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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-28 · Heft 35 (28.8.1896) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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gegenüber Nachkommen können, wenn der Jahrmarkt am Neujahrsfeste stattgefunden hätte. Dementsprechend hat auch der Oberbürgermeister heute folgende Erklärung dem Berliner Antisemitenblatt zugeschickt: „Im Leitartikel Ihrer Nummer 377^. (Morgenausgabe) behaupten Sie, der Magistrat, bezw. der Kottbuser Oberbürgermeister, habe ein Gesuch >der katholischen Gemeinde um Verlegung des Fronleichnamsmarktes abgelehnt, dagegen den großen Herbstmarkt wegen des jüdischen Neujahrstages verlegt. Die katholische Gemeinde hat weder unmittelbar noch mittelbar, namentlich auch nicht durch Herrn Hofphotographen Metzner, den Antrag gestellt, den althergebrachten Fronleichnamsmarkt zu verlegen; hierzu liegt auch gar kein Grund vor, weil die Gemeinde den Fronleichnamstag am Sonntag zu feiern pflegt. Die Berücksichtigung des jüdischen Neujahrstages findet, in der starken Betheilignng jüdischer Händler an den Märkten ihre Rechtfertigung, ist übrigens für den gesammten Regierungsbezirk Frankfurt angeordnet. Kottbus, den 21. August 1896. Der Magistrat. Der Oberbürgermeister Werners" Ferner kann ich nach genauer Information versichern, daß das betr. Inserat, welches das Antisemitenblatt zu dem Artikel veranlaßt, obgleich es unterschrieben war: „Mehrere Katholiken", von keinem einzigen Mitbürger katholischen Glaubens, sondern ausschließlich von evangelischen Antisemiten unterzeichnet wurde. Unsere katholischen Mitbürger werden sich durch solche Umtriebe nicht verhetzen lassen, r L. Narrgard, 25. August. Am 19. d. M. verstarb hier na^ kurzer Krankheit Herr Hirsch Silberstein im 75. Lebensjahre. Derselbe war 33 Jahre von der Stadtvertretung mit dem verantwortung^- reichen Amte eines Schiedsrichters betraut, das derselbe zur vollen Zufriedenheit seiner Mitbürger verwaltete, bis die Giftsaat des Antisemitismus, die auch hier im Stillen üppig keimt, ihn nöthigte, sem Ehrenamt niederzulegen. Der Heimgegangene war auch viele Jahre Repräsentantenvorsteher und Vorsitzender unserer Synagogengemeinde und versah bis vor wenigen Jahren in echt uneigennütziger Weise bas Amt eines Baal Tefilla und Baal tokea an den bevorstehenden hohen Feiertagen. Das zahlreiche Gefolge von Juden und Andersgläubigen, das seinen sterblichen Ueberresten die letzte Ehre erwies, legte Zeugnifi ab von der hohen Achtung und Liebe, die der Verstorbene sich Zu erringen gewußt hat. Friede seiner Asche! o«o Düsseldorf, 18. August. Eine ruchlose That wurde in den letzten Tagen auf dem alten, für die Benutzung seit Jahren geschlossenen israelitischen Friedhof an der Bongardstraße begangen. Ueber 50 Grabsteine wurden umgeworfen, einige in Stücke zerschlagen. Auf mehrere Steine hatte man das Wort „Antisemit" geschrieben. Nach dem Befunde sind mehrere Erwachsene bei dem Frevel betheiligt, denn um die schweren Steine aus der Erde zu heben, war eine bedeutende Kraft nothwendig. Die Untersuchung der Sache ist dem Kriminal- Kommissar von Lamoen übertragen. Jeder, der über den Thäter etwas weiß, wolle dem Kommissar Mittheilung machen. Auf die Entdeckung des Thäters find bis zu 100 Mark Belohnung gesetzt. Hoffentlich gelingt es, die frivolen Burschen zu ermitteln. s. Aus der Pfalz, 17. August. In dieser Woche wurden die zwei Senioren der jüdischen Lehrer der Pfalz zur letzten Ruhe bestattet. In Frankel verschied im 76. Lebensjahre Lehrer Singer. Derselbe bekleidete diese Stellung über 50 Jahre und hatte sich in der ganzen Sta^t wie auch in der ganzen Umgegend in allen Kreisen einer großen Beliebtheit zu erfreuen. Singer wurde im vorigen Jahre mit der silbernen Medaille des Verdienstordens der baierischen Krone vom Prinzregenten ausgezeichnet. Der Verstorbene ertheilte sowohl in der jüdischen Schule als auch an allen hiesigen Staats- und Privatanstalten Unterricht. — In Rülzheim verschied Lehrer Salomon im 73. Lebensjahre. Derselbe wirkte auch beinahe 50 Jahre in dieser Gemeinde, geachtet und geehtt von seinen Glaubensgenossen und von Andersgläubigen. 0. Aus Baden, im August. Die erfreulichsten Nachrichten aiff dem Gebiet der konfessionellen Gleichstellung kommen doch , immer noch aus Baden. So wird die Leser dieses Blattes sicher eine Mittheilung interessiren, welche .dem XXII. Jahresbericht der großherzoglich badischen T a u b st u mmen-Anstalt in Gerlachsheim entnommenist. (Schuljahr 1895/96, vom 23. September 1895 bis 1. August 1896,) Es heißt darin wörtlich: , „Am 9. September v. I. ist in seiner Heimath Dittigheim der taubstumme Schuhmachermeister Isaak Steinhard gestorben. Wir glauben dies hauptsächlich aus dem Grunde erwähnen zu sollen, weil Steinhardt den vollgiltigen Beweis geliefert hat, daß - auch Taubstumme bei genügender. Unterrichtszeit und guter Erziehung so weit gefördert werden können, daß sie selbständig nicht nur ihr Auskommen zu finden,, sondern auch noch für das Alter einen. Sparpfennig zurückzulegen vermögen. Er führte seit einer langen Reihe von Jahren mit seiner ebenfalls taubstummen Schwester Eva Steinhardt eine wohlgeordnete Haushaltung und hat während dieser Zeit eine größere Zahl von Unglücksgenossen in seinem Gewerbe aüsgebildet, und zwar mit so gutem Erfolg, daß ihm vom großherzoglichen Oberschulrath wiederholt Geldprämien zuerkannt worden sind." Wir wollen nicht unterlassen, in diesem Zusammenhang rühmend eines anderen jüdischen Taubstummen zu gedenken, eines Lieblingsschülers des Herrn Rektor Villareth in Gerlachsheim: Herr Ferdinand Steinhardt aus Tauberbischofsheim trat nach Absolvirung genannter Anstalt als Schriftsetzer in eine Druckerei ein. Er hat es heute, von seltener Energie und guten Anlagen unterstützt, zum selbständigen Buchdrucker gebracht. In Mannheim, seinem jetzigen Aufenthaltsort,. genießt er in weitesten Kreisen, ebenso wie in der Heimath, die höchste Achtung und Liebe. Er ist Vorsitzender des von ihm gegründeten Mannheimer Taubstummenvereins. Als unermüdlicher Vorkämpfer für seine Leidensgenossen — Steinhardt ist ein ausgezeichneter Redner — steht er mit allen Taubstummen seines engeren Vaterlandes in ununterbrochenem Verkehr. Auch sonst sind aus der Gerlachsheimer Anstalt tüchtige jüdische Handwerker hervorgegangen. Unter den Abiturienten des abgeschlossenen Schuljahrs befinden sich zwei jüdische Kinder, ein Knabe und ein Mädchen. Von den 96 Schülern waren im letztens Jahre fünf jüdischer Religion. Das ist die Durchschnittszahl. Zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichts, für den früher keine Lehrkraft vorhanden war, ist vom, großherzoglich badischen Oberschulrath der im Taubstummenwesen vorgebildete Lehrer Driesen in Tauberbischofsheim angestellt, und zwar bereits feit mehr als zwölf Jahren. Von Lehrer Driesen ist in Verbindung mit dem Rektor der Anstalt auch Sorge getragen, daß die Kinder an den hohen Feiertagen jeweils dem Gottesdienst in. Tauberbischofsheim beiwohnen können. Während der Festtage sind die jüdischen Taubstummen bei opferwilligen Familien untergebracht. Zuletzt, sei noch der wohlwollenden Unterstützung gedacht, deren sich die Anstalt von Seiten einiger Glaubensgenossen zu erfreuen hat. Wir, schließen unseren Bericht mit der Versicherung des Dankes für alle die, welche diesem ebenso schönen wie schweren Werke edler Nächstenliebe. Kraft, Zeit oder Mittel weihen, und bitten alle Edel- - denkenden, auch fernerhin dieser Stätte wahrster sozialer Pädagogik ihre werkthätige Sympathie zuwenden zu wollen. Oesterreich-Ungarn. □ Wien, 24. August. Sie lesen gewiß in den politischen Blättern jetzt viel von den politischen Bündnissen zwischen Liberalen und Deutschnationalen, d. h. Antisemiten, in Mähren, Böhmen, Niederösterreich u. s. w. Ueber die politische Taktik, die zu solchen Wahlbündnissen führt, ist kein Wort hier zu verlieren. Wohl aber muß ich. Ihnen von der überaus peinlichen Lage erzählen, in der sich die. Juden jener Länder, besonders in Mähren, diesem Wahlbündniß gegenüber befinden. Sie sind Deutsche und find liberal — sollen sie nun, wenn von den gemeinsamen Parteien ein solcher als Kandidat aufgestellt wird, auch einen Antisemiten wählen? Offen gestanden — ich glaube durchaus nicht, daß die mährischen Juden mit aller Philosophie dazu zu bringen} sein werden. Das ist doch noch etwas Anderes, als zur Zeit des Septennats bei Ihnen in Preußen. Damals war es eine Frage des Patriotismus — und da kannten die Juden keine Wahl. Hier aber ist es im letzten Grunde doch nur eine Opportunitätsfrage. Gleichwohl wird ihnen die Entscheidung sicher sehr schwer werden. Andererseits sind, freilich die mährischen Juden die Hauptstütze der liberalen Partei, die ohne ihre Hilfe in Mähren einfach verloren ist. — Aus Anlaß des Geburtstages des Kaisers Franz Josef fanden in allen hiesigen Tempeln Festgottesdienste statt. — Der Obmann des Brünn er Turnvereins hat im Namen des Turnrathes eine Erklärung veröffentlicht, in der allen Vereinsmitgliedern zur Pflicht gemacht wird,, im Verkehr miteinander durchaus, keinen Unterschied der Konfession oder des Bekenntnisses, zu kennen, damit Friede und Eintracht im Verein herrsche. — In Ungarisch-Brod wurde die bisherige Leitung der israelitischen

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