgt). Von der Meise. ui. s ist ein weiter Weg, auf dem mich meine Leser heute begleiten müssen: Bon Petersburg nach Nischni-Nowgorod, also etwa 25 Stunden. Aber auf dem Flügelroß der Phantasie legt man solche Entfernungen ja rasch zurück. Es ist überhaupt etwas Eigenes um die Gestalten der Phantasie, welche vielleicht die einzigen von früher Jugend bis ins späte Alter uns treu-bleibenden Freunde sind. Als ich noch ein kleines Bübchen war und mit der großen Schulmappe auf dem Rücken in die jüdische Elementarschule meiner Heimath lief, da war es immer die Geographiestunde, welche mich am mächtigsten angezogen hat. Nicht gerade durch beit Vortrag des Lehrers, wohl aber durch die Arbeit meiner Phantasie, welche die Städte und Länder, die wir durchflogen, mit den seltsamsten Gestalten bevölkerte. Wie heute erinnere ich mich noch meiner großen Aufregung, als uns der Lehrer von Nischni- Nowgorod und von der großen Weltmesse, die dort alljährlich stattfinde und zu der alle Völker des Orients herüberkämen, erzählte. Kaum war ich uach Hause gekommen, so quälte ich meiuen seligen Vater mit der Bitte, mir von Nischni-Nowgorod etwas mehr zu erzählen. In dem großen Schrank der Bücherei meines Vaters befand sich ein mehrbändiges Werk, auf dessen Titel ich mich nicht mehr besinnen kann, das aber eine malerische Reise durch Rußland, mit Holzschnitten reich verziert, enthielt. Dieses Buch holte mein guter Vater aus dem Schrank und gestattete mir, ihm aus demselben das Kapitel von dem Jahrmarkt zu Nischni-Nowgorod vorzulesen. *) Grazie. Seither ist mir der Name in fester Erinnerung geblieben. Und als ich in diesem Sommer in beu Zeitungen die Nachricht las, daß dort eine allrussische National-Ausstellung stattfinden werde, reifte in mir der Entschluß, diese Phantasiestadt meiner Jugend nun auch einmal wirklich kennen zu lernen. Ich darf es wohl sagen, das; hier einmal — was doch sonst im Leben selten vorkommt — die Wirklichkeit die Phantasie weit übertrifft. Nischni-Nowgorod ist eine der interessantesten Städte der Welt: die Stadt sowohl wie der Jahrmarkt und die Ausstellung nicht minder. Aber es handelt sich ja heute nicht darum, eine ethnographische Beschreibung meinen Lesern zu geben, sondern vielmehr nur dasjenige herauszuheben, was auch in dieser Stadt für uns als Juden von besonderem Interesse sein könnte. Nischni-Nowgorod gehört leider ebenfalls zu den Städten, welche, wie einst das alte Jericho, den Israeliten „doppelt verschlossen" sind. Juden dürfen in Nischni-Nowgorod nicht wohnen und auch nicht dahin kommen. Es mögen wohl etwa 12 Jahre her fein, daß dort eine furchtbare Judenhetze ausbrach, eine der blutigsten, die die Geschichte des modernen Rußlands zti verzeichnen hat. Zur Strafe dafür — wurden die Juden ausgewiesen! Nur eine kleine Zahl, theils Kaufleute erster Gilde, oder Ehrenbürger, ausgediente Soldaten n. s. w. durften dort bleiben. Während der Messe wird allerdings eine Ausnahme gemacht. Schon im Mai etablirt sich in dem Haupthaus „Glavny dom", dem Mittelpunkt der Jahrmarktsverwaltung, eine sog. jüdische Konnnission, d. h. eine Kommission von Beamten, die die Pässe der ankommenden Juden zu revidiren und zu bestimmen haben, ob und wie lange dem Einzelneil der Aufenthalt zu gestatten sei. Als ich Mitte Juli von Nischni-Nowgorod abreiste, hatten im Ganzen 800 jüdische Kaufleute diese Erlaubnis; erhalten, eine verschwindend geringe Anzahl, wenn man bedenkt, daß die Messe von Nischni-Nowgorod von 2—300,000 Kaufleuten besucht wird. Auch hier nmß jeder jüdische Reisende mit feinem Paß selbst auf den Kreml gehen und um die Erlaubnis; bitten, bleiben zu dürfen. Daß mir diese Demüthigung erspart blieb, danke ich den ausgezeichneten Männern, welche die Allsstellung leiten, und welche, über alle Vorurtheile erhaben, in jeder Beziehlmg voll wahrhaft humanen; Geiste erfüllt sind. Man sollte nun meinen, das; die Ausstellung bei solchen Schwierigkeiten von Jllden gar nicht beschickt worden sei. Weit gefehlt, eine reiche Anzahl jüdischer Firmen aus Moskau, Petersburg, Warschau und Lodz, aus Odessa und Kiew haben dort ausgestellt, und einzelne ihrer Pavillons und Vitrinen gehöreli zu den hervorragendsten und sehenswerthesten der ganzen Ausstellung. Ich zitire das Wort eines sehr angesehenen und unterrichteten hohen russischen Beamten, der mir wiederholt erklärte, daß am Tage der Eröffnung nur die Pavillons fertig tvaren, welche — Jllden, Deutschen oder Polen gehörten. Ich bedaure lebhaft, daß mit* der Katalog der Ausstellling auf der Reise abhanden gekonlmen ist, alis dem ja leicht eine Statistik der jüdischen Aussteller hätte gezogen werden können. Aber auch ohne jede Statistik — und was solleil am Ende diese Zahlen? — zeigt schon eine flüchtige Wanderllllg dllrch die Rüuule der Ausstellung die Thätigkeit der Juden auf allen Gebieten der Jlldustrie uub des Handels in Rußlaild im hellstell Lichte. Voll ganz besonderem Interesse ist aber auf der Allsstelllllig ein kleiner Pavillon, llämlich der der „Gesellschaft zur Verbreitmig der Bildung unter den Juden in Rußland," eines äußerst wohlthätig wirkenden, voll vortrefflicheil Männern geleiteten Vereins, deffen Bestreben bei uns noch lange nicht gekannt uild gewürdigt ist. Der Pavillon ist zwar klein, aber seine Ausstellungsobjekte sind für uns von höherem Werth als alle anderen, denn er zeigt uns,

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