Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Kultusgemeinde aufgelöst. — Die „Neustädter Zeitung" bringt aus Neudörfl die Nachricht, daß die ungarische Regierung die Stuhlrichter angewiesen habe, in sämmtlichen Gasthäusern der ungarischen Grenzorte die Bildnisse des Abgeordneten Lueger zu konfisziren — Der Staatsbeamte Eduard Bercia kievitsch wurde wegen Jnsultirung eines armen alten jüdischen Hausirers zu zehn Tagen Arrest verurtheilt. — Julius Beer, Professor am Konservatorium der Musik in Prag, ist am 17. d. Mts. im Alter von 59 Jahren gestorben. Großbritannien. L London, 24. August. Ein Fall einer in England ganz ungewöhnlichen Berurtheilung eines Juden, weil er sein religiöses Gesetz beobachtet habe, macht sehr viel Aufsehen. Im Ostend von London sind ea. 60 jüdische Bäcker, welche etwa 170 durchweg jüdische Arbeiter beschäftigen. Dieselben haben am Sabbathfest geschlossen. Dagegen backen sie nur Sonntags. Einer derselben ist nun denunzirt wordenweil er die gesetzlichen Vorschriften über die SontagsHeiligung übertreten, und er wurde in der That zu 12 Mark Strafe verurtheilt. Der Richter bedauerte selbst den Vorfall, er erklärte aber, nach dem bestehenden Gesetz nicht anders entscheiden zu können, denn in dem Gesetz von 1878 betreffend die Sonntagsruhe ist zwar für die Juden, welche am Sonnabend feiern, die Sonntagsarbeit erlaubt, dieses Gesetz besteht jedoch nicht für die Bäckereien, welche nach einem alten Gesetz Georgs III. zu behandeln seien. In diesem ist keine Ausnahme für Juden gemacht, und daher -dürfen jüdische Bäcker auch heute noch am Sonntag nicht arbeiten, während andere jüdische Handwerker es thun dürfen, wenn sie nur am Sonnabend feiern. — Ebenfalls ruft Aufsehen hervor, daß neuerdings mehrere Verurtheilungen gegen Exzedenten im Ostend nöthig wurden, welche nach dem Ausdruck des Richters sich noch nicht daran gewöhnen konnten, daß die „Jews-baiting“ (Judenhetzen) nicht mehr zum erlaubten Sport, gehören. — Die durch die Initiative von Rev. Dr. Josef Krauskopf geschaffene Ackerbaüschule für die Juden in Philadelphia veröffentlicht ihren Lehrplan für das erste Jahr, der demjenigen der Hirschschule in Odessa nachgebildet ist. Der Kurses ist fünfjährig, im Unterricht werden neben der Theorie der Landwirthschaft auch die allgemeinen Fächer, Geschichte, Algebra rc., berücksichtigt; praktische Arbeiten nehmen aber natürlich den weitesten Raum ein. Die Schule besitzt einen Bestand von 12 Kühen, vollständig und reichlich eingerichteten Geflügelhof und drei Treibhäuser, von denen das eine für Obst, das zweite für Gemüse, das dritte für Blumen eingerichtet ist. An Geld fehlt es nicht, es ist den Bemühungen von Dr. Krauskopf gelungen, genügende finanzielle Unterstützung zu beschaffen. Rußland. A. Warschau, im August. Ein Prozeß, der sich vor Kurzem vor dem Gerichtshof von Radom abgespielt hat, wirft ein trauriges Licht auf die Handlungsweise der russischen Polizei gegenüber den Juden. Nichts dürste besser die beklagenswerthe Lage veranschaulichen, in welche die Ausnahmegesetze die arme jüdische Bevölkerung gebracht haben. Der Polizeichef, Hauptmann Kiritchenko, war wegen einer Reihe von Verbrechen, wie Diebstähle, Betrügereien, die er unter Beihilfe der in seinen Diensten stehenden oder mit ihm arbeitenden Beamten begangen hat, zu Zwangsarbeit auf Lebenszeit verurtheilt worden. Die „Gazette judiciaire", das offizielle Organ des Justizministers, spricht sich folgendermaßen darüber aus: „Die Thätigkeit des Kapitäns Kiritchenko und seiner Helfershelfer bestand hauptsächlich darin, die Diebe und Räuber gegen jeden Angriff ehrlicher Leute zu schützen, die Industrie der Räuber und Briganren gegen jede Einmischung der Gerichtsbarkeit zu schützen, die Stadt Radom in eine Räuberhöhle zu verwandeln und einen Theil der Bevölkerung in brutaler, ja grausamer Weise zu bedrücken. Die Juden von Radom waren es, die fast allein die ganze Wucht der merkwürdigen Verwaltung des Herrn Kiritchenko zu tragen hatten. Die Juden waren von ihm als Unterthanen behandelt worden, die verdächtig und schädlich für alle anderen Bewohner sind." Auf Grund dieser doppelten Anklage hätte Kiritchenko ein ganzes System von Raub und Gewaltthätigkeiten aufgebaut. Der „Woschod", der dieses Urtheil wiedergiebt, fügt mit Recht folgende Betrachtungen hinzu: „In seiner Rede hat der Staatsanwalt von Radom seine Verwunderung darüber ausgesprochen, daß die gequälten, gewattthätig eingesperrten Juden, eine leichte Beute der gierigen Polizeibeamten, niemals die geringste Klage laut werden ließen. Indessen hat der Prozeß den Grund zu diesem Schweigen klar aus Licht gebracht. Bei wem sollte man Klage führen? Wie sich beklagen? Die Juden fanden es vortheilhafter, die Polizei zu bezahlen, als sich zu beklagen. Welches Schicksal erwartete den Juden, der sich bekagt hatte? Noch ehe erseine Klage hervorgebracht, wäre er ausgewiesen und ruinirt worden! Welchen Unterthanenmuth kann man von einer Bevölkerung verlangen, die durch Hunderte von Ausnahmegesetzen erdrückt wird, die in Wirklichkeit kein sicheres Recht genießt? Gegen die Polizei ankämpfen, sich ihr nur widersetzen, heißt so viel wie augenblicklicher Ruin; daher sieht man auch jeden Augenblick Hunderte von Juden auf ein Zeichen der Polizei die von ihnen bewohnten Dörfer verlassen. Der-Jude ist sich seiner Ohnmacht bewußt, die Gesetzmäßigkeit besteht nicht für ihn; er neigt den Kopf und läßt jede Schmach, jede Erniedrigung, jede Ungerechtigkeit über sich ergehen. Er kann nicht anders. Dies ist die Wahrheit, und wenn die Thatsachm, die der Prozeß von Radom klar ans Licht gebracht hat, unseren Regierenden nicht die Augen öffnet, so wollen sie eben nichts sehen." Afrika. D Casablanca, im Juli. Bekanntlich ist die Lage der Israeliten welche das Innere dieses Landes bewohnen, eine wenig sichere. Ohne Vertheidigungsmittel gegenüber dem Fanatismus der Menge und der Habsucht der Angestellten, welche die Vorurtheile des Volkes theilen, leiden sie unter der Rückeinwirkung aller Vorgänge und aller Unruhen, die im Lande Vorkommen. Seit der Thronbesteigung des neuen Sultans sind zahlreiche Stämme im Aufstand, und fast allenthalben haben sie damit begonnen, die Juden anzugreifen; sie plündern die Häuser, äschern die Synagogen ein und rauben die Frauen und Kinder. Vor einigen Monaten drang eine aufrührerische Menschenmenge in das Judenviertel zu Demnat ein, wo sie raubte und plünderte. Kinder und junge Mädchen wurden geraubt, und die israelitische Gemeinde mußte zu ihrer Wiedererlangung große Opfer bringen. Ganz kürzlich sind diese Thatsachen zur Kenntniß des Central-Komitees gebracht worden. Dasselbe sandte sogleich Hilfsmittel nach Demnat und empfahl die Opfer dem Wohlwollen und dem Schutz der europäischen Legationen in Tanger. Der neueste Monatsbericht der A. I. U. enthält Mittheilungen über ein ähnliches Unglück, welches die Israeliten von Mzab, bei Casablanca, heimgesucht hat. Man schreibt darüber aus: „Casablanca. 12. Juni 1896. Die Nachrichten, die wir soeben aus der israelitischen Gemeinde von Mzab, einem Flecken in der Nähe von Casablanca, erhalten haben, sind sehr ernster Natur. Da die Regierung Sr. Majestät den Gouverneur der besagten Ortschaft festnehmen ließ, haben sich seine Parteigänger gegen den Makhzen zusammengerottet und es kam in Mzab zu großen Ausschreitungen, deren erste Opfer unsere Glaubensgenossen wurden. Ihre Häuser wurden eingeäschert und geplündert, die Frauen und Kinder entführt und diejenigen, welche durch ein Wunder den Unholden entgangen sind, irren aus den Feldern umher. Die Angestellten der Behörde waren den Aufständigen gegenüber ohnmächtig. Die israelitische Gemeinde in Mzab besteht aus etwa tausend Seelen; sie genoß einen ziemlichen Wohlstand, aber heute sind ihre Häuser, Läden, Magazine nur Ruinen; die Ausständigen haben alles zerstört." In einem nächsten Briefe heißt vom 17. Juni. „Als Fortsetzung meines Briefes vom 12. dieses Monats muß ich Ihnen leider mittheilen, daß die Einzelheiten, die fast täglich über die Gewaltthaten von Mzab einlaufen, in der That herzzerreißend.sind. Von diesem noch vor einigen Tagen in voller Blüthe stehenden Fleckchen bleibt nur noch ein Trümmerhaufen übrig. Die israelitischen Familien sind verstreut. Väter, Mütter und Kinder , sind von einander getrennt; namentlich die Frauen, Mädchen und Kinder, die auf den Märkten als niedrige Sklaven verkauft werden." Am 5. Juli meldet derselbe Berichterstatter : „Im letzten Augenblick war ich im Stande, mir eine Liste der Namen der Familienväter zu verschaffen, welche den Flecken von Mzab iüfolge der Plünderung vom 9. Juni verlassen haben, wie auch die Zahl äü'er Familienmitglieder. Ich werde Ihnen die Liste mit der nächsten Post zukommen lassen, Für heute beschränke ich mich darauf. Ihnen zu sägen, daß die Zahl 589 beträgt und daß sämmtliche dieser Beklagenswerthen sich im größten Elend befinden. Ich werde Ihnen auch eine Liste derer einfenden, die von der Gemeinde von Casablanca zurückgekauft. wurden unter Nennung der Summen, die für den Rückkauf