Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 424 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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gezahlt haben. Das ist aber eine Anomaliewie sie wohl nur selten vorkommt, daß drei Viertel der Gemeindemitglieder ihr Stimmrecht nicht ausüben können! Bekanntlich hat auch hier in Berlin der Bezirksausschuß die Klage eines Gemeindemitgliedes, das einmal mit der Steuer im Rückstand geblieben, für berechtigt erkannt, üyd die Sache schwebt jetzt bei dem Oberverwaltungsgericht. Man darf auf die Entscheidung dieser Behörde gespannt sein. Sollte sie^u Ungunsteil des Klägers aüsfatlen, so werden weitere Schritte bei Regierung und Landtag nöthig sein, um diese durchaus unberechtigte Verfügung aufzuheben und denselben Modus für die Repräsentantepwahlen einzuführen, der auch bei Stadtverordnetenwahlen in Geltung ist, daß nämlich nur Diejenigen nicht stimmberechtigt find, die eine öffelltliche Unterstützung empfangen oder der bürgerlichen Ehrenrechte verlustig gegangen sind. ■; * '■ ';■ " Das Wölfische Telegraphenbüreau versendet folgende Depesche aus Petersburg vom 27. d. M.: Die „Novosti" melden gerüchtweise, der Testamentsvollstrecker des verstorbenen Baron Hirsch habe das hiesige Central-Komitee der israelitischen Kolonisations-Gesellschaft aufgefordert, seine Thätigkeit einzustellen. ■; Wir sind auf Grund genauer Informationen in der Lage, bestimmt zu erklären, daß diese Nachricht durchweg auf Erfindung oder auf einem Mißverständniß beruht. Die argentinische Kolonisations- Gesellschaft und das russische Centralkomitee werden vielmehr unausgesetzt thätig sein, den Plan des seligen Barons Hirsch in immer größerem Maße zur Ausführung zu bringen. V Eine Ausstellung in Jerusalem! Das ist die neueste' Nachricht vom Sensationsmarkte. Der Präsident der Association scientifiqüe tu Kairo M. Honore hat die Initiative bei dem Projekt für eine Jlldustrie-Ausstellung in Jerusalem ergriffen. Diese soll die Fortschritte der Industrie und des Handels im heiligen Lande zeigen und soll schon im Jahre 1897 stattfiuden. Es hat sich bereU ein Komitee gebildet, in dem der bekannte Herr Nissim Behar, der Direktor der Rothschild - Schule ui'. Jerusalem, die Interessen, der jüdischen Gemeinden vertritt. — In den Kreisen unserer Zionisten herrscht natürlich über diese Nachricht Helle Begeisterung. Nüst denn, wir gönnen ihnen diese Freude von Herzen, ja, wir wünschen sogar den. besten Erfolg; wenn sich an dieser Ausstellung das prophetische Wort erfüllt, daß einmal alle Völker nach Jerusalem ziehen werden, dann wäre ja der Erfolg gesichert. - - : . * ■ ' . 4 Sehr illtereffant und erfreulich sind die Nachrichten, welche uns. über das Rabbinerseminar (Hebrew Union College) zu Cincinnati zukomMen. Dasselbe hat bis jetzt dem amerikanische Judenthum 48 Rabbiner und 2 Lehrerimlen erzogen. Sämmtliche voll der Anstalt entlassene Schüler haben sofort Anstellung gefunden. 9 tüchtige und gelehrte Dozenten stehen jetzt an der Spitze der Anstalt, und vom 1. Oktober ab wird in derselben eine allgemeine semitische Akademie, für Umversitätshörer eröffnet werden, an der außer Hebräisch und Aramäisch auch Syrisch, Arabisch, Aethiopisch und Assyrisch (auch für-Nichttheologen) gelehrt werden wird. Solche ungewöhnlichen Erfolge und Leistungen haben in der amerikanischem' Jugend die Lust geweckt, jüdische Theologie zu ftudiren. Die Leiter des College haben ihre liebe Noth, die Klassen vor Ueberfüllung zu schützen. Das ist vielleicht der größte Sieg, den das College errungenhat, und wir wünschen ihm von Herzen Glück dazu. Brief aus Königsberg. Königsberg, 31. August. ill schönes Fest hat die hiesige jüdische Gemeillde am 25. d. M. durch die-Weihe ihrer neuen Synagoge gefeiert. Damit ist derselben ein Herzenswunsch in Erfüllung gegängelt, dem sie seit Jahrzehnten entgegepgestrebt, der seit etwa 12 Jahren, dem Zeitpunkte, da dieser -Wunsch praktische Gestaltung anznnehlnen begonnen, die betheiligten Kreise unausgesetzt in Spannung gehalten. Die alte,- seit 1815 bestehende Synagoge hatte dem steigenden Bedürfnisse der an Mitgliedszahl bedeutend allgewachsenen Gemeinde sowohl in ihrem Raunlnmfange, als auch nach der Seite der Repräsentation — zuntal all ben hohen Festtagen — scholl lange nicht mehr genügt, aber erst, als durch das Vermächtniß des Geh. Koinmerzien- Raths Simon für beit Baufonds ein Grundstock voll 200,000 M. geschaffen und in dessen Folge der Opfersinn der Gemeinde, durch Herrn Rabbiner Dr. Bamberg tzr dafür aufs. Lebhafteste angeregt, in freiwilligen Beiträgen weitere 300,000 M., d. i. 0/7 der nothwendig erachteten Bausumme, zusanunengebracht, konnte man an die Verwirklichung des Wunsches nach einer den veränderten Gemeinde- und Zeltverhältnissen entsprechenden neuen Synagoge 'herantreten. Ein geeignetes Banterrain wurde auf dem. Lindenmarkt ill nächster Nähe des berühmten Königsberger Domes gewomlen, und hier erhebt sich nun, ill Entwurf und Ausführung geschaffen von den im Wettbewerb erster Meister auf bem Gebiete des Kirchenbaues als Sieger hervorgegangenen Architekten Cremer und Wolfenstem in Berlin, eilt Bau, der nach sachverständigem Urtheile sowohl in feiner Plangestaltung. als auch in feiner äußeren Erscheinuilg, wie endlich auch ill Bezug auf seine Jnnenwirkllng als ein Kunstwerk ersten Ranges allzusehen ist, eine Zierde der Stadt, der Stolz der Gemeinde. Bereits am letzten Sabbath, den 22. d. M., begann die. Reihe der Festakte, die sich.um die Einweihullg des nelletl Gotteshauses,grüppirten, mit dem durch einen Festgottesdienst ausgezeichneten Schluß der alten Syitagoge. Eine große Gemeinde, Vorstand und Repräsentallz hatteit sich zu der Feier .eingeflinden und lauschte in wehmüthig erilster Stimlnullg den allbekannten lind beliebten Weisen. die ihnen hier nun zum letzten Male erklingen sollten, und mit denen sich für einen Jeden so mannnigfache freudige und traurige Erinnerungen verbatlden,- die diese Stllnde mit Lebendigkeit wachrief. Die Festrede hielt Herr Rabbiner Dr. Pick, der utiter Anlehnung an das Textwort: „Es segne, dich der Ewige, dein Gott", in allem Vollbringell deiner Hände" und im Rahmen anziehender allgemeiner Betrachtlingen über Gotteshaus, Gottesdienst und Gotteswort die Geschichte der hiesigen Syltagogengemeinde, ihrer bedeutenden Personen, bemerkenswerthen Zeitepocheu und religiösen Anschauungen elitwickelte und zugleich Herzenstöne anzuklingetl verstaild, die die Zuhörer in solcher Stllnde imb Stimnumg gar wohlthuend berührten. , Drei Tage später, a nr 25 August, Vormittags 11 Uhr, versammelte sich die Gemeinde zum ersten Male ill ihrem neueil prächtigen Gotteshause, das in dieser Stunde seiner Bestimmung übergeben werden sollte. Die Synagoge war bis auf den letzten Platz und zum Theil auch in den breiten Gängell von einer festlich gestimmtetl Menge gefüllt. Die vordersten Sitzreihen wareit für die Ehrengäste reservirt. Es waren erschienen die Herren 'Oberpräsident Graf Bismarck, StadtkomMandant Generallieuteuant Keyler, Oberregierungsrath Bergmann als Vertreter des auf Urlaub weilenden Regierungspräsidenten v, Tieschowitz, Geh. Regiernngs- und Landrath Freiherr v. Hüllesse m,. Polizeipräsident Dr. Schütte, Eisenbahndirektionspräsident S im fo n, Oberbürgernleister H 0 f f m a n n, Ober- Vorsteher der Kaufmannschaft Kommerziell- und Admiralitätsrath