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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-28 · Heft 35 (28.8.1896) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 420 (sequence 12)
Language
German
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420 —Das Iudenthnm. d Von Wilhelm Ginsberg. s kamen und vergingen Völker In dem gewaltigen Strom der Zeit. Sie lebten nur, um zu vergehen Im weiten Meer der Ewigkeit. Die Perser, Griechen, Römer, Franken, Die stolz als ewig sich benannt. Sie, die den Erdkreis überwanden. Als nichtig wurden sie erkannt. Sie, die des Etdballs stille Fluren Hoch überschwemmt mit Kriegesfluth, Die ganze Länder, ganze Völker Geopfert ihrer blinden Wuth — Ihr Name ist mit Blut geschrieben In der Geschichte heil'gem Buch — Die Völker können wir nicht lieben. Den Völkern folgt des Himmels Fluch. Doch das Volk, das, ein Segensspenher, Den einen Gott gab dieser Welt, Gequält, getreten und verachtet, An seinem Glauben muthig hält. Das stolz, der starken Zeit zum Trotze, Manch Weltenreich hat überlebt. Das einzig steht in der Geschichte, Vor dem die Zeit zurückgebebt. Erreicht mit seinem Wahrheitsstreben, | Den höchsten Lohn, das ew'ge Leben; Mit seinem hehren Dulderthum > Denn ewig steht das Judenthum! Filterarische Miltheilungen. — Es dürfte in jüdischen Kreisen nur wenig bekannt sein, daß Professor Paul de Lagarde, der die königliche Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen als Erbin seines Nachlasse eingesetzt, die Bestimmung in seinem Testament getroffen hat, daß aus den Zinserträgen desselben in Zukunft die Herausgabe einer fortlaufenden Reihe von Druckschriften bestritten werden soll, die auf der einen Seite kulturgeschichtliche Schriften, Texte des Mittelalters n. s. w., „auf der anderen Seite die Werke der Kirchenväter und Scholastiker, sowie der arabischen, neuägyptischen und semitischen Litteraturen außer Hieroglyphen, Keilschrift und spezifisch jüdischen Schriften des späteren Mittelalters" umfassen sollen. Man sieht aus dieser Bestimmung, daß der verstorbene große Gelehrte doch eigentlich kein waschechter Antisemit war; sonst hätte er ja sein Vermögen gerade für die Uebersetzung der „spezifisch jüdischen Schriften des späteren MittÄalters" hergegeben, so z B. des „Schulchan Aruch" und kabbalistischer Werke, aus denen sich vielleicht Kapital gegen die Juden hätte schlagen lassen. Eine Gesellschaft von Schülern und Verehrern Lagarde's hat den Fonds vergrößert und beabsichtigt nun, mit der Herausgabe verschiedener einschlägiger Werke vorzugehm. Ich möchte übrigens bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen, daß die Wittwe des großen Gelehrten in ihrer Biographie desselben, die vor etwa zwei Jahren erschienen, ausdrücklich den Nachweis zu. führen versucht hat, daß derselbe persönlich die Juden durchaus gar nicht gehaßt habe. Persönlich vielleicht nicht — aber lilterarisch-politisch sicher desto mehr! L. S. — Heft 9 des 40. Jahrgangs der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums (Breslau, S. Schottländer) hat folgenden Inhalt: B. Königsberger, Beiträge zur Erklärung des Buches Hiob. (Forts.). — I. Baßfreund, Das Fragmenten-Targum zum Pentateuch (Schluß). — S. Eppenstein, Studien über Josef Kimchi. (Forts.). — D. Kaufmann, Juda Halewi und seine ägyptischen Freunde Samuel ben Chanauja und Ahron Alamani. — M. Grnnwald. Handschriftliches aus der Hamburger Stadtbibliothek. (Forts). M. ® üb ernennt, Notiz. — Bibliographische Uebersicht. Sprecffsaat. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sn seinem Aufsatz über Hebbel, den ich erst jetzt zu Gesicht bekomme, erwähnte Herr Rabbiner Dr. Biach dessen Ausspruch, es sei für Rahel Levin ein Glück gewesen, als Jüdin geboren worden zu sein. Herr Dr. Biach fügt hinzu, daß sie selbst erst auf dem Sterbebett zu dieser Ueberzeugung gelangt sei. Die damit geäußerte, allgemein verbreitete Ueberzeugung, es habe Rahel in der Sterbestunde gewissermaßen ihrer jüdischen Sympathie Ausdruck gegeben, beruht auf einer Legende;- in Wahrheit besagt die betreffende Stelle bei Varnhagen eigentlich das Gegentheil. Sie lautet (S. 43, Rahel): „Welche Geschichte! rief sie mit tiefer Bewegung aus — eine aus Aegypten und Palästina Geflüchtete bin ich hier und finde Hilfe, Liebe und Pflege von euch! Dir, lieber August, war ich zugesandt, durch diese Führung Gottes, und du mir! Mit erhabenem Entzücken denk' ich an diesen meinen Ursprung und diesen ganzen Zusammenhang des Geschickes, durch welches die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechts mit der neuesten Lage der Dinge, den weitesten Zeit- und Raumfernen verbunden sind. Was so lange Zeit meines Lebens mir die größte Schmach, das herbste Leid und Unglück war, eine Jüdin geboren zu sein, um keinen Preis möcht' ich dies jetzt missen Wird es mir nicht ebenso mit diesen Krankheitsleiden gehen, werd' ich einst nicht ebenso mich freudig an ihnen erheben, sie um keinen Preis missen wollen? O, lieber August, welche tröstliche Einsicht, welch' bedeutendes Gleichniß! Auf diesem Wege wollen wir fortgehen!" Und darauf sagte sie unter vielen Thränen: „Lieber August, mein Herz ist im Innersten erquickt; ich habe an Jesus gedacht und über sein Leiden geweint; ich habe geiühlt, zum ersten Mal es so gefühlt, daß er mein Bruder ist." Verstehe ich die etwas mystische Stelle recht, so kommt sich Rahel interessant vor, weil sie Jüdin gewesen ist. Aber irgendwelche Sympathie für Juden oder Judenthum enthält die Stelle nicht Vielmehr gehören ihre Sympathien, abgesehen vom ChristenthuM' nur ihr selbst. Selbst der liebe August, den sie so professoral anredet, spielt eigentlich eine Nebenrolle. Hochachtungsvoll Berlin, 24. August. X. * Geehrter Herr Redakteur! Än der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes wird in dem IS Protokolle der zwölften Konferenz des Vereins israelitischer Lehrer in Emden und Oldenburg mir in der Debatte über das Bibellesen in den Mund gelegt: ich hielte es für ersprießlich, in einer besonderen Unterrichtsstunde allwöchentlich auf den Inhalt der Haftora einzugehen. Daß dieses Verfahren insofern von Nutzen sein muß, als die Kinder dadurch wünschenswerthe Klarheit über Tendenz und Inhalt des betreffenden Abschnittes erlangen, wird wohl Niemand in Abrede stellen. Gleichviel muß ich in Abrede stellen, daß diese Ansicht in obiger. Fassung von mir ausgegangen. Ich glaube vielmehr seinerzeit gesagt zu haben: ich halte es . . . in einer der Stunden des biblischen Geschichtsunterrichts allwöchentlich auf den Inhalt .... einzugehen; muß also mißverstanden worden sein. Es kann doch schwerlich angenommen werden, daß ich als Elementarlehrer einer einklassigen Schule meinen Amtsgenossen den Vorschlag mache, sich auch noch eine 34. Unterrichtsstunde zuzulegen, um mit Erfolg Unterricht im Bibellesen ertheilen zu können. Obgleich ich von der Wichtigkeit des Bibellesens in unseren Schulen überzeugt bin, so ist doch meine Meinung, wie sie zur Zeit der Konferenz gewesen: die. ersten 15 oder 20 Minuten — je nach Bedürfniß — in der ersten Unterrichtsstunde in biblischer Geschichte, die gewöhnlich bei uns auf Sonntag fällt, dazu zu verwenden, auf den Inhalt der Haftora so einzugehen, daß dieser schließlich in einem kurzgefaßten Grundgedanken dem kindlichen Verständnisse eingeprägt wird. Achtungsvoll Meppen, 25. August. H. Ludwig. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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