Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-04 · Heft 36 (4.9.1896) · p. Seite 430

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228185--53082-3258741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

' -■ ii—n-~m—ii-- ||= | FEUILLETON | lUifflUiüimRi&AJ» Ti Hi ttfrOTtXrMSS Andere Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben der jüngsten Vergangenheit, von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) Achtes Kapitel. Die Barmizweh-Gratulauten. ls Neb Nephoel fcon der Synagoge nach Hanse kam, sagte er zu seiner Frau: „Rachel, zieh Dich nicht aus, wir wollen gleich nach Tische zn Mordche gehen. Ich bin nicht gerne da, wo sich Alles zusammendrängt. Es ist auch besser, man weicht diesen Söhnen Joktans') aus, wo man kann. Schicke zwei Flaschen Wein und koschere Küchel hin und halte die Geschenke bereit." Rachel gehorchte natürlich, blieb in ihrem schweren Brokatkleide, behielt ihre goldene Uhr mit der Monstre-Kette, die zweimal um den Hals geschlungen noch immer zn lang war, ihre Diamantringe, welche alle acht ringfähigen Finger zur Hälfte bedeckten, und den silbernen Schlüsselhaken, der zu dem vollen Staat für den Synagogenbesuch gehörte, selbst die goldene Haube wurde in der Nähe auf ein Bett gelegt. Neb Nephoel machte sehr wenig Besuche, er ging höchstens, wie es das Gesetz vorschreibt, zu Trauernden in „Schiwe". Eine Gratulationsvisite von ihm war eine hohe Auszeichnung, die nur den Wenigen wiederfuhr, die er als ebenbürtig betrachtete oder ans irgend einem Grunde über den gemeinen. Haufen stellte. Viele Häuser des Ortes, in dem er ausgewachsen war, hatte er nie betreten, obwohl sonst die Bewohner der Gasse sich wie eine Familie in Freud und Leid betrachteten. So war dieser Entschluß Reb Nephoels, seinem Mittagsschläfchen zu entsagen, das am Sabbath ein frommes Werk ist, und dafür Moroche zu besuchen, ein Ereigniß von derselben Bedeutung, als wenn Fürst Bismarck bei einem seiner Förster zu einem Taufschnwus erscheinen würde. Es war daher keine kleine Ueberraschung für Mordche, der noch bei Tische saß, als er die Thür aufgehen sah und Reb Nephoel mit Rachel und allen ihren Diamantringen und seiner Tochter Fanny eintrat. Natürlich sprang Alles auf, um in der kleinen Stube, so gut es ging, Platz zu machen und den Tisch abzuräumeu, aber Neb Nephoel sagte: „Keine solchen Umstände, eßt zuerst auf." Selbstverständlich wurde betheuert, daß mau schon längst aufgeqessen hätte und nur dasitze, weil man sich auf so hohen Besuch nicht gefaßt habe. „Nun." meinte Neb Nephoel, „thut erst benschen." Er selbst that auf einen angeboteuen Trunk Bescheid, damit sie das solemne gemeinsame Tischgebet verrichten konnten, zn welchem drei männliche Personen nöthig sind. Jetzt erst, nachdem Gott seinen Thcil bekommen hatte, durfte' der Konversationston eintreteu. Neb Nephoel reichte Mordche die' Hand und sagte: „Ich wünsch' Dir, Du sollst ihn erziehen zur Thora, zur Chuppa und zn frommen Werken", worauf Mordche' sehr gerührt „Amen" sagte. Zu Frau Channe gewendet, sprach er: „Ich muß Euch sagen, Ihr habt Ehre eingelegt mit Awromeles Leieueu. Wenn er sich zu allem so stellen wird, wird ein ganzer' Mann aus ihm werden. Ich wünsche Euch nur, Ihr sollt es zu Gutem erleben." Ueber Channes Wangen rollten die heißen Thränen, die sie ' vergeblich mit dem Zipfel ihrer Schürze zu trocknen suchte, und unter stetem Schluchzen brachte sie die Worte hervor: „Gott soll's Euch bezahlen, Reb Nephoel, wie Ihr an uns gehandelt habt." „Macht keine Narrischkeiten" lautete die Antwort, „er hat aus dem Sepher meines Großvaters geleimt, der Friede sei mit ihm, da konnte ich doch nicht zugeben, daß er am Ende einen umgewendeten Nock tragen sollte." Nachdem auch Frau Rachel die üblichen Hoffnungen ausgesprochen hatte, daß die Eltern des tapferen Darstellers von Israels Wiistenwanderung an ihrem verheißungsvollen Sprößling „bis hundert Jahr" nur Freuden erleben sollten, trat Fanny an Awromele heran und sagte in ihrem gewählten Deutsch, welches Chaim Schuster mit ergötzlicher Komik nachzuahmen wußte und das Mosche Reb Salme Wolfs für religiös bedenklich erklärte: „Abraham, ich habe Dir ein Beutelchen für Deine Gebetriemen angefertigt, es ist ja nach seinem äußeren Werthe nicht sehr bedeutend, aber ich dachte, weil es von mir gestickt ist, würde es für Dich einen persönlichen Werth als Andenken haben. Auch hat meine Mutter diese silbernen Gehäuse für Dich bestimmt." „Ja, die kommen vom Vetter Reb Oscher her, der hat sie aus Italien mitgebracht, wo er Korallen eingekauft hat," fiel Rachel ein. „Thu nur ehrlich dawenen^ Awromele." Der Angeredete war stumm vor Erstaunen und Entzücken. Er hatte Fanny bisher immer nur wie eine Halbgöttin betrachtet, und jetzt sprach sie zu ihm so menschlich, gab ihm einen sammtenen Tefilliubeutel mit einer eingestickten Goldkrone und diese silbernen Gehäuse, wie sie gewiß kein Kind der Gasse besaß. ' Was Wunder, daß er sich so benahm, als wäre ihm eine wirkliche Fee erschienen und hätte ihm die Erfüllung der obligaten drei Wünsche angeboten? Dafür brach sich Channes Beredtsamkeit um so ungezügelter Bahn, und sie schwor bei ihrem Leben, daß der Glückliche, dem Fannys Hand einst zu Theil werden würde, der Beneidenswertheste aller Sterblichen sein müsse. So eine feine Wirthin, so „gelernt" und so gut war nach Channes von den heiligsten Schwüren begleiteten Versicherungen noch gar kein Mädchen gewesen, seit die Welt besteht, die vorsintfluthliche Periode selbstverständlich eingeschloffen. Reb Nephoel schmunzelte stillschweigend, während Rachel freudestrahlend sagte: „Sie ist zwar mein Kind, aber das kann ich ihr ins Gesicht sagen, sie ist ein getroffenes Kind," worauf Fanny mit schmollend aufgeworfener Lippe schmachtend dazwischen warf: . „Mutter, Du und Frau Channe könntet mich eitel machen, wenn ich gegen derlei nicht gewappnet wäre." Inzwischen kam neuer Besuch, und Neb Nephoel erhob sich. „Es muß für andere Leute Platz bleiben," erwiederte er auf Mordches Protest. An der Thüre wandte er sich um, als hätte er sich gerade an etwas erinnert: „Mordche," sagte er, „wenn Du kannst, komm heute Abends nach Hawdole^) zu mir." Inzwischen war den ganzen Nachmittag die Stube nicht leer geworden, und selbstverständlich mußte jeder Besucher Reb Nephoels Geschenke bewundern, und Channe wurde nicht nrüde, jedem Einzelnen zu betheuern, wie fein und gut und was für ein „Taam von einem i) Gesindel nach Gen. 10, 29. i) Beten. 2) Sabbathausgang.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.