Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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welche mir die seltsamsten Bilder und Erscheinungen vorgaukelte. So glaubte ich einmal deutlich, mit offenen Augen, am Hellen Tage, eine schwarze Frau auf einem gespenstigen Pferdevorbeisprengen zu sehen und ein andermal einen langen Geisterzug in weißen Gewändern an mir Vorüberschweben. Ueberhaiipt litt ich als Kind häufig an derartigen Hallncinationen und schrecklichen, immer wiederkehrenden Träumen, in denen mich riesige Fische 'mit ihrem weit geöffneten Nachen verfolgten und mit ihren spitzen Zähnen nach mir schnappten. Trotz dieser Träumereien war ich ein sehr lebhaftes, aufgewecktes Kind', das umsomehr von Vater und Geschwistern verzogen wurde, da ich das Unglück gehabt hatte, meine Mutter zu verlieren, als ich kaum vierzehn Wochen alt war. Nach allem, was ich später von ihr hörte, soll sie eine sehr schöne und gebildete Frciu gewesen sein; wie dies auch aus ihrer Hinterlassenen kleinen Bibliothek hervorging, in der sich unter anderen Büchern der „Phädon" und „Die Morgenstunden" von Moses Mendelssohn, sowie der „Väterliche Rath an meine Töchter" von Campe befanden. — Als jüngstes Nesthäkchen und mutterlose Waise wurde ich von der ganzen Familie verhätschelt, am meisten von meiner ältesten Schwester, welche Mutterstelle an nur vertrat und alles that, was in ihrer Macht stand, um mich so gut als möglich zu erziehen. Als ich sechs Jahre alt geworden war, nahm mein Vater für mich und meine noch nicht erwachsenen Geschwister einen eigenen jüdischen Hauslehrer an, da weder die evangelische noch die katholische Schule des Ortes seinen Ansprüchen genügte. Unser neuer Lehrer, ein junger, tüchtiger Mann, war zum Glück ein begeisterter Anhänger der Pestalozzi'schen Methode. Demgemäß suchte er uns in seinem Unterricht die nöthigen Kenntniste durch Anschauung beizubringen. Wir verweilten nur wenige Stunden des Tages in der Schulstube; dann führte er uns ins Freie und zeigte uns hier die Gegenstände, welche wir kennen lernen sollten, Steine. Pflanzen und Thiere, indem er uns zugleich auf ihre verschiedenen Eigenschaften aufmerksam machte. Während wir an dem kleinen Bache im Schatten eines Erlenbusches lagerten, erklärte er uns die Natur und den Lauf des Wassers, die dadurch bedingte Bildung der Inseln und Halbinseln und brachte uns so fast spielend geographische, naturwissenschaftliche und auch geschichtliche Kenntnisse bei. Unter solcher Anleitung machte ich schnelle und gute Fortschritte; ich lernte nicht nur leicht lesen und schreiben, sondern auch Nachdenken, und dachte mehr und verständiger, als sonst Kinder in so frühem Alter zu thun pflegen. Außerdem fehlte es mir nicht an geistiger Anregung, da in unserem Hause und auch in der Wirthschast ein lebhafter Menschenverkehr stattfand. Fast täglich kamen Fremde mit der durchfahrenden Schnellpost, Beamte aus der Umgegend, Freunde meines Vaters, die ihn besuchten oder mit ihm Geschäfte hatten. Wegen meiner Munterkeit und Zutraulichkeit gewannen mich diese Gäste lieb und erwiesen sich mir freundlich und wohlgesinnt, indem sie sich über meine dreisten, oft überraschenden Antworten freuten und über meinen frühreifen Verstand sich wunderten. Vor Allen schenkte mir der Steuerrath Suard aus Ratibor, der amtlich mit meinem Vater häufig zu thun hatte, eine gütige Aufmerksamkeit und beglückte mich zu meinem Geburtstag mit einem vollständigen Hnsarenanzng, sammt Säbel und Patronentasche, worauf ich nicht wenig stolz war. Auch von dem Herausgeber des „Ratiborer Anzeigers", einem Herrn Pappenheim, dem Vater des verdienstvollen Pädagogen, erhielt ich einen Tuschkasten, weil ich ihm gesagt hätte, daß ich ihn mit seiner großen Nase und seiner auffallenden goldenen Brille..abmalen wollte. Den tiefsten Eindruck auf mich machte aber die Ankunft des damals sehr bekannten Menageriebesitzers van Aken, der mit seiner schönen und liebenswürdigen Frau ans der Durchreise nach Troppau bei uns übernachtete. Ich gefiel dem kinderlosen und sebr reichen Ehepaar so gut, daß sie meinem Vater ernstlich anboten, mich förmlich zu adoptiren und für meine Zukunft zu sorgen; worauf er jedoch natürlich nicht eingehen wollte. Beim Abschied beschenkten sie mich mit einer Menge interessanter Gegenstände: mit Schlangen- 'häuten, Straußeneiern, schönen Vogelfedern und mit einem prächtigen ausgestopften Kolibri, sowie mit einigen seltenen ausländischen Gold- und Silbermünzen. Auch in unserer nächsten Umgebung lernte ich manche interessante und für mich merkwürdige Persönlichkeit kennen.' Da war der alte Beck, ein langer, hagerer Mann mit einem ganz grauen, verwitterten Gesicht, der unter Friedrich dem Großen Spionendienste geleistet hatte und dafür jetzt noch eine kleine Pension bezog; der Schuhmacher 'Koch, welcher noch immer einen langen Zopf trug, mit-dem er sich auch begraben ließ, und sein Sohn, der in den Freiheitskriegen tapfer mitgefochten und. dafür das eiserne Kreuz erhalten hatte; der kleine Tischler Jarkele, ein wahrer Tausendkünstler, der alle möglichen Handwerke verstand, Stuben malte, Fenster einsetzte, verdorbene Uhren reparirte, aber trotzdem auf keinen grünen Zweig kommen konnte; der originelle Dorfbarbier, der im Chirurgen-Examen durchgefallen war, weil die dummen Examinatoren, wie er zu sagen pflegte, ihn immer nur solche Sachen fragten, die er nicht wußte; ferner der Vetter Knebele, ein wohlhabender und sonst sehr tüchtiger Bauer, aber ein sogenannter Quartalsäufer, der sich nur zu gewissen Zeiten betrank und dann auf der Straße zum Gaudium der Kinder tanzte, mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit ein volles Schnapsglas auf seiner Stirn oder seiner Nase balancirend; die alte Chaje, eine arme jüdische Handelsfrau, welche alle Welt bat, ihr einen Brief nach „Merika" an einen vor dreißig Jahren ihr mit einer kleinen Summe durchgegangeneu Kunden zu schreiben, in dem festen Glauben, daß Amerika nicht viel größer als unser Marktflecken sei, und Jeder dort ihren Schuldner kennen müsse; endlich der jüdische Krämer, ein alter Mann mit silberweißem Bart und Haar, der den ganzen Tag in talmudischen Schriften und Gebetbüchern mit lauter Stimme las, überzeugt, dadurch ein gottgefälliges Werk 311 verrichten und die ewige Seligkeit damit zu erwerben. Trotz seiner Einförmigkeit und Gleichmäßigkeit bot mir das Leben auf dem Lande einen größeren Wechsel von wichtigen und selbst tragisch erschütternden Ereignisien, als unsere Großstädter ahnen. Zunächst verunglückte unser alter Oberknecht, der gute Valentin, den wir alle sehr lieb hatten, im Walde beim Einfahren des für unsere Brennerei und Brauerei nöthigen Holzes. Wie sein Begleiter, der zweite Knecht, Namens Joseph, berichtete, war der schwer beladene Wagen auf dem schlechten Waldwege umgeworfen worden und zwar so unglücklich, daß der arme Valentin einen Schädelbruch erlitt. Obgleich er. noch einige Tage lebte und die sorgfältigste ärztliche Behandlungihm zu Theil wurde,' kehrte sein Bewußtsein nicht mehr zurück. Da aber der zweite Knecht, ein noch junger rüstiger Mann, bald darauf die noch immer begehrenswerthe Wittwe des Verstorbenen heirathete, so wurde der Verdacht laut, daß der gute Valentin keines natürlichen Todes gestorben sei. An denselben Tage, au dem ein junger katholischer Geistlicher, der Sohn des Rademachers,. zur unbeschreiblichen Freude seinerfrommen Eltern die sogenannte Primiz feierte -.und seine erste Messe in der Kirche las, stürzte sich die anmuthige Tochter des jüdischen Krämers, die mich mit Mandeln und Rosinen zu versorgen pflegte, in den Brunnen und ertrank. Auch in diesem Falle war man geneigt, einen inneren Zusammenhang zwischen beiden Vorgängen und ein heimliches Liebesverhältniß zwischen dem katholischen Priester und dem schönen Judenmädchen anzunehmen.