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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-04 · Heft 36 (4.9.1896) · p. Seite 427

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 427 (sequence 7)
Language
German
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nur noch im Gedächtnisse Einzelner leben, oder die versteckt in den Mappen und — Kehlen vieler Kantoren schlummern? Herr Profeffor Steinthal räth zu einer Sammlung und Sichtung des Materials, welches er sich oit§ drei verschiedenen Kategorien bestehend denkt. Die echte Forschernatur unseres gefeierten Gelehrten geht auch hierbei historisch zu Werke. Zunächst weist er auf die Neginoth, Accente, vuIZo den „Tropp" hin, macht dabei einen wissenschaftlichen Exkurs, der interessant und belehrend ist, und kommt zum Schluß, daß die öffentlichen Vorlesungen nach der alten Weise, und zwar in den bekannten fünf Charakteren geschehen sollte, weil der Vortrag ohne Tropp, also in rezitatorischer, deklamatorischer Form, leicht langweilig wird, ergo: müssen die Neginoth gesammelt, d. h. notirt werden. Dies ist nun bereits längst geschehen. Die Neginoth sind thatsächlich in ihrer Mannigfaltigkeit und „Vielgestaltigkeit" schon in Noten fixirt^) und bilden somit einen Lheil unseres musikalischell Besitzstandes, was also eine neue Sammlung überflüssig macht, es sei denn, man bearbeitete von jeder Art ein bestimmtes Kapitel, in bem sämmtliche Tonzeichen Vorkommen müßten, mit dem entsprechenden Texte als praktisches Uebungsmuster für angehende Vorbeter. — Damit würde dem praktischen Interesse ebenso gedient werden, wie dem wissen' schaftlichen eben durch die Aufnotirung schon gedient worden ist. Eine abschweifende Bemerkung sei indeß auch mir hierbei gestattet. Die Melodien der Neginoth in der gegenwärtig üblichen Form, selbst mit Berücksichtigung der Varianten bei ben Orientalen, Sephardim. Aschkenasim und Polen, können meiner Ansicht nach, und zwar vom rein mnsik-historischeli Standpllnkte aus betrachtet, ein hohes Alter unnlöglich aufweisen. Die Grulidzüge und Umrisse mögen längst vorhanden gewesen sein, die streng musikalisch-rhythmische Gestaltung aber ist das Produkt einer entwickelten Gesangskunst. Es läßt sich daher mit einiger Bestimmtheit annehmen, daß der Vortrag der Psalmen im Jerusalemischen Tempel auf höchst einfacher musikalischer Grundlage beruht haben muß, wobei vielleicht Pausalaccente als Ausis und Thesis beobachtet worden waren. Welcher Art die Tempel-Cantillation gewesen, entzieht sich aus bekannten Gründen unserer Beurtheilung. Fürwahr, ein schmerzliches Geständniß für den Forscher auf diesem noch unwegsamen Gebiete; jedenfalls dürfte aber das einfache T'hillim - Sagen, wie es in noch vielen Gemeinden an ben Jomim Noroim üblich ist, eher einen Anhalt dafür bieten, als die Neginoth. Denn alles Sagen oder Rezitiren im Sprechton ist zweifellos dem Singen vorangegangen. Haben so die ersten Tonzeichen zu einem pathetischen Vortrage gedient, so entwickelten sich dieselben später zur grammatikalischen und schließlich zur musikalischen Grundlage. Am meisten scheint der gregorianische Gesang noch Spuren der alten Tempelmusik aufzuweisen. In den ersten Jahrhunderten des Christenthums waren ja ohnedies verschiedene wesentliche Berührungspunkte mit dem Judenthum vorhanden; und lag es doch im wohlverstandenen Missionaren Interesse der ersten Christengemeinden, gewisse Alterthümer aus der Mutterreligion zu kultiviren. Andererseits war zweifellos der Sprachgesang der Griechen, der klassischen Künstler im rhythmischen Vortrage der Gesänge, von Einfluß auf die hebräische und damit auch auf die christliche Kirchenmusik gewesen. Waren doch eben die ersten Bekenner des Christenthums Inden und Griechen, eine Vereinigung, welche die Entwickelung des Gesanges in dem angegebenen Sinne sehr begünstigen mußte. i) Siehe die Werke von Sulzer, Deutsch, besonders aber B aers „Baal Tephillah", woselbst eine erschöpfende Behandlung der Neginoth zu finden ist. Schon das vulgäre „Tropp" deutet wohl auf griechischen Ursprung hin; denn die Bezeichnung „Tropi"*) im gregorianischen Psalmengesang, d. h. auf die Kirchentöne gebaute Grund- und Hauptmelodien, welche in den sogenannten „Kehrversen" auftreten, ist dem Griechischen entlehnt und nur latinisirt worden. Unfere Accente sind aber nichts anderes, als solche bestimmte Melodien, deren Benennung mit „Tropp" von „Trop'" oder „Tropen" abgeleitet zu sein scheint. Der Einfluß des Hellenismus aus das Judenthum überhaupt, wenigstens ans besten Litteratur, muß sich auf den gottesdienstlichen Gesang bemerkbar gemacht haben, denn gerade die Tonarteil unserer ältesten Melodien lassen einen solchen Schluß zu. Es würde indeß zu weit führen, hier in eine wissenschaftliche Untersuchung des angedeuteten, höchst wichtigen Gegenstandes einzugehen; das rnuß für eine spätere Spezialstudie zurückgestellt bleiben. Kehren wir nun zu unserer Aufgabe zurück. Die Befürchtung Steinthals, cs könnten mit der fortschreitenden Entwickelung des Kultus durch Weglassung mancher Gebete auch deren Melodien im Laufe der Zeit gänzlich in Vergessenheit gerathen, . ist insofern schon uilbegründet, als unsere Meister des Synagogengesanges in ihren Werken alles Material niedergelegt und es der Nachwelt als Erbgut hinterlassen habeil. Sache der Vorbeter ist es, sich dieses Gut cmzueignen und es beim Gottesdienste in geeigneter Weise zu verwerthen; denn darin stimmen wir dem Herrn Professor Steinthal aus vollem Herzen bei, daß das sogenannte Chasonlls auch in der modernen Synagoge nicht vernachlässigt werden dürfe. Jeder gesangfähige Vorbeter kann, mit unwesentlichen Modifikationen, unsere altehrwürdigen Melodien beim Vortrage der Gebete wirksaui verwerthen; und diejenigen modernen Kantoren fasseil ihren Beruf ' falsch auf, welche meinen, durch stiiilmliche Kraftmittel und instrumentaleil Effekt (Orgelbegleitung) allein schondie Zuhörer erbauen zu können; ein schwerer Jrrthum, der sich in der Folge an unserm Gottesdienst bitter rächen muß. Die Ausbildung berufsmäßiger Vorbeter scheint eine dringende Nothwendigkeit geworden zu sein, denn von dieser allein wäre die Erhaltung unseres Melodienschatzes und — vielleicht auch die Rettung des eigentlichen Chasonus zu erhoffen. Die Zllkunft wird es lehren, ob unsere Lehrerseminare, in Berücksichtigung des thatsächlichen Nothstandes, der Vorbildung zum Kantordienste mehr Aufmerksamkeit widnien, als es in den meisten derselben bislang geschehen. Der Mangel all der erforderlichen Zeit darf nicht inehr als ein Hinderniß für die Erfüllung einer Pflicht allgesehen werden, die in gleicher Weise den Gemeinden wie ben Lehrern selbst zll gute komlnen würde, zumal es sich immer nur lim einen geringen Prozentsatz der für diesen Beruf von Natur aus befähigten Zöglinge handeln kann. Es würde sich deshalb die Einrichtung besonderer Kurse empfehlen, in denen neben Musik (Klavier- und Violilispiel, Theorie) Gesang (Tonbitdullg) auch praktische Hebungen im Vorbeten unter Leitung eines tüchtigen Kantors und ebeilsolche im Vorlesen der Schrift als Hauptdisziplinen behandelt werden müßten. Wenn hierzu noch die Aneigliung unlfassenderer Keniltniffe des ganzen liturgischen Gebietes tritt, was nilerläßlich ist, so können nach Absolvirung dieses Spezialkurses tüchtige Vorbeter gewonnen werden, welche sich ihren Aufgaben mit gutem Erfolge in der Praxis werden widmeil könllen, zum Heile des Gottesdienstes, zur Förderuilg der Andacht und zur Belebung des religiösen Sinnes bei der herallwachsenden Generation. Ist nun einmal von der Zukunft die Rede — und Profeffor Steinthal ist ja um diese besorgt —, so darf die Schule und ihre J) Siehe Ambros, Geschichte der Musik, Bd. II, §. 18 und 103.

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