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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-04 · Heft 36 (4.9.1896) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 trägt das Recht, für einen gebildeten Menschen zu gelten, in der Tasche, nicht im Kopfe. Bei solchem Treiben muß der Charakter, der seine Prüfung nicht in der Schule, sondern in: Leben abzulegen hat, notwendig verarmen; und darum fehlt der ideale Sinn, der allem'Wißen erst die Weihe giebt; ohne ihn ist auch der Gelehrte nur ein Handwerker; mit ihm wird der Handwerker zum Künstler. Erst eine geschlossene Persönlichkeit, erst ein Charakter giebt allem Wißen Halt und Zusammenhang. Kenntnisse sind wie ein Bau ohne festen Grund, wenn der Charakter fehlt. Wie beherzigenswerth ist das Wort des Dichters: „Bist du Tag und Nacht beflißen, viel zu hören, viel zu wißen, horch' an einer andern Thüre, wie zu wissen sich gebühre; soll das Rechte zu, dir ein, fühl' in Gott, was Rechts zu sein." Die Sprossen eines früherer!, jetzt im Absterben begriffenen Geschlechtes in Israel brachten aus d«n Chederstuben, aus den dumpfen Lehrstätten den idealen Sinn mit, die Lust am Lernen, einzig um zu wissen und um Wißen zu verbreiten, und sodann eine erstaunliche Bedürfnislosigkeit; das war dann die Grundlage, auf der rasch eine ruhmreiche wissenschaftliche Größe sich erhob. Heute will man vom Wißen Berechtigung, Aemter, Titel, Stellung, Brod; da ist erklärlich, bafj öa§: Weiterstreben aufhört, wenn dies alles erreicht ist und daß dabei' nur die Mittelmäßigkeit gedeiht; aus den Jünglingen mit glänzenden' Gaben werden keine Männer mit genialer Leistung. Jerusalem ist zerstört worden, weil auf die Schulen nicht geachtet wurde; sollte es in Jerusalem keine Paradejünglinge gegeben^ haben, die als Schüler glänzten? Aber das nennt der Talmuds noch nicht Acht haben auf die Schulen, auf die Erziehung, wenn' nur der Verstand gepflegt wird und Gemüth und Charakter brach liegt. Diese Bildung des Charakters aber ist in der Gegenwart wesentlich die Sache des Unterrichts in der Religion; auch wer viel gelernt hat, muß an einer „anderen Thüre, an den Pforten der Religion horchen, wie zu wissen sich gebühre";. hier lernt er, daß das Wißen seine Schranken hat, daß Kenntniß werthlos, ja ein Uebel ist, wenn' die Tugend fehlt, daß ein Talent ohne Charakter erbärmlich ist, daß der Mensch, wie der Dichter sagt, etwas Rechtes sein müsse, um etwas Rechtes zu lernen. Was geschieht, um die Jugend -im Charakter zu festen?' Wird ihnen die Religion nicht stets als das Nebensächliche hingestellt und immer wieder nur Gewicht gelegt auf das Wissen, aus die Dreßur des Geistes? Wie Jerusalem zerstört wurde, weil es die Schulen nichts gepflegt hat, so ist auch unser Judenthum in Gefahr, weil die Jugend keine Ehrfuxcht hat vor dem Wissen, weil inallen Kreisen Eltern und Kinder meist nur die materiellen Vortheile berechnen,, die beim Erwerb von Kenntuißen herausschauen, weil wir viel kenntnißreiche Leute, aber nur wenig Charaktere und ideale Persönlichkeiten haben. Was bringt zu Ehren? sich wehren! Wir aber wehren uns schlecht, weil nur die Köpfe, aber nicht die Herzen gebildet sind. Die heilige Zeit der Feste muß uns den heiligen Zorn entfachen gegen das Niedrige und Gemeine, daß wir nicht die Krone des Wissens hinabziehen in den Staub der Alltäglichkeit, daß wir aus der Jugend, wenn der Ausdruck gestattet, nicht Kompendien, sondern Menschen bilden, daß im neuen Jahre endlich der ideale Sinn erwache, der Israel neue Ehre bringt vor Gott und vor den Menschen. Ein Gedenktag. Berlin, 31. August, m 5. September 1866 wurde die neue Berliner Synagoge in der Oranienburgerstraße eingeweiht, welche in diesen Roschhaschonohtagen auf ein dreißigjähriges Bestehen zurückblickt, eine kurze Spanne Zeit dem Anschein nach, in Wahrheit eine Epoche voll tief eingreifender Umwandlungen und Entwickelungen. Die neue Synagoge sah an ihrem Einweihungstage viel höfischen Glanz. Die Leitung des eben erst erstarkten mächtigsten norddeutschen Staates legte Werth darauf, den jüdischen Bürgern ihre Sympathie bei der Errichtung dieses Heiligthums zu beweisen; so erschienen denn zu der Feier der Ministerpräsident Graf Bismarck, die Minister von der Heydt, Mühler, Eulenburg, ferner der Feldmarschall Wränget, Fürst Radziwill, General von Waldersee, der Polizeipräsident von Bernuth. Es ist selbstverständlich, daß neben den zahlreichen Uniformen, vielen Generälen. Offizieren u. s. w. die städtischen Behörden und der Oberbürgermeister Seidel nicht fehlten. Das schöne Bauwerk in der Oranienburgerstraße, dessen Einrichtung nach gemäßigten Reformgrundsätzen ein lebhafter Kampf im Schooße der Gemeinde zwischen Orthodoxen und den vorwärts strebenden Elementen vorhergegangen war, stand während jenes Septembermonats vor 30 Jahren und auch noch lange darnach im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Wir begnügen uns damit, nach einer offiziellen Liste anzugeben, daß zwei Tage nach der Einweihung der Kronprinz, der Prinz Albrecht und der Erbprinz von Sachsen-Meiningen, der Kriegsminister v. Roon, sowie Moltke das Gotteshaus besuchten, daß den Tag darauf der Kronprinz abermals mit dem Prinzen. August von Württemberg, Geheimrath Costenoble nnd dem Generaladjutanten von Alvensleben erschien. Am 19. September waren die regierenden Herrscher von Sachsen, von Mecklenburg- Schwerin und der als Gönner Berthold Auerbachs bekannte Fürst von Hohenzollern in der Synagoge. Bereits am 23. gab der Kronprinz sein Interesse durch 'einen erneuten Besuch zu erkennen, wodurch die Herzen der Mitglieder der Gemeinde mit frohen Hoffnungen auf die Zukunft mit Recht erfüllt werden konnten, denn im Ganzen hat der nachmalige Kaiser Friedrich das ihn so sehr ansprechende Gotteshaus 20 Mal ausgesucht. An jenem Septembertag zeigte er, in der Blüthe seiner schönen Männlichkeit stehend, die Synagoge dem Prinzen Friedrich Karl, dem Herzog von Sachsen-Koburg, dem Großherzog von Sachsen-Weimar. Wie viele Borurtheile, die man gerade auch in kleinstädtischen Residenzen den „Judenschulen" vormals entgegenbrachte, mögen bei diesen Besuchen zerstreut worden sein, und vielleicht war das mit ein Grund, der „unfern Fritz" bewog, fast allen Potentaten Europas, die im Laufe jenes Jahrzehnts Berlin besuchten, selbst als Führer in der neuen Synagoge zu dienen. Aber kaum zwei Jahrzehnte waren dahingegängen, als Heinrich v. Treitschke es wagen konnte, die Leidenschaften der Maße aufzustacheln, indem er in vorwurfsvollem Tone ausrief: „Das prächtigste Gotteshaus in Berlin besitzen die Juden." Man schien in Wen Kreisen schnell vergeffen zu haben, wie thatkräftig an der Erhebung Preußens, an der Entwickelung Berlins als Reichshauptstadt die Juden mitgearbeitet hatten. Man brachte es mit den Unkenrufen der Reaktion aber lediglich dahin, daß die Rückschrittler in unserer eigenen Mitte ausriesen: „Seht, da habt Ihr die Segnungen würdiger Repräsentation mit Orgelklang und Eueren deutschen Gebeten." Diese Dunkelmänner-

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