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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-04 · Heft 36 (4.9.1896) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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426 Am Nachmittage desselben Tages fand dann noch ein Festmahl im großen Saale' des Stadthauses, dem Junkerhofe, statt. Hier versammelte sich noch einmal das Gros der Gemeinde, um ihrer Freude über das glücklich zu Ende geführte Werk in ungezwungenen Formen Allsdruck geben imb all denen im Speziellen danken zu können, die feit Jahr und Tag an der Idee der Baues und ihrer praktischen Verwirklichung betheiligt gewesen, oder als gern gesehene Gäste von auswärts zur Feier gekommen. Endlos wie das Dankgefühl in der Brust aller Nächstbetheiligten schien auch die Zahl der ausgebrachten Toaste. Von allgeureinem Jllteresse und symptomatisch für das glückliche Verhältniß, in dem hierorts die Judenschaft mit den Mitbürgerll der arideren Konfessioilen lebt, dürfte der Toast des Herrn Bürgermeisters Brinkmann sein, den wir an dieser Stelle deshalb wiederholen: Wir leben, so etwa begann der Redner, in einer stürmischen, ich möchte sagen, wilden Zeit, in der längst verrottete Anschauungen sich wieder ans Tageslicht wagen. Falsche Begriffe von Ehre und Ehrgefühl werden wieder wach und trotzen besseren und aufgeklärteren Meinungen. Ganze Stände und Bevölkerungsklassen werden aufgerufen zum Kampfe des einen Standes gegen den anderen, der einen Klasse gegen die anderen Klassen. Vergessen sind die Lehren und Erfahrungen früherer Zeiten. Der große Preußenkönig Friedrich II. scheint umsonst gelebt und Lessing seinen Nathan umsonst geschrieben zu haben. Da will mir der heutige Festtag wie das Ausrichten einer besseren und schöneren Zeit erscheinen. Wir haben es ja heute gehört, daß die wahre Religiosität nichts anderes ist, als das Streben nach Wahrheit. Auch die hiesige Synagogengemeinde legte einen Beweis dieses Strebens ab, indem sie den Bau eines neuen Tempels in Angriff nahm und vollendete; denn sie hat die Religiosität ihrer Mitglieder fördern wollen. Und dann ist mit der heutigen Einweihung von ihr ein Sieg errungen, der den Mitgliedern der Gemeinde die Unbill der Zeiten und der Menschen wohl vergessen lassen kann. Deshalb gereicht es mir zur ganz besonderen Freude, als Mitvertreter der städtischen Behörden dazu ausersehen zu sein, die Synagogengemeinde zu dem wohlgelungenen Werke von Herzen zu beglückwünschen und ihr den Dank für die Einladung zur Feier auszusprechen. Mit noch mehr Stolz aber möchte ich behaupten, daß an Ihrem Feste die gesammte Königsberger Bürgerschaft freudigen Antheil nimmt. Denn gehobenen Hauptes und Ihrer Zustimmung sicher darf ich es wohl aussprechen: Hier in Königsberg leben die Bekenner aller Konfessionen in Frieden und Eintracht neben- und miteinander. Daß dem aber so ist, daran hat auch die hiesige jüdische Bevölkerung selbst kein ganz geringes Verdienst. Darf ich beginnen mit dem, was mir zunächst liegt, so nulß ich rühmend und dankend anerkennen die aufopfernde Mitarbeit und Hingabe unserer israelitischen Mitbürger nicht blos in der städtischen Verwaltung, sondern überhaupt in allen öffentlichen Angelegenheiten. Nur ungern und gewiß zum Schaden der Gesammtheit würden wir missen die Anhänger des mosaischen Glaubens in unserer Stadtverordneten - Versammlung, in unserem Magistrats - Kollegium, in den vielerlei Kommissionen und Deputationen, tu den städtischen und sonstigen Ehrenämtern. Und so manches schöne und gute Werk wäre unterblieben öder doch nur halb gediehen, wenn nicht unsere jüdischen Mitbürger mit Rath und That mitgeholfen hätten und noch nnthelfen würden. Und wie wenig beanspruchen sie selbst dagegen unsere Beihilfe, zufrieden allein mit den Privilegien, die ihnen schon lange zustehen. Ja, und wenn man die Listen derer durchsieht, welche aus städtischen Mitteln Unterstützung beziehen, so muß ich eingestehen, daß unsere jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen von der Armenpflege nur wenig Nutzen haben. Nicht daß ich meinte, mrrnnth käme bei Ihnen überhaupt nicht vor. Aber stärker als anderswo wirken bei Ihnen die Bande der Familienzusammengehörigkeit und der Freundschaft, groß und bewundernswerth ist Ihre Gattin- und Kindesliebe, und mancher glaubenseifrige Christ könnte sich hierin an Ihnen ein Vorbild nehmen. Wer endlich Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie häufig gerade die Herzen und Hände der' Juden sich öffnen, um auch fremde Noth zu lindern oder um segensreiche Einrichtungen für das Gemeinwohl zu fördern, der wird gern das Wort unseres Kaisers unterschreiben, daß christlich-sozial eigentlich ein Unding ist. Ist doch in der That Wohlthätigkeit, wie überhaupt jede edle Gesinnung, keiner einzigen Religionsgemeinschaft allein eigenthümlich. Und ist doch umgekehrt zu einem Gott wohlgefälligen Leben das Festhalten an. mehr äußeren Dingen und Gebräuchen nicht absolute Vorbedingung. Auch das hat man, wie mir wohl bekannt ist, in unserer Königsberger Synagögengemeinde längst eingesehen. Nicht abgeschafft sind die Gebräuche der Voreltern, wohl aber hat jedes Mitglied die Freiheit seines Thuns und Lassens, und dieser Nichtgebundenheit an Formen und Gebräuche entspringt dann wieder jene freiere Auffassung von göttlichen und weltlichen Dingen, die schon den weisen Nathan zierte und heute wie früher einen nicht zu unterschätzenden Vorzug, insbesondere des gebildeten Judenthums, ausmacht. Empfänglich für jede Weiterentwickelung des Menschengeschlechts, erglüht für Kunst und Wissenschaft, erfüllt von wahrer und echter Humanität, dabei folgsam den Staatsgesetzen und treu seinem Könige, so sehe ich im Geiste, und nicht ich allein, denselben Juden, den man ehemals verbrannte und dem heute nur noch verblendete Fanatiker seine Rechte kürzen wollen, so muß er Allen erscheinen, die nur gerecht sein wollen. Und wenn dereinst, vielleicht erst nach Jahrhunderten, die Gegensätze der Religionen und der Konfessionen sich derart ausgeglichen haben werden, daß der Mensch nur noch nach seinem inneren Werthe geschätzt und beurtheilt wird, alle andern Unterschiede dagegen bedeutungslos geworden sein werden, wenn das Menschenthum diesen Triumph erleben wird, — dann wird, so hoffe ich, bei der Feier dieses Triumphes die Königsberger Synagogengemeinde nicht unbetheiligt bei Seite stehen. Die mit lebhaftem Beifall aufgenommene Rede klang in ein Hoch auf die Synagogengemeinde aus. — Auch der Herr Probst Szadowski sandte ein herzlich abgefaßtes Glückwunschtelegramm zum Feste. So war die Feier, nach Plan und Bestimmung ursprünglich für ein religiöses Gemeindefest eingerichtet, dllrch die herzliche Theilnahme weiterer Kreise über ihrell engen Rahmen hinausgewachsen, hatte sich zu einem Opferfeste reiner Humanität ausgebildet. Aufgegangen war hier die edle Saat, die die Gemeinde durch Generationen von der Stätte ihres Gotteshauses aus in ihre Häuser getragen, dieselben zu Pflegestätten reinen Menschenthums gestaltend. Möge die neue Synagoge einen gleichen Geist zeugen. P. w AieKonservirnng der jüdischenMelodien. Von B. Jacobsohn, Leipzig. II. fei der Behandlung der Frage, was wir mit den jüdischen Melodien wollen, sind zwei Gesichtspunkte, der wissenschaftliche oder künstlerische von dem praktischen streng aus einander zu halten. Wenn auf andereil Wissensgebieten die Forschung der praktischen Anwendung gewöhnlich voranzugehen pflegt, so wird man hier den umgekehrten Weg einschlagen müssen, um zu dem gewünschten Ziele zu gelangen. Die vorhandellen Melodien werden gesammelt, beziehungsweise notirt und dann erst geprüft werden müssen, ob sie „jüdisch" oder „fremd" sind, ob sie einer Konservirung werth sind oder — nicht. Im vorigen Artikel ist versucht worden, den Nachweis zu liefern, daß voll einem Mangel an Sammlungen jüdischer Melodien bei dem zu einer ganzen Litteratur angewachsenen Synagogengesange wohl nicht mehr die Rede sein köilne. Man wird nun dagegen einwenden : diese silld ausschließlich für den Kultus bestimmt, seien somit als jüdische Musica sacra anzusehen; aber was soll aus den Melodien werden, welche noch nicht gesammelt worden sind, pnd die

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