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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-08-28 · Heft 35 (28.8.1896) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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Es war des armernMosche schwerster Kummer, daß er einst vergessen sein werde, weM anderen Leuten der Trost gegönnt ist, daß in ihrem Hause die Oellampe brennt zu ihrem Gedächtniß, daß sie an ihrem Sterbetage die Liebesbeweise empfangen, welche^ im irdischen Leben an Geburtstagen unser Dasein verschönern. Mosche war nämlich uaverheirathet geblieben, denn er war ein viertgeborener 'Sohn und hatte als solcher keine Aussicht, jemals die Heirathsbewilligung zu erhalten, da nach der Judenordnung die Anzahl der jüdischen Familien sich nicht mehr vermehren sollte und. darum eine Heirath nur dann gestattet war, wenn ein „Familiant" starb. In einem solchen Falle hatte aber dev Erstgeborene ein Vorrecht und Ändere konnten es nur erlangen, wenn sie große Summen auf Bestechung von Beamten verwendeten, die Mosche, als armer Melamed, nicht aufzubringen vermochte. Freilich hatten viele Andere a!ls „Magranten" *), wie man das nannte, ohne behördliche Bewilligung geheirathet, aber dazu war Mosche zu vornehm. Er wollte sich dazu nicht verstehen, auf alle öffentlichen Vorrechte des Familienvaters zu verzichten, kein Barett zu tragen, was eben nur den Familianten erlaubt war, bei der Einsegnung eines neugeborenen Kindes nicht als Vater erscheinen zu dürfen, ja, sich der Gefahr auszusetzen, daß die Sittenpolizei — was häufig genug vorkam — sein Haus durchsuche und er sein Weib verleugnen, sie als seine Aftermietherin und seine Kinder als ihm nicht zugehörig bezeichnen mußte. So etwas that Mosche nicht, und darum blieb er, ein weißer Nabe im Ghetto, ein alter Junggeselle. Als dann der Sturm des Jahres 1848 alle diese Reste mittelalterlichen Egoismus' hinwegfegte, war Mosche rzu alt, um noch au eine Heirath zu denken, aber er dankte fett in seiner selbstlosen Art, daß er den Tag erlebt hatte, wo Andere auf ihr Lebensglück'nicht mehr verzichten mußten, um Juden/zu bleiben. .. . '-.''-'r „Wie leicht ist. es jetzt, ein ehrlicher Jud' zu sein," pflegte er zu sagen. „Merkwürdig, daß die junge Welt das nicht einsehtn will!" Wir müssen aber zu unserem Awromele zurückkehren. Dtr Wahrheit die Ehre! Er hatte einen harten Kopf. Sonst sehr geweckt, wenn es galt, in ein Dorf zu gehen und eine Bestellung auszurichten, einen Marktwagen auf- und abladen helfen oder sonst etwas zu thun, wobei er einen Groschen verdienen konnte, war er stupid, wenn er an den Talmud ging. Er konnte einfür allemal das lebhafte Interesse nicht begreifen, welches Andere ad einem Ei nahmen, welches eine unvorsichtige Henne am Feiertage gelegt hatte. Ja, mit tiefem Schmerze müssen wir es gestehen, es war ihm absolut gleichgiltig, ob diese Henne zur Zucht oder zuisi Essen bestimmt war, ob der Feiertag auf einen Sonntag oder einest Freitag fiel, worüber im Talmud viel gestritten wird. So schwach aber auch Awromele im Talmud war, bei seiner Vorbereitung zur Barmizwa legte er den rühmlichsten Eifer an den Tag. Es'-war auch nichts Kleines, den Abschnitt „Matoß Massel) aus der Thora zu lesen, zu welchem der geübte Vorleser dreiviertel Stunden braucht, und dabei muß man nicht nur, wie beim Thoralesen überhaupt, die fehlenden Vokal- und Accentzeichen im Gedächtnisse haben, sondern das Verzeichniß von Israels Stationen auf der Wüstenwanderung nach einer eigenen Marschmelodie Vorträgen, die besonders für Knaben im Alter des Stimmbruches schwierig ist; kurz, das Ganze ist eine Leistung, vorder mancher Professor der orientalischen Sprachen zurückschrecken würde. Awromele hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, daß die Welt nicht sagen soll : „Auf einem Dornenbanm wachsen keine Birnen." ') Emigranten. 2) 4. Buch Mose, Kapitel 3)—36. Er machte dem neuen Anzug und dem Tallis, mit' denen ihn Reb Rephoel beschenkt hatte, alle Ehre, und die schärfsten Kritiker der Gemeinde waren darin einig, daß sie . eine solche Meisterleistung nicht von Mordche Wächters Jüngel erwartet hätten; Manche verstiegen sich sogar zu der kühnen Hypothese: „Wenn er nicht Mordche Wächter gehören würde, könnte aus dem Jüngel etwas werden." (Fortsetzung folgt.) Von der Verse, n. aß ich es nur gestehe: Leicht ist mir der Abschied von den waldumkränzten Hügeln des deinen Czarna, der „chassidischen Schweiz", wie es ein geistreicher Freund nannte, wahrlich nicht geworden. Aber gleichwohl; ich hatte es mir seit Langem vorgenommen, Rußland kennen zu lernen, und so unternahm ich 'denn an einem sonnigen Dienstag (Kitob) Anfangs Juli die russische Reise. Die Fahrt von Warschau nach Petersburg, welches meine erste Station sein sollte, ist in vielen Beziehungen sehr interessant.- Durch ganz Polen begleiten uns zahllose arme Glaubensgenossen, die sich auf den Bahnhöfen bei Ankunft des Zuges immer in ganzen Kolonnen zusammenfinden. Auf manchen Stationen, wie in Bialystock, Grodno, Wilna, sieht man ihrer Hunderte auf den Bahnhöfen geschäftig auf und ab laufen, ohne daß es auch nur Einem von ihnen einfiele, mitzufahren. In Dttnaburg wird ihre Zahl schon geringer; mit dem Eintritt in das Gouvernement Pskow verschwinden sie plötzlich ganz von der Bildfläche der Eisenbahnstationen. Hier, etwa bei Luga, scheint die Grenzlinie des Ansiedelungsrayons zu liegen. Ich kann;.gar.nicht sagen, welch traurigen Eindruck dies Alles macht. Viele Hunderte von Meilen kann man nun durch das weite Großrußland fahren, ohne daß man auch nur einem jüdischen Gesicht begegnet. Man vermißt jetzt ordentlich die armen polnischen Juden, deren Anblick Einem vorher gerade nicht sehr viel Freude gemacht hat, und man denkt unwillkürlich an das Wort Heines: '„Ich glaube: Gäbe es keinen' Juden mehr, und man wußte, es befände sich irgendwo ein Exemplar von diesem Volk, man würde hundert Stunden reisen, um es zu sehen und ihm die Hand zu drücken — und jetzt weicht man uns aus!" Das ganze Ensemble der Naturscenerie bis kurz vor Petersburg stimmt übrigens zu diesen traurigen Eindrücken. Stunden und Stunden geht der Weg durch Wälder und Steppen, aus denen äußerst selten ein armseliges russisches Dorf auftaucht, das meist nur aus schief nebeneinander stehenden Hütten besteht. Und diesen unwirthsamen Gegenden sollen die armen Juden Schaden bringen! Auch in Petersburg sieht man nicht viele Juden auf der Straße und noch weniger jüdische Firmenschilder. Nach ben neuesten statistischen Mittheilungen sollen dort noch immer 9000 Juden leben. Leider war es mir nicht vergönnt, die hervorragendsten unserer Petersburger Glaubensgenossen kennen zu lernen. Sie waren entweder alle in die Bäder gereist oder auf ihren Datschen, d. h. Sommerwohnungen, und darum schwer zu erreichen. Nur die neue Synagoge habe ich mir angesehen, die ein sehr schöner und stattlicher Bau ist in einer der lebhaftesten Straßen der Residenz, und die nach ihrer Vollendung, obwohl sie Bädeker in seinem Reisehandbuche gar nicht erwähnt, doch zu den Sehenswürdigkeiten Petersburgs gehören wird. Auch ip der kaiserlichen Bibliothek und in der Eremitage hatte ich Gelegenheit, Verschiedenes zu sehen, was für jüdische Kreise von besonderem Interesse ist, so z. B. in der Eremitage die assyrischen

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