Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228148-3228185--53075-3258734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
die den Anschein erwecken wollten, als ob es in der Zeit der „Klaus" keine Kümpfe gegeben hätte, vergaßen, das; die Errichtung der neuen Synagoge in Wahrheit ein Sieg des neuzeitlichen Berlin über das Ghetto des Vormärz gewesen war, in dem die Negierung mit dem Edikt vom 1. Dezember 1823 knndgethan hatte, daß „der Gottesdienst der Juden nur in der hiesigen Synagoge und nur nach dem hergebrachten Ritus, ohne die geringste Neuerung in derSprache und in der Ceremonie, Gebeten und Gesängen, ganz nach dem . alten Herkommen gehalten werden soll." Fast gleichzeitig mit diesein in die Entwickelung der Berliner Gemeinde tief eingreifenden Edikte erloschen der wenige Jahre zuvor begründete „Verein für Kultur und Wissenschaft der Juden", sowie die von Zu nz geleitete „Zeitschrift für Wissenschaft des Judenthums". Die Zeit war für dieses Ideal noch nicht reif. Aus dem in der „Zeitung des Judenthums" kürzlich veröffentlichten Briefwechsel Abraham Geigers mit Derenbourg wißen wir, wie langsam selbst in den allenthalben vorwärts drängenden vierziger Jahren die Früchte einer auf wissenschaftlicher Grundlage begründeten Reform reiften. Nach dem Jahre 1848 war auch auf diese Frühlingshoffnungeu eines Führers und Streiters wie Abraham Geiger der Mehlthau der Reaktion gefallen. Ueber die Entwickelung der jüdischen Geineinde. Berlin hat dieser streitbare Vorkämpfer zu ihrem 200jährigen Gedenktage einen Appell veröffentlicht, der folgende, auch heute, an diesem Gedenktage, noch beherzigenswerthe Sätze enthält: „Die Reformgemeinde, man mag über einzelne ihrer Maßnahmen noch so sehr abweichend urtheilen,' ist jedenfalls ein Denkmal entschiedenen Geistesdranges, energischen Willens, beharrlicher Ausdauer. Aber gerade aus dieser Thatsache erfahren wir, wie wenig es der Gesammtgemeinde gelungen war, strebsame und edle Geister fest in sich einzugliedern. Sie hat einen Riß verschuldet, der erst dann völlig geheilt sein tvird, wenn die Verschmelzung zur vollendeten Thatsache wird." Eine Hoffnung, die leider bis heute noch der Erfüllung harrt. Die Berliner Orthodoxen haben sich von dem Gotteshanse in der Oranienburgerstraße in diesen dreißig Jahren grundsätzlich ferngehalten, — wir sagen die „Berliner", denn ein Mann von gut konservativer Anschauung, wie Moses Montefiore, hat die neue Synagoge zweimal besucht. So möge man jetzt die oben zitirte Mahnung zum Frieden endlich beherzigen, in der es zum Schluffe heißt: Die Gemeinde erringt die Stellung, die ihr in der Judenheit gebührt, die Führerschaft nur, wenn sie die Fahnenträgeriu des Geistes ist, wenn Männer der Wissenschaft wie der Verwaltung ein Band liebevollen Eifers zur gesunden Ausprägung geläuterter Grundsätze in Lehre und Leben, im eigenen Hause, wie an der Stätte der Gottesverehrung, umschlingt." Großes ist seit dreißig Jahren geleistet worden; möchte die Zukunft der Vergangenheit nicht unwerth sein. Berlin, 31. August, deutschen Blätter aller Parteirichtungen haben in der letzten Zeit sich oft und viel mit den Worten: Konflikt und Ca m arilla beschäftigt, also mit Erörterungen, Die uns absolut nichts angehen, da wir uns Gott sei Dank mit Politik nicht zu beschäftigen habein So sollte man wenigstens meinen — aber diese Meinung Ist ein schwerer Jrrthum, wie konservative und antisemitische Blätter jetzt in überzeugender Weise dargelegt haben. Die „Schlesische Zeitung" hat in den Erörterungen über einenmöglichen Konflikt „semitischen Cynismus" glücklich entdeckt, imb das hiesige Haupt- Antisemitenblatt ist in seinen Entdeckungen noch glücklicher gewesen. Es hat sogar mit seinem Spürsinn herausgefunden, daß die gefürchtete Camarilla nur in der Verbindung gewisserHofkreise mit der jüdischen Plutokratie bestehe. Vielleicht erfahren wir in nächster Zeit noch einige nähere Daten über diese entsetzliche Camarilla. Es muß ja doch irgend eine geheime Verbindung des Auswärtigen Amts mit der Alliance lsraelite Universelle und verschiedener Ministerien mit dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde geben. Das klingt lächerlich — werden am Ende verschiedene Antisemiten sagen. Ei, und sind das ihre obigen Behauptungen etwa weniger? Weder im Militärnoch im Staatsdienst oder in der Diplomatie finden die Juden irgendwelche Verwendung, selbst nicht in subalternen Stellungen, und doch sollen sie die verderbliche Camarilla bilden! Die Sommerzeit, in der solche „Seeschlangeu" gestattet sind, ist ja doch vorüber! Nicht weniger Possirlich ist die folgende „Preisfrage" eines antisemitischen Blattes: „Wie kommt es wohl, daß unsere Judenblätter sich so für die kretensischen Christen einlegen? Kein Tag vergeht, an dem nicht in unseren jüdischen Blättern spaltenlange Ausführungen zu Gunsten der Aufständigen auf Kreta gebracht und die europäischen Staaten ausgefordert werden, die unterdrückten Christen gegen die Türken zu schützen und Kreta eine von den Mächten verbürgte Autonomie (Selbstverwaltung) zu geben. Eine Autonomie der Kreter! Weshalb interessiren sich wohl gerade die Juden für diese englische Hirnblase? Christliches Mitgefühl kann es doch nicht sein; sollte Juda in den Kretern ein geistig ihm nahestehendes Volk erkannt haben? Ist es die Lust am Aufhetzen, ist es die Aussicht auf europäische Wirren, bei denen sich wieder hübsch im Trüben fischen läßt, was die jüdische Sympathie erklärlich macht? U. A. w. g." Wir können — natürlich mir. im strengsten Vertrauen — auch hier die gewünschte Antwort geben. Es ist weder die Lust am Aufhetzen, noch die Aussicht auf europäische Wirren, noch christliches Mitgefühl, sondern sehr einfach wieder nur die geheime Verbindung der leitenden englischen Kreise mit der Alliance lsraelite Universelle! Lord Roseberry, Rothschild, Montefiore n. s. w. In den Handbüchern des praktischen Antisemitismus von Fritsche, Paasch, Drumont u. s. w. findet der sehr verehrte Fragesteller alles Nähere auch über diese nicht minder gefährliche Camarilla, und sollte auch dort keine Auskunft zu finden sein, was spricht deutlicher dafür, daß die Juden überall ihre Hand im Spiele haben, als die kleine aber sehr wichtige Notiz, die Wolfs Büreau gestern über die Unruhen in Konstantiuopel an alle Zeitungen verschickt hat und in der es heißt': „Spanische Juden werden beschuldigt, an dem Massaere theilgenommen zu haben." Daß diese Notiz wie ein lächerlicher historischer Anachronismus klingt, daß sie wahrscheinlich nur die thörichte Hypothese irgend eines aufgeregten Korrespondenten ist, der die armen spagnolischen Inden dort gar nicht kennt, was ficht das Alles ein ehrliches Autisemitenhirn an. Die Juden sind doch überall dabei und haben überall ihre Hand im Spiele — das ist und bleibt die Parole der Herren Antisemiten! - * Zu welchen Konsequenzen der Paragraph des Gesetzes von 1847 führt, der die Gemeindemitglieder, die innerhalb dreier Jahre mit ihren Steuern auch nur einmal in Rückstand geblieben, von den Repräsentantenwahlen ausschließt, zeugt eine Mittheilung, die uns aus einer Gemeinde der Provinz Posen zugeht. Dort sind bei den Wahlen am 21. Juli infolgedessen Don 95 Gemeindemitgliedern nur 21 stimmberechtigt gewesen, obwohl auch die meisten Anderen nur einmal auf der Restliste standen und ohne exektitivische Einziehung ihre Beiträge zur Gemeindesteuer auch für das Jahr 1896/97