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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-04 · Heft 36 (4.9.1896) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 4. September 1896 6V. Jahrgang. Mr. 36. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Aboiiiiements.Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin u»ter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteur: Gustav K arp eles. Begründet von - Nabbiner Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Ckpedition: iöerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthnnis", Berlin 8HV., Jerusalemer Straße 4S/49 311 richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Zum neuen Jahre.—Ein Gedenktag. — Die Woche. — Brief aus Königsberg. — Die Kvnsorvirung der jüdischen Melodien. II. Von B. Jacobsohn. — Aus. meinen Lebenserinnerungen. I. Von Max Ring. — Feuilleton: Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotthard Deutsch. (Fortsetzung.) — Von der Reise. III. Von G. K. Der Gemcindebotc. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Seesen a. H., Frankenthal, Bad Soden, Freiburg i.B., Wien, St. Petersburg, Konstantinvpel. — Bon Nah und Fern. Jum neuen Jahre. Berlin, 2. September. -s heißt im Talmud: „Jerusalem ist nur zerstört worden, weil sie auf die Schulen nicht Acht chatten". Wie ist das zu verstehen? . Galt nicht. Jernsalen^ als der Sitz aller, jüdischen Weisheit? War der. Satz nicht sprichwörtlich geworden: Von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem? Aber es giebt eine zweifache Pflege des Wissens: einmal müssen die Gelehrten die Schätze der.Erkenntniß erhalten und mehren, daß in dem unendlichen Gebiete der menschliche Geist immer weiter die Grenzen seiner Herrschaft stecke; aber dabei dürfen sich die Lenker des Landes nicht beruhigen; die Erkenntlich muß in jedes Haus, in jede Hütte getragen werden; das Morgenroth, das auf den Firnen der Berge leuchtet, das ist no.ch nicht die Sonne, von der alles Leben kommt; sie muß ihre Strahlen hinab in die Thäler senden und dort jeden Grashalm mit ihrem Feuer durchglühen; so ist es nicht recht, wenn die Männer der Wissenschaft sich stolz ans ihre einsamen Höhen zurückziehen: sie müssen hinabsteigen in die Volksmassen; diese hohen Geister hätten ein Recht, es zu verlangen, daß sie ausgesucht werden; aber da sie weise sind, so müssen sie auch wissen, daß die Weisheit von den Massen nicht ausgesucht wird; das bekannte witzige Dichterwort ist auch ein wahres Wort : Die Weisheit muß zu "den Thoren gehen, sonst würde die Weisheit verloren gehen, da Thoren nie zu Weisen kommen. - . Das ist's, was der Talmud den Gelehrten Jerusalems vorwirft: Sie hatten den goldenen Hort," aber sie hielten -ihn für sich; ist das nicht, ein Widerspruch in .sich: stolz sein auf Weisheit,- ist dies nicht ein Zeichen, daß wir es hier nicht mit der echten Weisheit zu thun haben? Nur der Bergquell ist'ein Segen für.das Land, der als ein breiter Strom sich durch die Gefilde ergießt; nur die Gelehrsanike.it ist ein Heil, die überall hin ihre Fluthen bringt, die jeden- Geist, die jedes Herz erfrischt. < ' m --' Das ist der Stolz und die Stärke dieses Landes, unter dessen Kultur wir emporblühen, daß in ihm nicht nur die Stätten der 'Gelehrsamkeit, sondern auch die Schulen gepflegt werdeis. Jerusalem, sagt der Talmud, war nicht Werth zu bestehen, weil seine Gelehrten keine Volkslehrer waren, weil es nur in einzelnen Köpfen licht war und rings herum finster blieb. Wenn' wir nun nach diesem Maßstab das Israel der Gegenwart messen, so könnte es scheinen, als seien wir weit voraus. Und warum sollen wir dem gegemvärtigen Geschlecht seine Vorzüge streitig-machen oder sie verkleinern! Die Israeliten sind eifrigst bemüht, sich Kenntnisse zu erwerben in allen höheren Schulen ist die Zahl der jüdischen Schüler größer, als man nach dem Verhältniß, der Bevölkerung erwarten sollte; obgleich den Israeliten mancher höhere Lebensberuf verschlossen ist, drängen sich dennoch unsere Jünglingenach den Stätten der -Wissenschaft. Trotz alledem wird Keinem/der mit schärferem Auge die Ent- ' Wickelung dieser Dinge verfolgt hat, die Wahrnehmung entgangen - sein, daß wir vor einigen Jahrzehnten mehr Juden hatten, die sich ' am geistigen Leben der Nation in hervorragender Weise beteiligt haben, als heutzutage. Es zeigt sich ein Abnehmen,-- ein Rückgang, wo eigentlich eine Steigerung zu erwarten wäre, da - ja erst in letzter Zeit weite Schichten der, israelitischen Bevölkerung unseres , Vaterlandes die Bildungsfeindschaft früherer Geschlechter ansgegeben haben. Vordem hatten wir große Namen unter den -Führern des Volkes im öffentlichen Leben, Männer, denen,-mochte man mm ihre Ansichten billigen oder mißbilligen, Niemand Wissen, Geist und Eharaktergröße absprach; wir hatten bahnbrechende Gelehrte, die trotz.ungeheurer Schwierigkeiten zu den höchstenl-Stufen staatlicher und wissenschaftlicher Anerkennung emporgestiegen sind. Jetzt zehren wir zumeist von den.Resten früheren Ruhmes; es, giebt. unter den Juden, die sich, höheren Berufen widmen, tüchtige, berufstreue Männer in Fülle, Mir die Genialität, der Eifer, der auf. dem erworbenen Diplom oder Amte. nicht ausruht,, sondern selbstlos weiterstrebt, wird, wenn auch nicht vermißt, so doch, seltener. Woher mag dies kommen? . Nun, auch für die Volksbildung giebt es zwei Objekte, Geist und Charakter; aber wie wenig Eltern denken sich unter Schulen etwas anheres als Anstalten, in welchen recht viel Wissen in die Köpfe ihrer Kinder gepfropft -wird; wenn/ein Kind viel weiß, dann hak es mit Nutzen die.Schule besucht; ob auch sein. Charakter ausgebildet ist, danach wird nicht viel gefragt;. als hörten wir Barbaren * sprechen, so gemahnt es uns oft, wenn wir von -Eltern die Gründe vernehmen, warum sie überhaupt ihre Kinder etwas lernen lassen. ,, Es geschieht meist um zu scheinen/ um gewisse Berechtigungen zu -etwerben; dann werden die Bücher bei Seite geworfen und man .sä 8 -i i m >.? -..M wmrnmmm

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