Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 428 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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E % DM. m m m & m St$?V- Jugend nicht außer Acht gelassen werden. Bereits . vor mehr als einem Vierteljahrhundert' hat der Verfasser, jn einer Programmarbeit der israelitischen Religionsschule zu Magdeburgs, auf die Nothwendigkeit hingewiesen, die Jugend mit unseren Melodien be-. jfanni und vertraut zu machen mnd zu diesem Zwecke den liturgischen Gesang als gleichberechtigten Unterrichtszweig für den Lehrplan empfohlen. Als Hilfsmittel für den betreffenden Unterricht hat der Verfasser in Gemeinschaft mit seinem ehemaligen Amtsbruder Louis Liebling, einem gründlichen Kenner unserer alten Melodien, „Das Israelitische Schul-, und Gemeinde-Gesangbuch" (Schire beth Jacob)* 2) herausgegeben, das auch manche Anleitung für die ungeübten Vorbeter enthält. Der SchwerpunkMist da auf. den Gemeindegesang gelegt worden.: Die Herausgeber haben dabei die kleinen und mittleren Gemeinden, die aus bekannten Gründen nicht immer einen gemischten Chor haben können, im Auge gehabt. Durch die Schuljugend sollten die gottesdienstlichen Gesänge, insoweit solche für die Gesammtbetheiligung sich einigen, der Gemeinde übermittelt, zur lebendigen Theilnahme angeregt, gewissermaßen erzogen werden, was in vielen Synagogen bereits in erfreulicher Weise gelungen ist. Daß hierdurch zugleich für die Erhaltung unserer traditionellen Melodien gearbeitet wird, bedarf keines weitläufigen Beweises, Ueber die Bedeutung des Gemeindegesanges lind seine nothwendige Pflege soll in einem Schlußartikel in. ausführlicherer Form abgehandelt werden. Aus meinen Lebens-Erinnerungen. Von Max Ring. I. 1817 bis 1840. reine frühesten Erinnerungen reichen bis zum Kongreß in Troppau, bis zum Jahre 1820, doch bin ich nicht ganz sicher, ob ich diese ersten Erlebnisse meiner Kindheit wirklich behalten habe oder vom Hörensagen, durch die Erzählttilgen meiner nächsten Angehörigen kenne. Da mein Geburtsort, das Städtchen Zanditz, Kreis Ratibor, nahe an der österreichischen Grenze auf dem Wege nach Troppau liegt, so waren die Bewohner so glücklich, den König Friedrich Wilhelm IU. von Preußen und den Kaiser Alexander I. von Rußland auf ihrtr Durchreise zu sehen. Auf einem kleinen Hügel in der Mitte des damaligen Marktfleckens stand die versammelte Schuljugend unter der Aussicht ihrer Lehrer nnd begrüßte die'Ankunft der Monarchen und ihres.glänzenden Gefolges mit ©efniiß nnd Hnrrahschreien. Selbstverständlich fuhr mein Vater mit der ganzen Familie nach dem 'nur zwei Stunden entfernten Troppau, um uns das denkwürdige Schauspiel eines solchen Kongreffes in der Nähe zu zeigen. Von all den' geschauten Herrlichkeiten lind hohen Personen blieb jedoch nichts in meinem Gedächtnisse zurück, außer einem mehrere Centner schweren Mädchen in einer Schaubude und der Anblick der Soldaten, besonders der : schönen Ulanen, welche bei der zu Ehren des kurz vorher verstorbenen Feldmarschalls Fürsten Schwarzenberg veranstalteten Gedächtnißfeier an dem Sarkophag -als Ehrenwache standen mid die ich wegen ihrer statuenähnlichen, unbeweglichen Haltung für Wachsfiguren hielt. ’■*) Siehe „Der israelitische Gemeindegesang", Nr. 1. als Unterrichtsgegenstand der Religionsschule." 2) Leipzig 1880, Baumgärtner, gegenwärtig im M W. Kaufmann daselbst. ' ,,Die Liturgie Verlage von . , Bald darauf sollte ich in unserem Hause einen solchen Diplomaten, und zwar einen Staatsmann voll Angesicht zu Angesicht sehen, der in der preußischen Geschichte eine höchst bedeutenoe, aber auch sehr traurige Rolle gespielt hat. Es war dies der frühere Minister Graf : Haugwitz, der auf seiner Reise nach Italien meinen Vater besuchte, um von ihm Abschied zu nehmen. Mein Vater war nämlich in dem einst preußischen Herzogthnm Warschau auf einer dem Minister gehörigen Besitzung geboren und mit diesem als vierzehnjähriger Knabe nach Deutschland gekommen. Später übernahm mein Vater die Branntweinpacht auf den oberschlesischen Gütern des Ministers, der ihm sein unbedingtes Vertrauen schenkte. Nachdem Haugwitz aus dem Staatsdienst geschieden war, lebte er auf seinen Gütern zurückgezogen von der Welt als Privatmann. An der Spitze seines Haushalts stand eine Berlinerin, Madame Richter, deren ich mich noch ganz gut erinnere, eine stattliche Erscheinung, mit einem Gesicht, das noch immer die Spuren früherer großer Schönheit zeigte. Ihre beiden Söhne waren geadelt und führten einen polnischen Namen; ihre Tochter war mit dem Professor der Philosophie Mendelssohn, wenn ich nicht irre, einenu Enkel des berühmten jüdischen Gelehrten, verheirathet. Außerdem hatte der Minckter noch zwei Söhne aus legitimer Ehe, von denen der eine sich als lyrischer -Dichter bekannt gemacht hat. Wie ich aus nachträglichen diskreten Miltheilungen meines Vaters entnehmen konnte, besaß Hangwitz eine an Schwäche grenzende Gntmüthigkeit, welche von seinen Untergebenen vielfach gemißbraucht wurde. In seinem Aenßeren nnd seinem ganzen Wesen war er der grand seigneur vom alten Schlage, ein vornehmer Herr, fein gebildet und in Geldsachen stets uneigennützig. So lange er preußischer Minister war, nahm er kein Gehalt, weshalb ihm der König einige Güter in Südpreußen im Werthe von 2OO000 Thalern und außerdem 30 000 Dukaten zum Geschenk machte, welche mein Vater in Berlin ausgezahlt erhielt und nicht ohne große Besorgniß, daß das Geld ihm unterwegs geraubt werden könnte, glücklich nach Hause brachte. Zur Belohnung für all diese Dienste wollte der Minister meinem Vater unter äußerst günstigen Bedingungen eilt Staatsgut zuwenden, was jedoch mein Vater nicht annahm, weil ihm das dazu, nöthige Betriebskapital fehlte und er nicht den Muth hatte, sich in Schuldenzu stürzen. Abgesehen von dieser vornehmen Bekanntschaft, stand auch sonst mein Vater in gewissem Ansehen wegen seines allgemein geschätzten redlichen Charakters. Ohne eigentlich gebildet zu sein und ohne eine ordentliche Erziehung genoffen zu haben, besaß er einen natürlichen geraden Verstand und ein feines, sicheres Benehmen. das er sich im Umgänge mit Höherstehenden angeeignet hatte, Obgleich es ihm nicht an Geschäftssinn fehlte, fühlte er sich mehr zur Landwirthschaft hingezogen; weshalb er auch eine große ländliche-Besitzung pachtete und daneben die Branntweinbrennerei, Brauerei und Gastwirthschaft, betrieb. Diesem Umstande verdankte ich hauptsächlich meine Liebe zur Natur; an seiner Seite wanderte ich durch die Felder und Wiesen, auf denen Tausende von gelben, blauen und rothen Schmetterlingen um die bunten Blumen flatterten und glänzende Küfer im Grase herumschwirrten. Mit meinen Geschwistern zog ich in die nahen Lehmberge, um frische Haselnüsse zu pflücken, oder auf den Kartoffelacker, um mit dem dürren Kraut ein Feuer anzuznnden, in dem wir die ersten Kartoffeln brieten; ein Gericht, das uns-, bester als der schönste Braten schmeckte. , Unter der Obhut unserer Wirthschafterin Rosine, einer schmucken Frau, die mit unserem Oberknecht Valentin verheirathet war, verbrachte ich viele Stunden im Garten. Während ich auf dem Rasen lag,' überließ ich mich den Eingebungen meiner lebhaften Phantasie,