Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Alterthümer aus Nimrud am Euphrat, welche Sir Henry Layard 1862 ausgegraben; dann im Saale von Kertsch eine ganze Reihe von Alterthümern aus dem kimmerischen Bosporus, die sich auf die Geschichte der Juden in der Krim beziehen. Auch in der Gemäldegalerie findet sich eine reiche Anzahl berühmter Bilder, die biblische oder jüdische Stoffe behandeln, namentlich Werke von Rembrandt. An der einen Wand begrüßen uns seine beiden wohlbekannten alten Rabbiner, an der anderen das berühmte Bild: „Die Söhne Jakobs bringen ihm das blutige Kleid Josephs", eine Komposition von tief ergreifender Wirkung. Gegenüber das nicht weniger bekannte Bild deffelben Meisters: „Die Prophetin Hanna lehrt ihren Sohn lesen". Links davon sein Gemälde: „Abraham erwartet den Engel". Im Saal der spanischen Meister sind es namentlich zwei weltbekannte Bilder von Murillo, welche uns fesseln: „Der Segen Jakobs" und „Der Traum Jakobs". Ach, wie weit ab von diesem Traum des Patriarchen ist das Schicksal seines Volkes in diesem Lande entfernt! In der alten Eremitage fällt uns am meisten ein holländischer Schrank mit der Geschichte des Ahasverus und der Esther auf, in dem — die Schlafröcke Peters des Großen aufbewahrt werden. Noch interessanter für uns ist die kaiserliche Bibliothek, eine der größten Europas. Dort ist namentlich für den jüdischen Gelehrten eine reiche Ausbeute zu finden. Schon der zweite Saal, rechts vom Eingang, einer der schönsten des ganzen Gebäudes, ein Saal mit fünf tief liegenden Bogenfenstern, enthält die ganzen ka.raitischen Handschriften, die uns an die berühmten und berüchtigten Entdeckungen und Fälschungen des seligen Abraham Firkowitsch erinnern, darunter mehr als 47 Schriftrollen des Pentateuch, von denen einzelne bis in die Mitte des ersten Jahrtausends hinaufreichen, die ja unzweifelhaft das Gepräge der Echtheit an sich tragen. In dem nächsten Saale, in welchem nur Handschriften ausliegen, finden wir. vor allem den berühmten Codex Sinaiticus, den Zweitältesten griechischen Bibeltext ans dem 4. Jahrhundert, ben bekanntlich Professor Constantia Tischendorf im Sinai- , kloster gefunden und später an die russische Regierung verkauft hat, ferner. viele samaritanische Handschriften. In die neuere Zeit geleitet uns eine Sammlung von Thronbesteigungsadressen jüdischer Gemeinden Rußlands an die Zaren von Katharina II. an bis auf die Gegenwart in prächtigen Originaleinbänden. Die interessanteste von allen Sehenswürdigkeiten ist aber wahrscheinlich für Biele das asiatische Museum, welches auf dem prachtvollen Platz hinter der Schloßbrücke — einen: der schönsten der Welt — in dem Gebäude der Akademie der Wissenschaften sich befindet. Dort sind die alten Grabsteine aus der Krim, um welche vor einem Vierteljahrhundert ein sehr heftiger Streit entbrannt ist, der die beiden hervorragendsten Gelehrten auf diesem Gebiete in Petersburg zu unversöhnlichen Gegnern für Lebenszeit gemacht hat. Um diese Grabsteine zu studiren und verschiedene Fälschungen in ihnen zu erkennen, braucht man nicht einmal ein großer Paläograph zu sein., Es ist allerdings nicht schwer, wenn'man erst einmal auf solche Fälschungen aufmerksam gemacht worden ist und die ganze einschlägige Litteratur kennen gelernt hat, die Bestätigung dieser Unechtheit selber, auch mit unbewaffnetem Auge herauszufinden. Trotzdem sind die Grabsteine interessant, 'sehr interessant sogar, und zwar die unechten nicht weniger wie die echten, wenn auch aus verschiedenen Gründen. Hier hat man einmal alte Denkmäler der jüdischen Geschichte vor Augen, an denen es ja in unseren Ländern fast gänzlich fehlt. Und inmitten dieser Gräberwelt war es, wo ich den Entschluß faßte, meine ursprünglich nur auf Centralrußland berechnete Reise bis nach der Krim auszudehnen, deren Geschichte diese Grabsteine in merkwürdiger Weise beleuchten. Der Abschied von St. Petersburg ist mir nicht schwer geworden. Unglücklicherweise lag mein Hotel in der Nähe des großen Senatsgebäudes, wo die Büreaus des heiligen Synods sich befinden und unser theurer Gönner Pobeodonoszeff als Oberprokuror residirt. Nicht umsonst mündet das Thor dieses großen Gebäudes in die „Galeerenstraße!" Man braucht wahrhaftig kein Fanatiker zu sein, um angesichts dieser Räume in Hellem Zorn zu erglühen ob der Verfolgungen, Anfeindungen und Bedrückungen, die aus diesem Hause gegen unsere Glaubensbrüder in Rußland ihren Anfang genommen und bis auf den heutigen Tag fortgesetzt werden — trotz aller Ableügnungen und Dementis, ja selbst trotz des Interviews, welches mein verehrter Freund Friedrich Schütz von der „Neuen Freien Presse" wenige Tage darauf mit dem gefürchteten Oberprokuror des heiligen Synods gepflogen hat. Jeder Jude, der in Rußland reist, kann ja selbst die Probe auf das Exempel machen und wird sehr oft Gelegenheit haben, die Wahrheit dieser Behauptungen am eigenen Leibe zu erfahren. Schon beim ersten Eintritt ins Hotel — in Petersburg wie in Moskau, Odessa und Kiew; von den anderen Städten gar nicht zu sprechen, in denen den Juden der Aufenthalt überhaupt verboten ist — wird er vom Portier mit einer gewiffen plumpen Vertraulichkeit behandelt, sobald dieser seinen Paß gesehen und daraus sein Religionsbekenntniß erfahren hat. Diese Portiers haben aus der sogenannten Judenfrage sich ein gutes Geschäft gemacht; ja, diese ist auch noch für sehr viele Andere eine melkende Mb, die sie beständig mit Butter versorgt. Die erste Begrüßung des Portiers besteht also darin, daß er seinen ausländischen Gast gruseln macht: „O, hier ist der Oberpolizeimeister sehr streng!" — . ,^Hier können Sie Unannehmlichkeiten haben!" — „Unser Polizeimeister macht Geschichten mit ausländischen Juden" — und dergleichen mehr. Der Anblick eines Rubels schmilzt nun allerdings das keineswegs .stfinerne Herz des Portiers, und er beginnt gelindere Seiten anzuschlagen. Nach langen Unterhandlungen schließt das Interview immer mit der Erklärung: „Aber auf das Polizeibüreau müssen Sie doch selbst gehen." Welche Behandlung man oft auf einem solchen russischen Polizeibüreau von niederen Beamten erfährt, welchen Demüthigungen man dort nicht selten ausgesetzt ist (die Phrase: „Wir werden sehen, wie lange wir Sie hier behalten wollen," ist fast eine ständige), das weiß ich allerdings nicht aus eigener Erfahrung, da meine Legitimation mir solche Unannehmlichkeiten ersparte, aber ich habe es von vielen anderen und von durchaus vertrauenswürdigen Männern erfahren. Ja, die plumpen Vertraulichkeiten der Herren Portiers habe ich in den Städten, wo Juden der Aufenthalt verboten ist, selbst erlebt, bis der Anblick meiner Legitimation sie eines Befferen belehrte. Angesichts solcher Thatsachen machen die Mittheilungen, welche wir seit zwei Jahren in den Zeitungen lesen und die auch unser Blatt gern reproduzirt hat, die Mittheilungen nämlich Über eine veränderte Windrichtung den Juden gegenüber in den höheren Regionen des russischen Lebens, einen mehr als seltsamen Eindruck. Im Lande selbst verspürt man bis jetzt gar wenig von dieser veränderten Windrichtung. Und doch geben die Aermsten unter den Armen die Hoffnung niemals auf. Sie warten und warten auf bessere menschliche Schicksale und auf glücklichere Tage. Wie lange noch? Und wann wird ein Netter kommen diesen Armen? Mothai kol ha-tor liischma be-arzom? G. K. üüü