Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 425 (sequence 5)
- Language
- German
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Ritzhaupt, Bürgermeister V rinkmann, Regierungs- und Naurath Lanner (der technische Beirath der Synagogengemeinde), Geheimrath Prof. Dr. Garreis, Prof. Dr. Bezzenberger, die Stadträthe Graf und Schaff, Stadtbaurath Mühlbach, Stadtschulrath Dr. Lribukeit,Stadtverörduetenvorsteher Dr. R o s e n st o ck, Stadtrath a. D. Krohne, Konsistorialrath Sllpcrinteudent Lackner, Prediger L iedtkedie Ghmnasialdirektoren B a b u cke, v. Dryg alski und Ellen dt, Prof. Schloß-Organist Völkerling, kgl. Musikdirektor Sch wahn n. a. Trotz alledem blieb eine tiefe Lücke durch die Abwesenheit des von seiner Gemeinde verehrten Rabbiners, des Herrn Dr. Ba mberg er. Er, der in 30jähriger Amtsthätigkeit mit seiner Gemeinde verwachsen wie irgend Einer, der am ihrer Freude, an ihrem Schmerze stets theilgenommen mit dem warmen Herzen eines liebenden Vaters, der ihr Berather gewesen, zumeist auch ihr immer glücklicher Führer bei allen bedeutsamen Vorkommnissen, er, ohne dessen Bewilligung und Betheiligung man sich nichts Großes und Gutes hier vollziehen denken konnte, — er war durch des Schicksals Tücke, das ihn ans schwere Krankenlager fesselt, gerade in dieser Stunde von seiner Gemeinde getrennt. Doch nur der Raum trennte sie;sim Geiste waren Rabbiner und Gemeinde auch in dieser hohen Festesstunde bei einander. Wie Jener sich gewiß zum inbrünstigen Gebete für seine geliebte Gemeinde erhoben, so ließ diese ihre Segenswünsche für ihren kranken Rabbiner durch den zu seiner Vertretung berufenen Festredner, Herrn Rabbiner Dr. Werner-München, zum Himmel senden. Die Wahl des Letzteren war durch die innige Freundschaft, die ihn seit vielen Jahren mit dem erkrankten Anitsbruder verbindet, wie durch die Sympathien und die Werthschätzung, die man Herrn Dr. Werner von seiner Amtsthätigkeit in Danzig her stets entgegen getragen, von vornherein bestimmt, und der Verlauf der Feier hat gezeigt, daß die hiesige Gemeinde keine glücklichere Wahl hätte treffen können. Die Feier setzte mit einem von Herrn Musikdirektor Franz gespielten, Orgelpräludium ein. Nach dessen Schluffe stimmte ein von Damen und Herren der Gemeinde gebildeter Chor, der von Herrn Cohn geleitet wurde, den von Herrn Oberkantor Birnbaum eigens für diese Gelegenheit stiunnungsvoll komponirten Psalm 24, 7 — 10 an; unter besten Klängen und geführt von Herrn Oberkantor Birnbaum bewegte sich der Zug der von auswärts zur Feier erschienenen Rabbinen Dr. Werner-München, Dr. Rnlf-Memel, Dr. Ehrlich-Tilsit, Dr. Olitzki- Allensteiu, Dr. Silberberg-Elbing, gefolgt von Herrn Rabbiner Dr. Pick-Königsberg und den beiden Synagogenvorstehern, den Herren Kommerzienrath Cohn uub Laser, mit den reichgeschmückten Thorarollen durch die Synagoge zum Allerheiligsten. Dem Einbringen der Thorarollen folgte das Anzünden der ewigen Lampe, ein Akt, der durch die dabei von Herrn Rabbiner Dr. Werner gesprochenen herzlichen Worte alle Herzen aufs Höchste ergriff. „Das ewige Licht," so ungefähr lauteten die Worte des Redners, „es wird angezündet als Symbol' der . Weihe. Wie einst im Zionstempel das 636b toinick loderte, so soll auch in diesen Hallen fortan das ewige Licht leuchten. — Gott sprach: Es werde Licht, und es ward Licht. Wie das Licht die Welt erhellt und erleuchtet, so sollen auch hier die Köpfe klar gemacht werden für die Erkenntniß Gottes. Wie der Mensch nicht in das Licht hiiieiiifassen kann, ohne Schaden zu nehmen, so kann er auch Gott nicht erkennen; nur ahnen, nur empfinden, nur glauben, nur suchen sollen wir Gott, dann wird er sich uns offenbaren. — Dir soll sein der Ewige zum ewigen Lichte, so spricht der Prophet. Wie das Licht erwärmt und verbrennt, so lebt auch in uns die Kraft des Willens, die uns erwärmt für alles Gute und uns zum Vernichtungskampfe treibt gegen alles Böse. Hier sollen wir uns den Willen stärken für alles, was gut und wahr, edel und göttlich ist. — „Ein Licht Gottes ist die Seele dem Menschen." Wie das Licht tausend Flammen entzündet, ohne selbst an Kraft zu verlieren, so wirkt die Seele für ewige Zeiten fort und geht nicht unter. Hier sollen wir lernen, an Unsterblichkeit glauben, j$ie Lehre, die uns in schweren Zeiten trösten und zum höheren Leben führen soll. — Und so leuchte, ewiges Licht bei Tag und bei Nacht. Wie die Flamme des Leuchtthurms dem auf dem Meere verschlagenen Fährmann den sicheren Weg zum Hafen zeigt, so mögest du mit deinem milden Lichte uns, den auf dem Meere des Lebens Umherirrenden, den Weg zur Stätte des Friedens weisen, wo wir lernen, an Gott glauben, das Sittliche erstreben und die Unsterblichkeit erlangen." — ' Ein kurzes Orgelspiel und der Vorsitzende des Gemeindevorstandes, Herr Profeffor Dr. Samuel, bestieg die'Kanzel zu einer Ansprache, in der er Allen, die zum Gelingen und Vollbringen des schönen Werkes beigetragen, den Dank des Gemeindevorstandes anssprach und den Wunsch ausdrückte, daß der Bau der jüdischen Gemeinde, wie auch den Mitbürgern der anderen Konfessionen^ mit denen wir uns eins fühlen in treuer Mitarbeit für Staat und Gesellschaft, für Handel und Gewerbe, für Wiffenschaft und Kunst, für fleißiges Schaffen aller Art, zum Segen gereichen möge; denn düs' belehrende Wort, das ja von dieser Kanzel aus zur Gemeinde gesprochen werde, es wird uns —dem Geiste der jüdischen Sittenlehre entsprechend — in allem zu dem gleichen rechtlichen Thun dem Juden wie dem Nichtjuden gegenüber anregen und die-treue Hingabe an das Wohl des Vaterlandes in unsere Herzen pflanzen. Die Weihe der nun geschloffenen alten Synagoge sei seinerzeit mit d^. Einsegnung der fünfzehn Freiwilligen für den Feldzug von 1815 verbunden gewesen;, wenn je wieder das Vaterland seine Söhne zl^m Schutze der heiinathlichen Gaue aufrufe, so werde die Jugend, d^e, in diesem Tempel zum Fahneneide vorbereitet werde, gewiß auf dem Felde der Ehre ihre Pflicht thun, wie ihre Väter und MoßvHer sie gethan haben. . ' Volltönend ergossen sich nun die Weisen des Lewandowskischen Festpsalms (Ps. 84) „Wie lieblich sind Deine Wohnungen. Ewiger Zebaoth" durch die Hallen, verschönt durch das herrliche Sopransolo des Fräulein Paula Wohlgemuth, seiner Schülerin des Professors Äppe-Berlin. Dem schloß sich die Festrede des Herrn Rabbiners T)r, Werner an. Geist- und phantasievoll entworfen, in bilderreicher, packender Sprache geformt und mit rhetorischer Wucht vorgetragen, erfüllte die Rede vollkommen ihre Bestimmung, den eigentlichen geistigen Mittelpunkt der Feier zu bilden. In Anlehnung an das Textwort V. 27, 5—8 behandelte der Redner, auf dessen . Darlegungen ausführlich einzugeheu wir uns versagen können, da die Rede demnächst von dem Verfasser durch den Druck veröffentlicht werden wird, in drei Theilen das Verhältniß der Religion zur Ethik, zum Optimismus und zur Wiffenschaft, und entwickelte daraus die Aufgabe und Bedeutung des modernen Gotteshauses als einer Schule der Sittlichkeit, der Glückseligkeit , und der religiösen Erkenntniß. Redner -schloß mit dem Gebete für König und Vaterland, für die Behörden der Provinz und der Stadt, für die Gemeinde, ihre Rabbiner und'Führer. Der Gesang der Bachschen Fuge : „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn", beschloß die erhebend verlaufene Feier. Während sich die-Festversammlung verlief, beglückwünschte her Herr Oberpräsident und der Herr Stadtkommandant Herrn Dr. Werner zu seiner ergteifcnben Rede, und Elfterer sprach den Wunsch aus, daß alle Teilnehmer die herrlichen Worte auch beherzigen mögen; auch erkundigte er sich mit Theilnahme nach dem Ergehen des erkranktem Herrn Dr. Bamberger.